Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 22 (18.3.1901)
- Date
- 1901-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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508 dem Verstände erreichbare Welt hinausgehende Streben und Ahnen, das über und i n dem Endlichen das Unendliche ahnt, aus der zeitlichen B e - g r e n z u n g in die Ewigkeit strebt. Es ist dies das Bewußtsein eines Hochzieles, eines Ideales, des entschiedensten Gegensatzes zu der materialistischen Weltanschauung. Und nun heißt es so unendlich tief und wahr weiter: O h n e dieses abiy, ohne diesen von Gott ihm eingepflanzten Zug in's Unendliche, Ewige in ihrem Herzen und ihrem Sinne, wörtlich: „wäre der Mensch nicht im Stande, das Werk, das der Gott verwirklicht, zu erreichen (mit seinem Geiste), zu durchschauen vom Anfang bis zu Ende (oder das Werk, das Gott vom Anfang bis zum Ende verwirklicht, zu „erreichen," zu „finden, mit seinem geistigen Auge zu durchschauen"). „Ich habe erkannt, ich weiß, daß alles, was dieser Gott thut, das wird ewig sein. Dazu ist nichts hinzuzuthun und davon ist nichts abzunehmen, dieser Gott hat es gefügt, auf daß sie (die Menschen) voll Ehrfurcht sind vor ihm. Und wenn ich unter der Sonne sah, daß an der Stelle des G e r i ch t e s der Frevel, und an der Stätte des R e ch t e s der Frevel, so sprach ich in meinem Herzen: den Gerechten und den Frevler, den Pflichttreuen und den Gesetzlosen wird Gott richten, und über jeder That, genauer: über dem ganzen Thun (und Getriebe) steht: °T! — Ist es also nicht eine G o t t e s w e l t, in der Koheleth lebt, ist er nicht von dem Bewußtsein der waltenden Gottesgerechtigkeit getragen? nicht von der Bedeutung und dem Werthe der vernünftigen Menschenthat und der Pflicht, den Anforderungen eines jeden Momentes in sorgsam prüfender Erwägung und Wahl gerecht zu werden? Und findet dieses Thun und Lasten nicht in dem prüfenden, über allem Thun des Menschen wachenden Gottesauge seinen dauernden Lohn und seine dauernde Bedeutung? Und wenn es an einer anderen Stelle heißt, daß er manchen Frevler ein langes Leben i n seinem Frevel und trotz seines Frevels vollenden und manchen Braven in seiner Bravheit untergehen sah, lehrt da nicht die hier ausgesprochene Ueberzeugung von dem Lohn und der Rechenschaft, der ausgleichenden Gerechtigkeit, daß diese sieb im Jenseits vollziehe? Wie widerlegt sich damit nicht auf's schlagendste die Meinung der Commentatoren, daß Koheleth nichts von der Unsterblichkeit, dem Leben nach dem Tode wisse? Scheinbar widersprechend? Stellen enthalten in Wirklichkeit keine andere Meinung. Wenn er z. B. 9, 10 sagt: „Alles, was in deiner Macht steht, es mit deiner Kraft zu vollbringen, das vollbringe! denn im Grabe, wohin du kommst, da gibt es kein Vollbringen und kein Erkennen und kein Wissen!" so ist das offenbar nur die spornende Mahnung, seine Lebenszeit auszunützen zu kraftvoller, besonnener Pflichtthat. — Sehr pessimistisch klingt es auch nicht, wenn Koheleth 9,7 ff. spricht: „Gehe, iß in Freude dein Brod uno trinke frohen Herzens deinen Wein, denn schon hat Gott gebilligt alle deine Thaten. (8) Zu j e d e r Z e i t seien deine Gewänder weiß und nie mangle das Oel auf deinem Haupte (nicht bloß an Feiertagen oder in Gesellschaft, hier dem Zusammenhang? nach offenbar nicht in ethischem Sinne, sondern zielend auf die Achtung auch vor der Weihe der äußeren Erscheinung; es ist dies das Gegentheil von jener Vernachlässigung, zu der so leicht Trübsinn führt, dem alles gleichgültig ist). (9) „Suche Leben," d. h. werde des Lebens froh, „an der Seite der Gattin, die du liebst alle Tage deines vergänglichen Lebens, die Er dir verliehen unter der Sonne. Denn das ist dein Theil am Leben und an deinen Mühen, mit dem du dich unter der Sonne abmühst. (10) Alles, zu dessen Vollbringung du Kraft hast, das t h u e, denn im Grabe ist keine Stätte für Thatkraft und Erwägung und Kenntniß und Wissen!" — Pessimistisch ist das wahrlich auch nicht, wenn Koheleth auffordert, keinen Grillen nachzuhängen, nicht die Gegenwart gering zu schätzen im Vergleich mit der Vergangenheit und sich nicht durch Kleinmuth und Trübsal den frohen Augenblick verkümmern zu lassen. Die köstlichen Worte, die zu allen Zeiten ihre Geltung haben, lauten (7, 10 f.): „Sage nicht, was ist geschehen, daß die früheren Tage bester waren als die gegenwärtigen? (oder wie ist's doch früher gewesen! denn die früheren Tage waren besser), denn nicht aus Weisheit erhebst du solche Frage." Klar und deutlich spricht uns hier der Gedanke an: In jeder Gegenwart kann und soll der Mensch ein volles, frisches, krafterfülltes Leben leben. Die vergangene, sogenannte „gute, alte Zeit" erscheint häufig auch nur im Abendrotb der Vergangenheit verklärt, deine Gegenwart wird den Späteren vielleicht ebenso erscheinen. Das Kleinliche und Häßliche entschwindet dem Gedächtnisse. Und nun der herrliche Satz, der von der höchsten, von der reifen Erfahrung des abgeklärten Alters eingegeben ist und die reinste Lebensheiterkeit athmet. (14.) Ani Tage des Glückes, da gehe ganz ein und gehe auf in der Freude, da grüble nicht, denke nicht, wie es später wird, da gib dich dem Frohgefühle vertrauend hin — am Tage des Unglückes aber siehe hinaus, blicke in die Zukunft, auch das Trübste und Leidvollste vergeht! Verdirb dir die Freude nicht durch den Ausblick, im Leide aber erhebe dich über dasselbe — „das eine wie das andere hat Gott gewirkt, auf daß der Mensch nichts gegen Gottes Wallung einzuwenden finde." Und erinnern wir uns endlich noch des großen Wortes, das die ganze Anschauung krönt: rr^a fcaitr, wer ein Hüter ist der Pflicht, wer alles unter dem Gesichtspunkte der Pflicht, der Aufgabe betrachtet, der wird überhaupt nichts Böses erfahren (denn auch nach dem ganzen Zusammenhänge bezieht sich dieser Satz