Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1901)
- Date
- 1901-03-21
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
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10 Außer der Thatsache, daß Gott unsre Voreltern in wunderbarer Weise befreit hat, tagen für die Befreiung der Israeliten aus dem Sklavenjoche noch zwei Eventualitäten im Bereiche der Möglichkeit, daß nämlich entweder Pharao und die Aegypter freiwillig das Joch der Sklaverei von den Schultern unsrer Väter genommen hätten, oder daß unsere Voreltern aus eigenem Antriebe, durch Empörung gegea ihre Tyrannen, zur Freiheit ausgezogen wären. Wir wollen jetzt die erste Eventualität näher in's Auge fassen; die Emancipationsgeschichte während der neueren Zeit belehrt uns darüber. Die Emancipation ging entweder von oben oder von unten aus. Von oben ging sie aus, wenn ein gütiger und gerechter Herrscher das Unrecht erkannte, unter welchem seine jüdischen Unterthanen zu leiden hatten und es deßhalb zu beseitigen sich entschloß. Von unten ging sie aus, wenn im Volke die Lehre von den allgemeinen Menschenrechten Anklang und Beifall fand, und das Volk oder dessen Vertreter die Anerkennung derselben von der Regierung forderten. W e sah es nun in Mizrajim aus? Zwischen dem Volke und s inem Fürsten herrschte im Bezug aut die Unterdrückung, Knechtung und Mißhandlung der Israeliten die vollständigste Uebereinstimmung. »Und es war nach langer, langer Zeit, öa starb der König von Aegypten, und es seufzten die Kinder Israel wegen der Sklaverei, und sie schrieen, und es stieg empor ihr Flehen zu Gott, von der Sklavenarberl." (2. B. M., C. 2, V. 23). Der Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten Theil des Verses bedarf der Erklärung. Warum seufzten und schrieen Israeliten, als der König von Mizrajim gestorben war? — In Aegypten herrschte die Sitte, daß wenn ein König starb, ein Todtengericht abgehalten wurde. Dem lebenden Könige konnte Niemand entgegentreten, ihn konnte Niemand zurechtweisen. Sobald er gestorben war, setzten sich die Vertreter des Volkes zu Gericht, um darüber zu entscheiden ob ihm ein königliches Begräbniß gebühre. Wurde der Verstorbene gut und gerecht befunden, so wurde die Leiche einbalsamirt und mit aller Pracht und Herrlichkeit beigesetzt. Nun hatte dieser Pharao einen Theil seiner Unterthanen. die Jsraeltten, auf die schmählichste Weise der Freiheit beraubt und mißhandelt, einen Teil ihrer Kinder tödten lassen. So lange er lebte, gab es dagegen keine Auflehnung, konnte die Mißbilligung solcher schändlichen Gewaltthätigkeiten nicht zum Ausdruck gelangen. Jetzt wurde Gericht über ihn gehalten, und die Israeliten hatten gehofft, daß das ägyptische Volk das ihn n geschehene Unrecht anerkennen und den todten König verurtheilen werde. Aber cr'NLv -ftv nw, auch im Tode wurde der Tyrann von seinem Volke als König geehrt und ihm das königliche Begräbniß zuerkannt. Damit bekundete das ägyptische Volk seine Uebereinstimmung mit den tyrannischen Maßnahmen des Königs. Damit war für die Israeliten jede Hoffnung auf eine Besserung ihrer Lage geschwunden, und deßhalb seufzten sie wegen der Knechtschaft und schrieen zu Gott empor. Daher sagt die Hagadah: „Sklaven sind wir gewesen dem Pharao in Mizrajim:" 7>L>p nvmi nvp "jSd König und Volk waren in völliger Uebereinstimmung in Bezug auf die Unterdrückung der Israeliten. Die andere, oben erwähnte Eventualität war die, daß die Israeliten sich selbst befreiten. Es ist eine durch tausend Erfahrungen in der Geschichte festgestellte Thatsache, daß Sklaverei sklavische Gesinnung erzeugt. Je länger die Sklaverei währt, desto nievriger wird die Gesinnung, und der Sklave bleibt selbst dann noch Sklave, wenn er endlich die Kette bricht. Wenn auch die Israeliten .durch eine politische Umwälzung vom Sklavenjoche Pharao's und Aegyptens befreit worden wären, sie hätten längst die Befähigung verloren, eine edle, freie Nation zu werden, und so hätte das Sklavmjoch Pharaos und Aegyptens fortgewirkt in alle Zeilen hindurch, bis zu den allerspätesten Enkeln, und mit Recht sagt die Hagadah, daß wenn Gott uns nicht befreit hätte, auch wir und unsere Kinder und die Kinder unserer Kinder noch zu tragen hätten an dem Pharaonischen Sklavenjoche, selbst in den Zeiten, da Pharao und die Mizrajim längst nicht mehr existieren. So aber hat uns Gott in wunderbarer Weise befreit, hat gewaltsam das Sklavenjoch gebrochen, hat durch die dabei bewährten Wunder dem Volke Israel einen neuen Geist eingehaucht, hat unserer Väter getragen, wie auf Adlerfitligen und sie emporgebracht zu sich. — „Wären wir auch Alle weise, Alle scharfsinnig, Alle erfahren, Alle Wisser der Thora — so ist es uns dennoch Pflicht, zu erzählen vom Auszuge aus Mizrajim, und wer recht viel erzählt vom Auszuge aus Mizrajim, der ist lobenswerth." Rabbi Jakob aus Dubno wirft in Bezug auf diese Worte der Hagadah zwei Fragen auf. Warum, fragt er, sollen wir verpflichtet sein, Gott für die Befreiung aus Mizrajim zu danken, da er selbst doch das Galuth Mizrajim über Israel verhängt hatte, als das Volk noch gar nicht existirte und es daher das Galuth auch nicht verschuldet haben konnte. So Jemand den Arm gebrochen, und ein Arzt heilt den Bruch, so ist er dem Arzte zu großem Danke verpflichtet. Wenn ihm aber der Arzt den Arm zerschlagen und ihn dann wieder heilt, ist der Geheilte nicht allein keinen Dank schuldig, sondern er hat sich noch über die erduldeten Schmerzen zu beklagen. Die zweite Frage ist die, warum derjenige, welcher am meisten erzählt vom Auszuge aus Mizrajim, lobenswerth sein soll.