Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1901)
- Date
- 1901-03-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4L. Jahrgang. Aeitage zu M 24 des „Israelit". Leitender Artikel. Nus vergilbten Vapiercn. I. W i e s b a d e n , 27. September 1837. .Hoch >. oohlgeborener, hochzuverehrender Herr! ch'ur die Ileberzeugung von der wohlwollenden Theilnahme. mit welcher Ew. Hochwohlgeb. die Angelegenheit betrachten, von der ich zu sprechen mir die Freiheit nehmen will, kann mich entschuldigen, daß ich Sie mit solgenden Zeilen belästige. Tic Erledigung des Rabbinats zu Karlsruhe ist em Ereigniß, tvelches für die Zukunft der Juden in Baden von bedeutendem Erfolge fein kann; von dessen Wiederbesetzung hängt viel ab. Der Umstand, daß der Rabbiner zu Karlsruhe nicht bloß einer bedeutenden Gemeinde als Seelsorger vorsteht und schon durch seine Stellung zum Muster für die übrigen Rabbiner des Landes wird, sondern daß ihm sogar, als geistlichem Mitglicde des Oberrathes, direkte Einwirkung auf die Gestattung des Eultus und des ganzen Religionswessns der Juden überwiesen ist, rechtfertigt diesen Ausspruch. Man hat in den Verhandlungen über die bürgerlichen Stellungen der Juden in dem Grossster zogklmm Baden häufig daraus hingewiesen, daß ihre religiösen Ansichten mehr init den Pflichten gegen den Staat in Einklang zu bringen sind. Vor Ew. Hochwolstgeb. darf ich es, ohne Turcht Ihnen zu mißfallen, gestehen, daß ich diesen Zusammenhang zwischen den bestehenden religiösen Ansichten unter den Juden und ifvrcin Neuste und ihrer Fähigkeit, völlig ebenbürtig in den Staatsverband einzutreten, nicht zugebe, und daß ub die Aufgebung auch des geringsten religiösen Ge botes um der Erlangung eines äußeren Bortheiles wilttu mit alle'' Macht von mir weisen würde. Ew. Hvehwohlgeb. haben mit zu edler Wärine und Humanität selbst diesen Grundsatz ausgesprochen, als daß ich den'elben zu erörtern wagen diirfte. Aber tvenn auck der religiöse Fortschritt unter den Juden nicht als Bedingung für deren bürgerliche Gleichstellung gelten darf, io scheint mir dieser iedoch an sich ein höchst dringendes Bedürfniß. Leider hat bis jetzt dieses Beoürfniß der Zurüstführung des entarteten Juden thums aus seine reine, ursprüngliche Gestalt, seiner ..Umwandlung aus einer tobten Werkheiligkeit und Jorwensta ersten" zu einer thatkräftigen Religion der «stestnn'ing, in Baden seine Vertreter noch wenig gefunden; den „dortigen Rabbinern scheint es meist", soviel mir die Verhältniffe in Baden bekannt sind, „an der Tüchtigkeit und der Intelligenz zu fehlen, welche hierzu erforderlich sind. Die weisen und humanen Absichten und Einrichtungen einer hohen Großherzogl. Regierung konnten dadurch nicht in Ausführung gebracht werden." und der Großherzogl. Oberrath scheint in vielfacher Beziehung, gerade, weil ihm in der Person des lvesentlich leitenden Mitgliedes, des Rabbiners zu Karlsruhe, ein Mann von Klarheit und Entschiedenheit gebrach, bis jetzt „nicht den wohlthätigen Einfluß geäußert zu haben, den man nach den wohlwollenden Zwesten der höchsten Behörden, von ihm erwarten tonnte." Einein Manne nun diese Stelle zuzuwenden, welcher geeignet wäre, diese Absichten in's Leben zu führen, würde dem schönen Werke, welches Badens Regierung schon seit 1809 ausübt, die Krone aufsetzen, und Ew. Hochwohlgeb. ist der schöne Beruf geworden, hierfür ain Meisten mitzuwirken. „Es könnte sich wohl einiger Widerspruch von Seiten mancher Gemeindemitglieder geltend machen;" aber, wahrlich, es ist hier, wie in so vielen anderen Beziehungen, „ein wichtiger und hoher Auftrag der leitenden Behörden, die Unmündigen zu bevormunden und die Erziehung selbstständig zu übernehmen," und der Dank aller Besseren wird gewiß solchen edlen Bemühungen folgen. Jreunde von mir glauben, daß „ich fähig wäre, in einer solchen Stelle einiges Gute zu wirken." Ich Vars von meinem Willen dazu die aufrichtige Verstchej rung geben i in Betreff meiner Fähigkeit muß ich das i llrtb.eil Andern überlasten und erlaube mir blos, auf! meine bisherigen schwachen Persuche auf dem Gebiete j der Litteratur, ain meine in Bonn gekrönte Preis- | schrift: „Was hat Mobamed aus dem Judenthum auf- , genommen'!'" und auf die acht bis jetzt erschienenen Hefte der von mir besorgten „wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie" hinzuweisen. Seit fünf Jabren stebe ich bereits hier im Amte, und ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ick nickt ohne Jrüchte hier gewirkt zu haben glaube, und das schmeichelhafte Zutrauen der mir Vorgesetzten Behörde bestärkt mich in dieser Hoffnung. Ich werde mick beeilen, auf Verlangen sowohl meine bisherigen litterarischen Arbeiten, als auch Zeugnisse über mein bisheriges Wirken Ew. .Hockwoblaeb. zur Prüfung vorzulegen, und erlaube mir ooAäufig, des gütigen ilrtheils, welches Herr Kirchen- und Minisserialratb D. Sonntag in Karlsruhe amtlick in den „theologischen Studien und Kritiken" über meiiw Arbeiten ausgesprochen hat, zu gedenken. Vielleicht dürft? mich dies zur Hoffnung ermutbigen. daß eine Großherzogl. Regierung mir ein Amt übertragen wollte, dessen Wichtigkeit ich zu sehr erkenne, um nicht zaghaft daran zu gehen, wobei aber ' die Aussicht zum Wohle meiner Glaubensgenossen nach