Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1901)
- Date
- 1901-03-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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533 lich besser gesagt: Der Buchbindermeister Elias Fischer betrieb auch nebstbei ein kleines Buch- und Papiergeschäft. Der obere Tbeik dieses Zimmers, welches durch zwei bis an die Stubendecke reichende Fenster nur inästig erleuchtet ii.mr, enthielt die Maschinen und sonstige Handwertsutensilien des Meisters, sowie auf einem langen Brette ausgeschichtet: ungebundene, halb oder ganz gebundene Bücher; der lange Tisch, der ebenfalls zum Handwerte benutzt wurde, reichte bis tief in die untere .fällte der Stube und mußte zur Essenszeit für den Meister und sein Weib, sowie für die beiden zu Hanle anwesenden Kinder als Speisetisch dienen. Das älteste der Kinder, ein Knabe, hatte gleich nach seiner Barmizwah das Elternhaus verlassen, um in der benachbarten Stadt das Schneiderhandwerk bei einem braven jüdischen Schneider zu lernen. Es geschah indessen nur selten, daß diese aus vier Personen bestehende Familie ganz allein bei Tische gesessen wäre. Es hätte ihnen auch nicht recht gemundet, wenn nickt ein hungriger Gast das ausgiebige, aber in seiner Herstellung Hugale Mahl mit ihnen getheilt hätte. Da war es entweder ein armes Schulkind, das einmal in der Woche einen „Tag" bei ihnen „ast", oder ein armer reisender Handwerksgeselle, das war den guten Leuten einerlei, ein altes Bettelweib oder irgend ein Bedürftiger, Jemand mußte mitessen, sonst schmeckte es Meister Elia?, gewöhnlich Reb Elijeh genannt, das Essen nicht recht. —- Auch bessere Leute pflegten in dem gastfreien Hause sreundlich ausgenommen zu werden, denn in der Khillah war kein jüdisches Gasthaus, und fremde Juden. die der Zufall oder ein Geschäft in das Geschäft geführt batte, nahmen gerne die Gastfreundschaft des Fischer'schen Ehepaares in Anspruch, um doch etwas Warmes koscher essen zu können. Waren solche Gäste zu Tische geladen, dann öffnete Madame 'Rosst ihr Gasistübl, dessen Möbel wohl von verschiedener Farbe und verschiedenem Styl hergestellt waren, das aber doch den Glauben an eine gewisse Wohlhabenheit aufkommen liest. Eben war das Mittagsmal beendet worden und der heutige Gast, ein Schnorrer aus dem Polenlande, nach gefvrochenem Tischgebete, worin er den Segen des Allbarmherzigen auf seinen freundlichen Gastgeber, dessen Weib und Kinder und ganzem Besitzstand herabgefleht, hatte das Hans Verlassen. Moritz und Robert hatten ebenfalls gebenscht und dann artig Vater und Mutter die Hand geküßt und dabei nach altem Brauch: „Wünsch' lvobl gefveist zu haben," gesagt, dann waren sie heransgestürmt in's Freie trotz des langsam unb dickt herabrieselnden Regens. Sie hatten ja „frei" beute am Ehol-bamoed Sukos. und der Regen hatte ja Privilegium, um diese Jahreszeit niederzufallen, wie er auch der Toilette der Fischer'schen Sprösslinge keinen sonderlichen Abbruch zu thun vermochte. Das einzige llebel, das dieser Regen verschuldete, war der Umstand, dass die Familie mit dem Gaste anstatt in der schön ausgeschmückten Sukeh, in ihrer Stube speisen mußte. Auf die diesbezügliche Entschuldigung der Hausfrau, antwortete der talmudkundige Pole: „Rn was ist? Wenn der Herr seinem Diener, der ihm einen Becher Wein darreicht, denselben über den Kovf giesset, kann sich da der Diener helfen? Wenn Gott Schein bornch hu haben wollte, wir sollen die Mizlvas Sukeh melajem sein, ließe Er da an Sukos gerade so viel regnen?" Gegen diesen Ausspruch ließ sich nichts einwenden, und der Pole aß mit gutem Appetite weiter, trotzdem stch statt des gebotenen Laubes eine feste Decke über seinem Haupte wölbte. Der Hausherr hingegen hatte mit geringem Appetit gegessen, und als der Gast und die Kinder die Stube verlassen hatten, begab er sich nicht, wie er es sonst zu thnn pflegte, an seine Arbeit, sondern blieb an der Stelle, wo er gespeist hatte, sitzen, den Kopf auf seine Hand gestützt, in tiefes Nachdenken versunken. Frau Rösl räumte den Tisch ab und ging in die Kückie, das Geschirr zu reinigen, um es dann in den altmodischen Küchenschrein einzuräumen. Als sie mit ihrer Arbeit fertig war,'legte sie ihre blaue Leinwandschürze ab, und band eine frisch geglättete, weiß und roth gestreifte Schürze um. Indem sie nun in's Wohn- ,zimmer trat, war sie nicht wenig erstaunt, ihren Mann noch in derselben Stellung vorzufinden, wie sie ihn nach Tische verlassen hatte. Trübsal blasen war ja sonst seine Sache nicht, und Unthätigkeit war sie an ihm nicht gewöhnt. „Eli," frug sie besorgt, „ist Dir nicht gut, so leg' Dich auf ein Stündchen auf's Kanapee im Zimmer. Ich bin mit meiner Arbeit fertig und werde indessen auf den Laden Acht geben." „Nickst gut?" antwortete Eli mürrisch, „darf's mir nicht gut sein?" „AEo was ist's mit Dir? Sag mir's!" „Was geht es Dich an?" „Was es mich angeht? fragst Du, Du böser Mann! Bin ich nicht Dein treues Weib, welches Deinen Kummer theilen soll? Du hast etwas Schlimmes über Gottlieb gehört? Nicht wahr?" Gottlieb war der älteste Sohn des Ehepaares, derselbe, der eben das Schneiderhandwerk erlernte. „Nichts habe ick von ihm gehört. Auf Rosch-Haschone bat er uns den schönen Neujahrswunsch geschrieben. und seitdem keine Zeile mehr. Mir Handwerkslente sind nickst gewandt zum Schreiben, wie Ihr gebildete Leute." „Wieder dieser Spott. Eli!" sagte Rösl traurig, „lass es schon sein, ich bitte Dich sehr! Das bischen Bildung, das ich einstmal besessen, das habe ich schon längst verloren, das brauchst Du mir nicht mehr vorzuwerfen. Sag mir lieber, was Dich drückt?"