Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1901)
- Date
- 1901-03-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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562 die Zwangslage zu kommen, ihre so überaus segensreiche Wirksamkeit einzuschränken, was sür eine große Kalamität bedeuten würde. Es bedarf wohl nur dieses Hinweises, um unsere wohlthätigen Glaubensgenoffen zu reichhaltigen Spenden zu veranlaffen. Frankfurt a. M., im März. Im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" sprach am 20. Febr. Herr Rabb. Dr. K o t t e k aus Homburg v. d. H. Sein Thema lautete: „Die vier Gefangenen." Redner gab einen lleberblick über die Verhältnisse des Thorastudiums von den Zeiten der Mischna an und schilderte dann, auf die neueren Perioden kommend, die Blüthe des Studiums in Italien, welches seit früher Zeit mit Palästina in Verbindung stand, und in Spanien, wohin es von Babylon aus gebracht wurde. Auf Grund von Halevy's „Doroth Harischonim" erzählte er die Geschichte der vier von Piraten gefangenen babylonijchen Gelehrten: Schmarja, der nach Egypten verkauft wurde, Uschiel, der nach Kairoan kam, Mosche und Ehanoch, welche nach Cordova gelangten. Von diesen letzteren wurde die Blüthe der Talmudgelehrsamkeit in Spanien begründet, und dem vor etwa 1000 Jahren stattgehabten Ueberfall des maurischen Admirals ist die Größe der Verdienste, welche sich die spanischen Juden auch in weltlichen Wissenschaften und Politik erworben, in letzter Linie zuzuschreiben. Der Vortrag fand vielen Beifall. — Am 13. März sprach an Stelle des verhinderten Landrabbiners Dr. Prager-Cassel, Herr Prof. Dr. S u l z b a ch von hier über den „Fettmilch'schen Aufstand" in Frankfurt a. M. Im Jahre 1612 empörten üch die Gewerke gegen den Rath. Ihre Anführer waren der Lebküchler Vincenz Jettmilch und die Schneider Conrad Schopf und Conrad Gerngroß. Zugleich war es auf die Juden abgesehen, deren Ausweisung ste verlangten. Einmal gelang es den kaiserlichen Kommissaren, den Sturm auf die Judengasse abzuwenden. >614 aber wurde es ernst. Weil einige Handwerksgesellen aus der Stadt gewiesen werden sollten, ging es gegen die Juden los! Am 22. bis 23. August 1614, Rachmittags 5 Uhr, wurde an die Pforten geklopft, Alles sammelte sich auf dem Friedhofe, um zu weinen und zu beten. Nachts erfolgte der Sturm. Es gab Verwundete auf beiden Seiten, die Rotte hatte die Ileberhand, die ganze Nacht wurde geplündert. Am anderen Tage erschienen die Bürger unter Anführung des Bürgermeisters, woraus sich die Aufrührer zurückzogen. Allein in der folgenden Nacht ging's wieder los. Fettmilch entbot die Juden auf den Friedhof und befahl ihnen, aus der Stadt zu gehen. Indem öffnete stch eine kleine Pforte und 1380 Personen zogen auf's Fischerfeld, von da in Kähnen nach Hanau u. a. O., wo man ste freundlich aufnahm. Auch die ehrbaren Bürger Frankfurts hatten Mitleid mit den Opfern der Aufrührer, die das Regiment in Händen hatten. Indessen wurde die Gasse wieder geplündert. Kaiser Mattäus aber ergriff strenge Maßregeln. Das Jahr darauf wurde den Juden eröffnet, sie könnten wieder nach Frankfurt ziehen, wenn sie wollten. Durch das Loos bestimmten die Juden vierzig Glaubensgenossen, die nach Frankfurt gingen. Fettmilch wurde verhaftet sammt seinen Genossen und ein halbes Jahr in Haft behalten. Am 8. März-1616 verkündete ein kaiserlicher Herold, daß Niemand aus seinem Hause gehen solle, daß kein Wein verkauft werden darf. Tags darauf ging eine Abtheilung Zimmerleute auf den Roßmarkt, stellte ein großes Gerüst auf, und am Mittwoch Morgen, 10. März oder 20. Adar, wurden Fettmilch, Schopf und Gerngrosz auf das Gerüst geführt und dem Henker übergeben, der ihnen erst die Finger und dann die Köpfe abhieb. Neun andere wurden ausgepeitscht, acht aus der Stadt verwiesen. Die Köpfe wurden auf dem Brückenthurm ausgestellt. Fettmilch's Körper aber geviertheklt und seine Gliedmaßen an den vier Seiten der Stadt aufgehängt. Sein Haus wurde niedergerissen und durfte nie wieder aufgebaut werden; an seiner Stelle wurde eine Schandsäule errichtet. Den Juden aber war gesagt worden, sie sollten sich vor dem Galgenthor (dem sväteren Gallusthor) versammeln. Nach der Ereeution wurden sie von Soldaten mit Musik eingeholt, wobei ihnen eingeschärft wurde, sechs und sechs zu gehen. Die Judengasse wurde feierlich unter kaiserlichen Schutz gestellt, die „Stättigkeit" wurde verlesen, und nun gingen die Juden in ihre Häuser, die allerdings nicht mehr recht bewohnbar aussahen. Der angerichtete Schaden wurde auf ungefähr 180,000 Gulden angeschlagen und auch ersetzt. Dankgebete wurden gehalten, und Abraham ben Elchanan Helen lWertheimer) verfaßte ein den ganzen Vorgang darstellendes hebräisches Gedicht, das er auch auf Deutsch übersetzte. Die Verhältnisse besserten sich dann etwas, die alte „Stättigkeit" wurde durch eine neue mildere erseht, aber der gelbe Ring blieb. Den Bürgern wurde im Bürgereid die Verpflichtung auferlegt, die Juden zu schützen, aber wohl nicht wörtlich befolgt. Erst der Sturm, der Kronen umwarf, brachte auch in Frankfurt das Ende der Stättigkeit. Reaktionen sind nicht ausgeblieben, denn der Fortschritt geht in kleinen Kurven. Aber die letzten Fesseln der Stättigkeit werden auch noch fallen. lZu diesem Vorträge ist zu bemerken, daß der 19. Adar auf ewige Zeiten zum Fasttag, der 20. zum Purim eingesetzt wurde, und zwar auch im Schaltjahr am 1. Adar. obgleich 1616 01376) ein gewöhnliches Jabr war. Die Melodie, welche die einholenden Trommler und Pfeifer spielten, wird heute noch am Frankfurter Purim zu cb'V, px bezw. dem mcen irp gesungen.*) Der Sage nach ist ein jüdischer Mustler, die Geige spielend, vor den Juden hergezogen, und führen dessen Nachkommen noch heute den Zunamen Geiger.) *) Siehe r6np WIN L>. 423 und S. 439.