Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1901)
- Date
- 1901-03-21
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
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14 Dieser Ausspruch des großen Mannes bietet dem Verständniß viele Schwierigkeiten, die wir im Nachstehenden hcrvorheben und erörtern wollen. Zunächst bedürfen die Worte: rw s-- ’jx nn „bin ich doch wie ein Siebenügjähriger" der Erklärung. Die Weisen erzählen uns im Talmud, daß Rabbi Elasar erst 18 Iabre alt war, als er zum Fürsten erwählt wurde, daß aber an demselben Tage sein Haar ergraute, so daß er das Aussehen eines alten Mannes hatte, was zur würdevollen Ausübung seines hohen Amtes nothwendig war; daher sagte er: „bin ich doch wie ein Siebenzigjährigerin der That war er aber viel jünger. ttst *6:, „und ich habe es nicht durchsetzen können/' trotz meines würdevollen Aussehens (das in wunderbarer Weise erlangt, ein Beweis der großen Gelehrsamkeit ist), „daß gesagt werde der Auszug aus Mizrajim in den Nächten, bis es ben Soma erklärt hat." Wir sind bei der Uebersetzung der Worte wsi ss«, dem Vorgänge Bartinora's und der meisten Commentatoren gefolgt. vm; ab Trat xb: „ich habe die Weisen (bei der Discuffwn) nicht besiegt." Man könnte daraus r>ie irrige Folgerung ziehen, daß die Weisen, die Pflicht der Erzählung vom Auszuge aus Mizrajim nicht für bestehend hielten. Dem ist aber nicht so, gerade das Gegentheil ist der Fall. Die ganze Stelle findet sich auch in der letzten Mischna des ersten Perek des Tractat Berachoth, allein in der Hagadah fehlt der Anfang: nnse nx'2' pTara „man erwähnt den Auszug aus Mizrajim in den Nächten." So lehren die Weisen und dann folgt erst der Ausspruch Rabbi E^asars. Es kann sich also die Discufiion nicht auf die Pflicht der Erzählung vom Auszüge aus Mizrajim in den Sedernächten bez ehen. Sowohl die Weisen, wie Rabbi Elasar halten diese Pflicht für feststehend. Aus dem Talmud (Berachoth f. 12b.) geht hervor, daß sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen ben Soma (also auch Rabbi Elasar) und den Weisen darauf bezieht, ob man selbst dann noch vom Auszuge aus Mizrajim erzählen soll, wann bereits die Erlösung aus dem gegenwärtigen Galuth staltgefunden haben wird. Der Talmud führt bei dieser Gelegenheit ein schönes Gleichniß an l. (e f. 13 a). Einst hat ein Mann eine Reise unternommen. Sein Weg führt ihn durch einen wilden Wald. Plötzlich stürzt auf den Unbewaffneten ein Wolf zu, der die Zähne fletscht und den Wanderer zu zerreißen droht. Schon erzittert der Arme in Todesangst; da stürzt der Wolf zusammen; der Pfeileines in der Nähe weilenden Jägers hat ihn getödtet. Der Reisende dankt dem Allgütigen für seine wunderbare Rettung, und Jahre lang nachher erzählt er, wie er den Zähnen des hungrigen Raubihicres entgangen. — Und wieder muß der Mann eine Reise unternehmen. Sein Weg führt ihn durch dre Wüste, in welcher die Nacht ibn überrascht. Da hört er ein schreckliches Brüllen; ein Löwe naht, und der Mann glaubt, se>n letztes Stündlein sei gekommen. Er sieht die die leuchtenden, rollenden Augen des Wüstenkönigs, erschaut die furchtbare Mähne, die gewaltigen Krallen und bereitet sich zum Tode vor. Und siehe, o Wunder, der Löwe geht an ihm vorüber und läßt ihn seines Weges ziehen. Vergeffen ist nunmehr der Abenteuer mit dem Wolfe, und nur von dem furchtbaren Löwen wird erzählt. — Und wieder vergehen Jahre. Jener Mann hat sich noch einmal auf die Reise begeben, und diesmal ist es eine Riesenschlange, die ihn mit dem Tode bedroht. Schon fühlt er sich umschloffen von dem entsetzlichen Thiere; da sprengt ein Reiter herbei zerhaut mit seinem Schwerte das furchtbare Reptil. Der Wanderer ist gerettet. Jetzt gedenkt er nicht mehr des Wolfes, nicht mehr des Löwen, er erzählt nur noch von der gräßlichen Riesenschlange, die ihn umschlungen gehalten. — Also ist es Israel ergangen. Aegypten war der Wolf, der uns mit dem Tode bedrohte;' Babel, der Löwe vor dem wir uns ängstigten; und nun hat uns die Riesenschlange dieses langen und bitteren Galuth umschlungen. Man sollte meinen, wenn Gott uns erlösen und unsre Zerstreuten sammeln wird aus allen Ländern der Erde, dann brauchten wir nicht mehr der Befreiung aus Aegypten zu gedenken. Dem ist aber nicht so. Die Erlösung aus Mizrajim ist die Grundlage unsres Seins; ihr verdanken wir die Thora und mit dieser unser ganzes Leben, Sein und Denken; daher darf der Auszug aus Mizrajim niemals in den Hintergrund treten, auch dann nicht, wenn eine noch wunderbarere Befreiung aus noch größerer Gefahr unsre Gemüther erfüllen wird mit unendlichen Danke gegen den allgütigen Gott. — Aus Berachoth (1. c.) geht h rvor, daß sich die Meinungsverschiedenheit Rabbi Elasars und Ben Soma's einerseits, und der Weisen andererseits nicht auf die Pflicht der Erzählung in den Sedernächten, sondern auf den dritten Abschnitt des Kriath Schema bezieht, aus die Paraschah von den Schaufäden. Da die Pflicht der Zizioth nur bei Tage statthat (:wx c.i'X"n, und ihr sollt ihn sehen), so wäre das Lesen dieses Abschnittes bet Nacht nicht angemessen, wenn nicht darin der Auszug aus Mizrajim erwähnt wäre; um deffentwillen hat man das Kriath Schema auch bei Nacht so eingerichtet wie am Tage. Aber auch hierbei handelt es sich nicht um die Pflicht selbst. Und deßhalb erklärt Maimonides die Worte war xb in anderer als der von uns oben angegebenen Weise.