Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1901)
- Date
- 1901-03-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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538 Simon sagt demnach zu unserer Sache nichts, als das ganz Selbstverständliche, daß er zu den Jünglingen gehörte, die im Hause seines Vaters großgezogen wurden. Daß R. Simon überhaupt in Bether war, wißen wir nicht, sein Vater wohnte in Jabne, Jamnia, und ist lange vor dem Hadriankriege gestorben. Wir haben nur eine erschiitternde Klage aus seinem, des erwachsenen Zeitgenossen Munde, über den gräßlichen Kindermord beim Falle Bether's. Beiläufig bemerkt, zeigt hier Halevy zum ersten Male die Virtuosität, mit der er wiederholt falsch abgeschriebene Bemerkungen des Jeruschalmi, von dem uns ja, wie allbekannt, nur sehr mangelhafte Texte erhalten sind, durch Hinweis auf Parallelstellen aus unserer Gemara richtig stellt. Eine Quelle dafür, daß R. Simon ben Gamliel im Jahre 1.35 noch ein Schulkind war, eristirt also nicht. Herr Halevy beweist uns im Gegentheil schlagend aus einer Reihe von Talmudstellen, daß R. Simon beim Tode seines Vaters, Rabbon Gamliel, welcher noch vor R. Elieser u. Rabbi Josua starb, die bekanntlich vor der Hadrianischen Unglückszcit hinweggenommen wurden, also vor dem Jahre 135 längst großjährig war. Wir kennen nur zwei Söhne Rabbon Gamliels, unseren R. Simon und dessen iüngeren Bruder R. Chanina. Die erste Mischna belehrt uns schon, daß diese beiden Söhne zu Lebzeiten ihres Vaters bei einem Hochzeitsmahle waren und bei ihrer Heimkunst dem Rabbon Gamliel erzählten, daß sie das Abendsch'ma vergessen hätten; worauf der Vater erwiedert, wenn die Morgendämmerung noch nicht gekommen, so seien sie verpflichtet <:nx das Sch'ma noch zu lesen. Wenn es nun auch denkbar wäre, daß Rabbon Gamliel seine ganz kleinen Söhnchen bis nach Mitternacht bei einem Hochzeitsfeste gelassen hätte, so würde er doch keinesfalls vor ihrer religiösen Großjährigkeit den Ausdruck verpflichtet, ihnen gegenüber angewandt haben. In der Mischna Jodajim 3,1 berichtet R. Simon von einer schwierigen, religiös. Angelegenheit, über die in seiner Gegenwart der Vater befragt worden sei. Im Keritut 15 erzählt R. Akiba, was er den R. Gainliel und R. Josua fragte, als sie Einkäufe zur Hochzeit des Sohnes des R. Gamliel macken. Im Kiduschin 32 sehen wir den R. Gamliel wie er beim Hochzeitsfeste seines Sohnes dem R. Elieser und dem Rabbi Josua den Weinbecher reicht. Im Jeruschalmi. Chala 4, 5, sagt Rabbi Simon, Zeugniß in halachischer Beziehung, über ein Erlebniß vor der Zerstörung Bethers. Im Rosch Haschana 32 berichtet R. Simon von einem Gebrauch beim Gebet, „wir waren in Jabne gewöhnt, es nicht wie R. Jochanan ben Nuri, sondern wie R. Akiba zu thun." Hier kann nun eine Thatsache gemeint sein, deren stenge R. Simon noch in der Zeit des Friedens und der Ruhe in Jabne bei Lebzeiten des R. Gamliel war. Hätte man diese Talmudstellen, die ja zum größten Theil bekannt sind, irgendwie beachtet, so wäre man nie dazu gekommen, den R. Simon b. Gamliel lange nach seines Vaters Tod noch als Schulkind zu zeichnen. Bei Herrn Grätz darf man sich jedoch über nichts wundern. Man höre, lese nach und staune. Nach Grätz wurde R. Simon erst 12 Jahre nach dem Tode seines Vaters R. Gamliel geboren. In der Note nämlich über das Fürstenhaus Hillel's im vierten Bande seiner Geschichte heißt es, daß R. Gamliel ungefähr im Jahre 117 starb, und wenige Zeilen später wird uns mitgetheilt, daß sein Sohn N. Simon im Jahre 135 erst 6 Jahre alt war, also 129 geboren wurde, ganze 12 Jahre nach seines Vaters Tode. Schenken wir dem Herrn Grätz diese Ungeheuerlichkeit, nehmen wir an er habe geschlafen, als er das Jahr 117 als Todesjahr R. Gamliel. hier und an anderen Stellen bezeichnete, so hätten wir doch verdient, auf einen ganz besonderen Umstand bei R. Simon's Geburt aufmerksam gemacht zu werden. Rabbon Gamliel, der 19 Jahre nach der Zerstörung des Tempels schon Vorsteher des Synhedrion wurde, war beim Fall Jerusalems, im Jahre 70, mindestens 15 Jahre alt, also 65 Jahre später, um 135, als sein Sohn ein sechsjähriges Schulkind war, mindestens 80 Jahre. Wäre es nicht ganz in der Ordnung gewesen, wenn der Historiker Grätz, der in einer Weise Geschichte schreibt, wie man sonst kaum historische Romane ausmalt, uns auf die so merkwürdige Thatsache aufmerksam gemacht hätte, daß Rabbo- Gamliel bei der Geburt seines ältestens Sohnes 74 Jahre alt gewesen sei? Wir haben diese erste Absührung von Grätz im vorliegenden Bande des Dorot Harischonim schon deshalb ausführlich gegeben, damit kein Leser sich allzusehr erregt, wenn er sieht, wie Herr Halevy diesen Heros der modernen jüdischen Geschichtsschreibung und diejenigen, welche auf dem von ihm gelegten Fundamente weiter bauen wollen, wiederholt dem Spotte preisgeben muß. Grätz schreckt auch bei der Lebensgeschichte Rabbi's nicht davor zurück, ähnliche unüberlegte Dinge niederznschreiben. llm seine Behauptung zu erhärten, daß ein Antoninus nicht der Freund Rabbi's, sondern nur der Freund seines Enkels Rabbi Juda Nesia gewesen sei, schreibt er, Rabbi könne unmöglich den Kaiser Marens Aurelius lange überlebt haben und vergißt, daß er am Anfang desselben Kapitels schrieb. Rabbi sei erst 150 geboren. Bei Tode Mare Aurel's im Jahre 180 war also Rabi erst 30 Jahre alt, warum soll es ihm nicht möglich gewesen sein, wenn dann Mare Aurel durchaus nicht sein Freund gewesen sein darf, mit dessen Nachfolgern Freundschaft zu schließen? Eine lveitere merkwürdige Entdeckung von Grätz ist auch, daß Rabbi als zehnjähriger Knabe schon den Vorsitz des Svnhedrion antrat. Während dies. Historiker in den Noten d. Tod R. Simon b. Gamliel zwischen 161 und 171 verlegt, so kennt er bei der eigentlichen Geschichtsdarstellung nur das Jahr 161. als Todesjahr R. Simon's. Da Rabbi, wie wir oben gesehen und wie