Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1901)
- Date
- 1901-03-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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532 Rußland. Petersburg. (Erhöhung der Zahl der jüdischen Stadtverordneten.) Laut Paragraph 24 der russischen Städteordnung von 1892 dars die Zahl der jüdischen Stadtverordneten, welche überdies nicht gewählt, sondern vom Gouverneur ernannt werden, 10 pEt. aller Stadtverordneten nicht übersteigen. Jetzt veröffentlicht der russ. „Regierungsbote" einen kaiserlichen Utas, welcher diese Zahl auf 20 pEt. erhöht. Die neue Verordnung haben die Juden weniger dem guten Willen der russ. Regierung, als der zwingenden Macht der Thatsachen zu verdanken: Die christliche Bevölkerung in den größtentheils von Juden bewohnten Städten des Ansiedelungsravons besitzen nicht genug intelligente Männer, um ohne Schaden für die Stadt 90 pEt. aller Stadtverordneten aus ihrer Mitte stellen zu können. Daher sah sich die Negierung sehr wider ihren Willen gezwungen, eine kleine Anleihe bei den Juden zu machen. Korfu. Korfu. Die Lage der Juden hat sich, seitdem die Insel in den Besitz Griechenlands übergegangen ist, immer mehr verschlechtert. Die Schuld trägt weniger die Regierung, welche in Griechenland gar nicht so antisemitisch ist, als das griechische Volk selbst, das seit den Tagen des Antiochus Epiphanes sich stets judenfeindlich erwiesen hat. Die im Volke herrschende antisemitische Grundstimmung haben die Eingeborenen und die aus Venedig eingewanderten christlichen Kaufleute benutzt, um die Stellung der jüdischen Kaufleute hierselbll systematisch zu untergraben und sie zur Auswanderung zu zwingen. Die Absicht gelang ihnen im vollen Maße, und die großen jüdischen Exporthäuser der Tedesco und de Mords, der Arieti, Fould und de Castro, der Olivetti, Jerack, Levy u. A., sowie die über 00 jüdischen Importeure waren nach und nach genöthigt, die Insel zu verlassen und den Handel von Korfu ihren frohlockenden christlichen Konkurrenten zu überlassen. Allein die Korfioten haben zu früh triumphirt. Durch das Verdrängen der Juden haben sie den Ast abgesägt, auf dem sie selber gesessen haben. Die Juden gingen, aber sic haben den Handel Korfus und dessen Wohlstand mit sich fortgeführt. Seit 1870 ist die Ausfuhr Korfus um 50 Prozent, die Einfuhr uni 66 Prozent zurückgegangen. Nunmehr haben sich auch die christlichen Kaufleute genöthigt gesehen, die Insel, auf der es „nichts mehr zu handeln gibt," zu verlassen. Das unwissende, stupide und total verarmte Volk vermag jedoch den Grund seiner Armuth nicht zu erkennen und fährt in seiner Dummheit fort, die hier und in Zante lebenden Juden, die selbst blutarm sind, za verfolgen. Die weitere Folge wird nun sein, daß auch die Ausfuhr von Eßrogim, auf die die Bevölkerung Korfus jetzt mehr denn je angewiesen ist, bald aufhören und Korfu das Schicksal des unglücklichen Spaniens theilen wird. Feuilleton. Urne gebildete ^'rau. Von Zäcrbetto Ivied. i! Crstco Kapitel. Das Eckhaus, in welches wir unsere freundlichen Leser führen, lourde lvohl mit dem pompösen Namen eines stockhohen Hauses bezeichnet, in Wirklichkeit bestand es jedoch bloß aus einem Souterrain und einem Hochparterre, welch' letzteres man aus kleinstädtischer Artigkeit die Bel-Etage benannte, während zu dem sog. Parterre einige Stufen abwärts führten. Nachdem sich ein größerer Theil unserer Erzählung in diesem Hause und zwar in den unteren Lokalitäten abspielt, so müssen wir wohl diesem Raume eine größere Aufmerksamkeit zuwenden. Die von der Straße aus hinunterführenden vier Stufen waren im Laufe der Jahre ganz ausgetreten und wacklig geworden, so daß sich der Eintretende recht vorsichtig bewegen mußte, um nicht hinunterzupurzeln und die Glasthüre zu durchbrechen, die in den unteren Raum führte. Beim Oeffnen dieser Thüre ertönte der schritte Ton einer Glocke, welche über derselben angebracht ist, um den Bewohnern die Ankunft des Frcm den anzuzeigen. Denn der Raum, der betreten wird, ist ein Geschäftsladen und zwar eine Buchhandlung und ein Papiergeschäft. In den schmalen Regalen, welche längs der Wand zur rechten Hand aufgestellt sind, befinden sich Bücher, meist in hebräischer Sprache, diverse Ausgaben von Bibeln und allerhand jüdischer Lehrbücher, sowie die zahlreichen der jüd. Liturgie dienenden Bücher und Brochuren, als da sind: „Sidurim, Machsorim, Kines, Megiles S'lichos, Hagadah's und T'chincs," verschiedene Ritualien als: Talesim, Tefilin, Mesusos und diverse mehr oder minder kunstvoll ausgefiihrte Tableaus, welche als Misrach dienen und an jener Seite der Wohnung angebracht werden, welcbe gegen Osten liegt, um dem andächtigen Beter die Richtung zu bezeichnen, wohin er sich bei dem Gebete zu wenden habe. Auf der entgegengesetzten Seite barg das aufgestellte Regal diejenigen Schreib- und Zeichengeräthe, welche in dem Städtchen Absatz fanden. Der Eingangsthür gegenüber war wieder eine Thür angebracht, welche in ein großes Gemach führte, das zur Hälfte als Wohnzimmer, zur Hälfte als Werkstätte diente. Beim Oeffnen dieser Thüre kam dem Besucher der Geruch von frischem Kleister, nassem Papier und verschiedenen Ledersorten entgegen. Der Eigenthümer des Buch- und Papiergeschäftes betrieb gleichzeitig das ehrsame Buchbinderhandwerk, oder eigent-