Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-03-25 · Heft 24 (25.3.1901) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 24 (25.3.1901)
Date
1901-03-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449171--52991-2503557
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

560 Genuß rrc — die Strafe der Ausrottung — gesetzt ist. — Die Fälle, die uns aus eigener Erfahrung und durch uns vorliegende Berichte bekannt sind, bekunden eine solche Fahrlässigkeit und offenkundige Täuschung des Publikums, daß jeder die Verantwortung an diesen Mißständen mitträgt, der nicht sein Wort dagegen erhebt. Wir wollen von einer Veröffentlichung dieser Fälle hier absehen und beschränken uns auf die Erklärung: „Wer an Peßach wirklich Mizwas-Mazzoh erfüllen und nicht befürchten will, statt dessen Chomez zu genießen, der darf seine Mazzos nur von einer Bäckerei beziehen, deren vollständige Zuverlässigkeit durch das Zeugniß eines gesetzestreuen Rabbiners festgestellt ist." So gewiß man heutzutage kein Fleisch, keinen Wein ii. dgl. genießen darf, wenn deren Kaschrus nicht von vertrauenswürdiger Seite bezeugt ist, so gewiß und in noch viel höherem Grade ist diese Vorsicht für den Genuß von Mazzos an Peßach geboten. Die Mißftände sind nicht neu; aber sie traten in früherer Zeit nur vereinzelt auf und haben damals, sobald sie bekannt wurden, sofort die gebührende Rüge erfahren. Heute aber ist der frevelhafte Leichtsinn, der sich gerade bei der Bereitung der Mazzos geltend macht, leider so vielfach verbreitet, wie die Stimmen seltener geworden sind, welche sich gegen diese Kalamität erbeben. Jeder, der unsere jüdischen Anliegen auch nur mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt, wird zugeben, daß der religiöse Ernst seit 70—80 Jahren sehr zurückgegangen ist. Vor nun 75 Jahren hat der berühmte Rabbiner von Preßburg, R. Moscheh Sofer s. A., von der ungenügenden Art und Weise Kunde erhalten, mit welcher damals die Mazzos in T r i e st hergestellt wurden. Der Brief, den er deßhalb nach dort gerichtet hat, ist uns noch in den cn~ mrtrn erhalten und wir können es uns nicht versagen, ihn hier in der lleberseßung folgen zu lassen. Er ist ein klassisches Beispiel für die entschiedene und doch so leutselige, lanftmütbige Art der Zurechtweisung, mit welcher der große Mann die Geister und Gemüther zu gewinnen verstand, an welche sich sein väterlich mahnendes Wort wandte. Der Brief lautet: „Ich wende mich an Euch, geehrte ausgezeichnete Männer, in freundlicher Weise in einer Angelegenheit, die das Gebot der Mazzoth und die Beseitigung des Ehomez betrifft. Wie ich höre, bezieht die Mehrzahl der italienischen Gemeinden ihren Bedarf an Mazzos von Triest, da Gewissenhaftigkeit und Achtsamkeit dort heimisch sind. Auch höre ich von der überaus großen Wohlthätigkeit, mit welcher die Reichen der dortigen Gemeinde Tausende für diese Mizwa hingeben, um israelitische Arme damit zu versorgen. Möge Gott Euch dieses lohnen! Andererseits aber hörte ich auch, daß die Hut der Mazzos. das Kneten, Herrichten und Backen der Mazzos, daß diese höchst wichtigen Dinge den Händen von jungen, jüdischen Leuten überantwortet sind, denen jede Wissenschaft, Kenntniß und Gesetzeskunde abgeht. Und die Uebertretung des Chomezverbotes ist doch mit der Ausrottungsstrafe belegt; während dagegen derjenige, der auch nicht das geringste Chomez genießt, das ganze Jahr hindurch von jeder Sünde frei bleibt! Das Gebot des Mazzoaenusses ist andererseits das einzige, dos uns von allen Genußvorschriften der Thora verblieben ist. Wir haben kein Peßachlamm, keine heiligen Opfer, keine Hebe und kein Maser scheni mehr. Eine einzige alljährlich wiederkehrende Mizwa ist uns nach dieser Seite hin geblieben; sollte diese nicht mehr von uns in vollkommener Vollendung erfüllt werden7 Und nicht nur das. Statt der Vollendung geschieht eine Uebertretung. Denn der ganze siebentägige Mazzogcnuß involviert den Zweifel, ob nicht ein mit Ausrottungsstrafe belegtes Verbot übertreten wurde! Dazu kommt noch, daß Viele dadurch zum Unrecht verleitet werden, und dafür werden Tausende ausgegeben. Kann das auf die göttliche Billigung rechnen? Wir unsererseits sind darauf bedacht, daß von der ersten Mischung des Wassers mit Mehl, bis die Mazzo fertig aus dem Ofen kommt, nicht mehr als zwei bis drei Minuten verstreichen, obwohl die Gährung erst nach 18 Minuten eintritt. Allerdings wird in unserer Gegend diese Mizwa selbst von den Geringsten mit besonderer Hingebung gehandhabt.*) Dabei ist es vollständig ausgeschlossen, einen Teig von der Größe des challovslichtigen Maßes aus einmal zu kneten, wie dies im Talmud und Schulchan Aruch erläutert ist, denn wenn der Teig größer als das challopflichtige Quantum ist, vermag die manuelle Behandlung die Gährung nicht hintanzuhalten. Auch darf in dem Raum, in dem die Mazzos bereitet werden, keine warme Temperatur sein. Wenn man dieselben auf die Schaufel legt, damit sie in den Ofen geschossen werden, muß dies Sache eines kurzen Augenblicks sein. Ich habe jedoch von Herrn.gehört und auch aus dessen Schreiben ersehen, daß bei Eurem Mazzosbacken überaus große Teige angefertigt werden und junge Menschen, gering an Thora und Wissenschaft, sich damit befassen. Der Teig bleibt sogar eine halbe Stunde lang im. Becken liegen. Statt sich mit dem Teige in einer Weise zu befassen, daß die Gährung verhindert wird, schlägt ein Knabe mit der Hand auf *) Bon W Mosche Sofer erzählt sein Biogravh merkwürdige Züge von der gewissenhaften Achtsamkeit gerade bei der Erfüllung dieser Mizwa. Derselbe ließ alle TUche, Knetbecken und dgl. von Marmor Herrichten weil dessen natürliche Kälte<bte Gährung des Teigs erschwert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.