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Der Israelit · 1901-03-18 · Heft 22 (18.3.1901) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 22 (18.3.1901)
Date
1901-03-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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516 Rabbiner Israels nur zweimal im Jahre zu ihrer Gemeinde sprachen, an Vnan rep und an naipn mp.*) Es war die Zeit, deren Binder auf dtzn Knieen der Thora und der Gottesfurcht erzogen waren, die dann erwachsen, das Jahr hindurch nicht auf den Lehrer und Rabbiner für ihre Belehrung angewiesen waren, sondern selber den Gottesquell der Thora aufsuchen und aus ihm ihren Wissensdurst stillen konnten. Auch wenn in der Flucht der Tage die Feste herannahten, hatten sie sich schon dreißig Tage vor ihrem Eintritt in die gesetzlichen Anforderungen eines jeden Festes derart vertieft, daß sie in Wirklichkeit jedes Fest doppelt und dreifach feierten. Einmal in der Theorie, indem sie sich schon vor Eintritt des Festes mit seinem geistigen Gehalte durchdrangen, dann an dem Feste selbst, indem sie den Gegenstand ihres bisherigen Studiums in lebensfrische That umsetzten und dann in der Nachfreude, in der sittlichen Kraft und Lebensheiterkeit, die sie aus jedem Feste mit hinaus in's Leben nahmen. Da alles war nicht eine Frucht des Vortrages seitens des Rabbiners, sondern das Resultat des gemeinsamen Selbststudiums. Die Derascha, wann sich auch im Laufe des Jahres dazu Veranlassung bot, speziell aber am Sabbat Hagadol, wandte sich an das Volk und zwar vorzugsweise an denjenigen Theil, der durch mangelnde Gelegenheit, ungenügende Befähigung, oder durch welche Abhaltungen sonst nicht in der Lage war, sich selbst zu unterrichten. Da aber die Zuhörerschaft sich aus der ganzen Gemeinde, also auch aus ihren thorakundigen Mitgliedern zusammensetzte, so machte die Derascha auch diesen eine Konzession durch Einflechtung von Parthien, die nicht für das Volk, sondern für die Thoragelehrten von Nutzen und Interesse waren. Daß diese für den Scharfsinn der Gelehrten bestimmten Parthien oft einen größeren Raum einnahmen, als es einem volksthümlichen Vortrag gemäß war, wird wiederholt mißbilligend bemerkt. **) Aber wie erscheint selbst diese Ausstellung geradezu als eine Lichtseite im Vergleich zu den Mängeln, welche der erdrückenden Mehrheit unserer modernen Predigten anhaften! Diese Bemängelung gilt doch lediglich dem Umstande, daß der volksthümliche Vortrag sich mehr an den Geist, als an das Gemüth wandte. Welche Beurtheilung würden aber Prediger und Predigten zu gewärtigen haben, bei welchen Geist und Gemüth gleich leer ausgehen, in welchen lediglich die Phrase herrscht, und man nach einem gesunden Gedanken und einer guten, praktischen Anregung vergeblich in diesem Wortschwall fahndet? Zweck und Tendenz der Derascha, wie sie sein soll, C DTipi D’"1D21 mUTD 7I1NV HP N1P2 lJJwA BJBTI dp mp n'rnpi Tyn bx D'aopro nnp nnpi tonan ddp rru pap ny *iy nprn man pb am *o* bs dp o’am (noc Ti pn rran dpd bpvn jvamo) ^tnp\ **) Man vergleiche die Schlußworte des folgenden Citats. hat der Verfasser des omax po mit folgenden wenigen Worten zutreffend gekennzeichnet: ’nrnn nxi op^xn ’pn rx cvb rrrrrb xnn npvnp (pi "2 p’i) wry paniap ioa x^ oaa^a o’CP nxi' D’JDn^i „Es muß ausgesprochen werden: die Derascha hat den Zweck, das V o l k in den Gesetzen Gottes und Seinen Lehren zu unterweisen und Gottesfurcht in die Herzen zu senken; nicht aber, wie man jetzt zu thun pflegt." Am Eingang zu seiner Erklärung der noe rraSn heißt es in demselben Sinne: pa> ppy *ipx npyön ti 'an *n avb nni.-6 ip-ym («'DD fD'D P'*! 2N-I2X Die Adresse für alle Vorträge ist das Volk; sie müssen daher in seiner Sprache sprechen. Der sprachliche Schwulst, die schillernde Wortphrase, ist daher hier nicht am Platze. Die Unterweisung des Volkes in den Gesetzen Gottes ist das Ziel, und ein Vortrag, aus dem die Zuhörer nicht eine Bereicherung ihrer Kenntniß des Gottesgesetzes erfahren, ist somit geradezu zwecklos. Im Gegensatz zu dieser Tendenz unserer Deraschoth bewegt sich die große Mehrzahl der zeitgemäßen Predigten in allgemeinen ethischen und moralischen Betrachtungen, die, da sie keine spezifisch jüdischen Pflichten, sondern rein menschliche Tugenden zum Gegenstände haben, ebenso gut in einer Kirche oder Moschee gehalten werden könnten. Das Gros unserer modernen Rabbiner und Prediger hat das ganze liebe, lange Jahr hindurch in seinen Predigten kein Sterbenswörtchen für die rechte Erfüllung der Mizwoth übrig. Man hat z. B. noch nie einen solchen Prediger über Mizwas Tefillin, Mesuso, Schaatnes u. a. m. auch nur ein Wort sprechen hören. Sie sprechen im günstigsten Falle von der Geschichte, der Mission Israels, von Sonnen- und Nebelflecken und anderen schönen und gelehrten Sachen, aber das, worum es sich handelt 'n '2->i '.i zvb rtnrb und ipx npycn -to1^ ipy dieser ip'y, dieser Hauptpunkt jeder Derascha, wird beharrlich todtgeschwiegen. Alljährlich am Sabbat vor dem Jom Kippur und am Sabbat vor dem Peßachfeste, steht das Volk Gottes vor zwei Genußverboten, auf deren Nichtbeachtung Gottes Wort die schwerste himmlische Strafe gesetzt hat. Wer am Peßach Chomez genießt, hat ein Verbot Gottes übertreten, das mit derselben schweren Strafe geahndet wird — ma — die auch auf die Entweihung des Jom Kippur durch Genuß von Speise und Trank gesetzt ist. Dieser Umstand dürfte auch eine der Veranlassungen sein, welche die jüdische Sitte bestimmten, gerade für naipn mp und ‘man mp belehrende Vorträge anzusetzen. Wie vielen, wie wenigen Gliedern der westeuropäischen Judenheit ist auch nur diese eine Thatsache bekannt. Was könnten von ihrem Beruf erfüllte jüdische Prediger zur Hebung des Peßachfestes beitragen, wenn sie die Thatsache in's rechte Licht setzten und da-

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