Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 22 (18.3.1901)
- Date
- 1901-03-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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WWWWWWWMWWWWWW f■’7T»Vr=T 513 Herr, was sollte ein Mensch meines Schlages sich stolz blähen dürfen wegen eines Ganges nach Kassel, den er unter Ihrer Protektion gemacht hat? Das können Sie im Ernst selber nicht glauben." „Geht heim, Bensew," erwiederte von dieser schlichten Selbstlosigkeit gerührt der Pfarrer, „Ihr seid ein merkwürdiger Mensch, das laffe ich mir von Euch nicht wegdisputiren; morgen früh erwarte ich Euch, so früh Ihr wollt." XI. Am andern Morgen ging die vom 30. August datirte Eingabe nach Kassel ab. und unterm 2. September 1864 antwortete bereits Hassenpflug dem Bittsteller, „daß sein Gesuch die angemessene Berücksichtigung gefunden habe." Nun eilte Bensew nach Gudensberg und erzählte dem erstaunten Rabbiner, was vorgefallen war. Zur Bestätigung legte er den Brief Hassenpflugs auf den Tisch, dessen wenige Zeilen Herr Rabbiner Wetzlar aufmerksam durchlas. „Bensew," begann dann der Rabbiner, „Ihr habt da eine Großthat vollbracht, für die Euch alle glaubenstreuen hessischen Gemeinden zum ewigen Danke verpflichtet sind. Gott wird Euch und Euren Kindern lohnen, was Ihr da mit Eurer Umsicht und Beharrlichkeit zu Wege gebracht habt. Diejenigen, denen Euer Gottgesegnetes Wirken in erster Reihe zu Gute kommt, werden vielleicht niemals erfahren, wem sie die Erhaltung ihres Judenthums nächst Gott zu verdanken haben. Aber unsere Gegner, die Verächter und Bekämpfer unseres von den Vätern überkommenen Heiligthums, werden ohne Zweifel alle Hebel in Bewegung setzen, um zu erfahren, wer ihre Pläne vereitelt hat. Sie werden die Spur bald ausfindig machen, und Ihr werdet verdächtigt, gekränkt und verfolgt werden, wie es das Geschick aller braven, thatkrästigen Männer war und ist, die mit Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit für Gottes Sache gewirkt haben. Nehmt deßhalb von mir meinen Dank und die Versicherung meiner Anerkennung für das, was Ihr für uns geleistet habt. Es hat mir weh gethan, daß Ihr zwei Jahre Euer Geheimniß mit Euch herumgetragen habt, ohne mir davon Mittheilung zu machen. Aber ich habe eingesehen. Ihr seid einsichtiger, erfahrener und tatkräftiger als ich, und denke, daß es so recht ist. wie Ihr es gemacht habt. Ihr seid einer von dem alten Schlag der „Ansche Maaseh" (Männer der Thal) und ich füge mich gerne Eurer besseren Einsicht. Aber, sagt mir, warum habt Ihr jetzt wieder die gute Botschaft fast vier Tage für Euch behalten und macht mir erst jetzt Mittheilung, nachdem Ihr gestern den Brief des Ministers erhalten habt?" „Ich hatte ein wichtiges Geschäft vor, das ich erst erledigen wollte, bevor ich hierher ging, sonst wäre ich gewiß früher gekommen." „Darf ich wissen, was das für ein Geschäft war, betrifft es Euren Handel?" „Es wäre mir lieber, Mauri We-Rabbi (Meister und Lehrer), ivenn Ihr mich nicht danach gefragt hättet, aber jetzt, wo Ihr es gethan, und Ihr glauben könntet, es wäre Geheimnißthuerei von mir, will ich es Euch sagen: Als ich von Kassel zurückkam und ich alles, was ich durch Gottes Fügung zu erreichen gewürdigt war, überblickte, kam mir eine hoffärtige Aufwallung, als ob meine .Kraft und mein Verstand das gethan hätte, was doch allein eine höhere Macht bewirkt hat. Es war nur eine augenblicklich stolze Regung, aber ich dachte mit Schrecken daran, daß ich Gefahr laufe, ein eitler, Gottvergessener Narr zu werden, wenn ich solchen Gedanken nachhinge. Als Schutzmittel gegen solche schlechte Gedanken kaufte ich mir sechs ungehobelte Bretter und zimmerte mir selber für über hundert Jahre meinen Oraun (Sarg). Wenn es mir je wieder zu wohl werden sollte, brauche ich nur eine Treppe höher zu steigen und sehe mir die hölzerne Lade an, in der man mich einst hinaustragen wird, und ich bin kurirt." „Aber Bensew," entgegnete der Rabbiner, „deßhalb hättet Ihr doch kommen und Euren Oraun einen Tag sväter fertig machen können." „Doch nicht, Mauri We-Rabbi. Was die große Welt einem Verbindliches sagt, dagegen bin ich gewappnet, das gleitet ohne besonderen Eindruck an mir ab. Aber es hat mir nicht umsonst geahnt, daß Ihr, wenn ich Euch alles Geschehene erzähle, auch Worte der Anerkennung für mich haben werdet; wie es ja in der That der Fall war. Auf das, was Ihr sagt, darf ich nichts entgegnen, Euer Lob ist das gefährlichste, weil ich von seiner Aufrichtigkeit überzeugt bin. Das könnte mich in der That stolz niachen und da bedarf's schon eines besonders starken Gegenmittels. In meinem Oraun liegt auch meine Zwooh (letztwillige Bestimmung). Ich habe darin gebeten, daß mir Niemand einen Hesped (Grabrede) halte; ich habe dabei an Euch gedacht. Wollt Ihr mir wirklich einen Beweis Eurer Freundschaft und Anerkennung geben, so bitte ich Euch, daß wir von der Sache, soweit meine Person damit verknüpft ist, nicht mehr reden. Damit es Euch nicht zu schwer fällt, verabschiede ich mich sofort von Euch, und bitte Euch nur noch um Eure Brocho." (Segen.) Damit neigte Bensew das Haupt hin, auf welches der Rabbiner den Segen des Himmels herabflehte, dann reichten sich die Männer die Hand und trennten sich, ohne ein Wort zu sprechen. Im Jahre 1878 hauchte Bensew als 80jähriger Greis seine reine Seele aus. Wenige Jahre vor seinem Tode theilte er die geschilderten Erlebnisse einem Freunde mit. und belegte dieselben durch eine Anzahl Aktenstücke, unter welchen sich auch der Wortlaut der Unterredung beim Minister und das mit eigenhändiger