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Der Israelit · 1901-03-18 · Heft 22 (18.3.1901) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 22 (18.3.1901)
Date
1901-03-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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42* Jahrgang. Erste Aeitage zu M 22 des „Israelit". Leitender Artikel. Vorbereitung für das Wehachfest. Mainz, 17. März. I. Es ist ein alter, nach Jahrtausenden zählender jüdischer Brauch, Tage und Wochen vor Eintritt eines jeden Festes vor versammelter Gemeinde die gesetzlichen Bestimmungen zur Sprache zu bringen, welche sich an das eintretende Fest knüpfen. Gilt dies für alle Feste, so trifft es besonders für das Peßachfest zu. Dasselbe beschränkt sich noch weniger als alle übrigen auf die Tage der Festzeit, es macht sich vielmehr schon Tage und Wochen lang vor seinem Eintritt in jeder jüdischen Häuslichkeit bemerklich. Die Entfernung alles Chomez (Gesäuertem) und die Beschaffung von Mazzos (ungesäuertem Brode), die gewissenhafte Erfüllung dieser zwei hauptsächlichsten Vorschriften des Peßachsestes ist unmöglich, wenn wir nicht beträchtliche Zeit vor Eintritt des Festes ibnen unsere angelegentliche Aufmerksamkeit zuwcnden. Vielleicht hat es noch nie eine Zeit gegeben, in welcher die öffentliche Belehrung über die Pflichten, welche uns das Peßachfest auferlegt, mehr Noth that, als in unseren Tagen, und vielleicht ist diese Pflicht noch nie so ungenügend erfüllt worden, als es in weilen, weiten Kreisen der jüdischen Zerstreuten heute der Fall ist. An Predigten und Vorträgen fehlt es zwar nicht. Sie haben sich heutzutage geradezu zu einer Art Sport ausgebildet. Noch niemals ist so viel gepredigt und vorgetragen worden, als in unseren Tagen, und wer in der Menge der Predigten einen Maßstab für die Vollendung unserer jüdischen Gegenwart erblickte, der müßte in ihr das Ideal aller Vollkommenheit finden. Aber wenn selbst die Qualität der Predigten und Vorträge ihrer Quantität entsprechen würde, so wären ste doch ein höchst fragwürdiger Werthmesser für die sittliche Vollendung unserer Gegenwart. Wer das rasch pulsirende Leben nicht kennt und es z. B. nach den Grabsteinen der Friedhöfe beurtheilen wollte, der würde sich gründlich irren. Aus ihnen müßte er schließen, daß es ausnahmslos Selige, Liebende und Vollendete waren, die einst im Leben gewandelt sind, während die Wirklichkeit von Klagen widerhallt über die Unseligkeit, Lieblosigkeit und Mangelhaftigkeit der Zeit und ihrer Kinder. Diese Friedhof- und Grabstein-Moral, nach welcher der unseligste Mensch nur zu streben braucht, um „selig"' gesprochen zu werden, ist allerdings auch ein Maßstab. Aber wie die Dinge in Wirklichkeit liegen, ist sie weniger ein Werthmesser als ein Unwerthmesser unserer Zeit. Sie bereichert die Physiognomie unserer Zustände noch mit den häßlichen Zug der Unwahrschcinlichkeit, die nicht einmal vor der Majestät des Todes Halt macht, die im Gegensatz zu der altjüdischen Anschauung, nach welcher man den Todten die Wahrheit nachsagen darf, die Wahrheit auf den Kopf stellt, und den Todten nur Gutes nachzusagen, als eine Pflicht der Pietät ausgibt. Aehnlich verhält sich's mit den Vorträgen, und speziell mit den vielen Predigten unserer Zeit. Voil dem Zeitalter Enosch's wissen wir, daß man in ihm zu predigen, daß man in ihm „den Namen Gottes zu verkünden" angefangen hat. (1. B. M., Eap. 4 V. 26.) Und gerade dieses Zeitalter schildert linsece lleberlieserung als ein entartetes, in Götzendienst versunkenes.*) Erst die Erfahrung unserer Tage lehrt, daß dieser Widerspruch in Wirklichkeit nur scheinbar ist. Bis zu Enosch's Zeit war die Erkenntniß Gottes eine so allgemein verbreitete, wie es nur als letztes Hochziel der Menschheit von dem Propheten verkündet ist: ..Es wird nickt mehr einer seinen Freund und Bruder lehren, erkennet Gott, denn alle kennen Mich von Klein bis Groß." (Jeremia Cap. 31, V. 33.) Das Schwinden Gottes aus dem Bewußtsein der Menschen in den Tagen Enosch's und die daraus folgende Entartung hat erst die Nothwendigkeit geschaffen, Gott zli verkünden und Ihn zu predigen. Wenn daher die zahlreichen Predigten in Wirklickkeit Gott und Seinen Willen verkündeten, so wären sie immer noch weit davon entfernt, eine Erscheinung zu sein, auf die man sich etwas zu Gute halten kann. Wenn aber das öffentlich gesprochene Wort nicht mehr dem Ausdruck, sondern der Verhüllung der göttlichen Wahrheit gilt, wenn eS nicht den Dienst Gottes lehrt, sondern ihn grundsätzlich verschweigt oder höchstens dasjenige herausgreift, was ohnedies Allen bekannt u. geläufig ist, und was vor allem nicht „anstößt," wie die Parole des Tages lautet, dann ist der Reichthum an Vorträgen und Predigten ein Armuthszeugniß, wie es beschämender unserer Zeit nicht ausgestellt werden kann. Wohl nirgends sonst im Jahre tritt die Unzulänglichkeit und Armseligkeit der großen Zahl unserer Prediger und ihrer Predigten schärfer zu Tage, als wenn man sie an dem Maßstabe mißt, den eine Sabbat-Hagadol-Derascha alten Schlages ungesucht bietet. Sie entstammt einer Zeit, in welcher die Lehrer und *) Talmud Sabbat, gol. 1t8b. rrrirjSns r.zr? ictrsn br E p^mo jpijx in? mr m::y nzy b'sK,

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