Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-03-14 · Heft 21 (14.3.1901) · page 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 21 (14.3.1901)
Date
1901-03-14
Page
– (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449168--52910-2503473
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWMMWWW Haupt zur Geltung kommen ließen und in unsere Schulen verpflanzten, dann aber auch die vielseitigen Anfordecungen, welcbe an die Heranwachsende Jugend in den Volts- und höheren Schulen gestellt werden und nicht minder an die physische und psychische Kraft des Lehrers, der sehr haushälterisch verfahren muß, um den Ansprüchen, die man in seine Leistungsfähigkeit setzt, gerecht zu werden. Eine ganz oberslächliche Betrachtung und Beachtung des Stunden-Lehr- und Stoffplanes diirite nach dieser Seite hinlänglich genügen und Aufscbluß ertheilen! Erhofft man von der R e l i g i o n s schule in dieser Beziehung größere Vortheile, so ist dies wiederum als Holzweg zu bezeichnen, denn in Bayern bedeutet dieselbe nichts anderes, als einen wesentlichen, nur persönlich, räumlich und zeitlich gesonderten Theil der Bolksschule und muß jene hiernach wie diese mit ein und derselben Perspektive betrachtet werden, und ist die glückliche Ausrede und Empfehlungskarte, welche der Religionsschule von mancher Seite nach dieser Beziehung als günstiges Prognostikon ausgestellt wird, nur von scheinbarer Gestalt, von untergeordneter Bedeutung, altersschioacher Hinfälligkeit eine optische Täuschung. Verfügt auch der Lehrer dortselbst vielleicht über mehr freie Zeit, als derjenige, welcher nebstdem aus den Elemntarfächern zu unterrichten hat, so sind die Kinder dort wie hier, und wahrscheinlich noch mehr, reichlichst mit Beschäftigung bedacht, weil der gerade Weg aus der Religionsin die Volks- resp. Elementarschule führt. „Die Zeit ist kurz, und die Arbeit sehr viel." Trotz alledem ist es aber ein Erforderniß, der Zeit u. der Praxis des Lebens abgelauscht, die Jugend in knapp bemessener Epoche, ohne Ueberlastung und ohne Ueberhastung, mit gutem, nachhaltigem Religionswissen auszustatten, und bleibt aus Zweckmäßigkeits-, Dringlichkeits,- Utilitäts- und selbst hygienischen Motiven vom Standpunkte der erfahrenen Pädagogik kein anderer Ausweg, als die systematische Religionslehre, sowohl für Volkswie Religionsschule, besonderen Unterrichtsgegenstand sein und gelten zu lassen, erprobt durch hundertjährige Vergangenheit, Gon tüchtigen Schulmännern) durch Wegweiser präzisirt, analog allen übrigen Disziplinen des Religionsunterrichts, mit beachtenswerthem Seitenblicke auf die Ertheilung des Katechismusunterrichts bei Katholiken und Protestanten, dessen Einführung bis zur Reformationszeit zurückreicht, ohne daß es seitdem noch Jemand eingefallen wäre, denselben in die Rumpelkammer zu verweisen. Haben wir etwa in Präparandenschule und Seminar unsere hauptsächlichsten Religionsienntnisse, Glaubens- und Pflichtenlehren u. s. w. vielleicht ausschließlich aus Pentateuch und Talmud geschöpft, und nicht vielmehr den „Chaje Odom, Kizur, Chochmos Odom" hierzu benützt? Sind das nicht auch system. Religionslehren in ausgedehnterem Sinne? Wäre auch anderweitig in so kurzer Studienzeit solches zu erreichen? Warum soll nun die Volksschule im Kleinen nicht ebenso verfahren? Welches andere Ersatzmittel für das verminderte Quellenstudium ließe sich auch statt system. Religionslehre zur Annahme in Vorschlag bringen? Man muß doch zunächst untrügliche Gewißheit haben, etwas Förderlicheres, Zweckoienlicheres, Nutzbringenderes zu besitzen, ehe '.nan Bisheriges verdrängt und über Bord wirft, denn nur das Bessere ist der ewige Feind des Guten, und ist fürwahr die Sache viel zu ernst, als daß sie ein reines Versuchsfeld, ein Manövrierobjelt, eine Probirmamsell sein und dem Reiz der Neuheit stillergeben zum Ovfer fallen sollte! Man denke doch an eine Schule init sieben Jahrgängen und einem Lehrer, mit wöchentlich fünf Religionsstunden und nicht an jene Kollegen, die so glücklich sind, nur eine oder einige Klassen zu unterrichten! Kann etwa bibl. geschichtl. Religionsunterricht den Mängeln steuern, der zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel bietet, oder soll eine „Luach" schon genügen, als Grundlage und Richtschnur zu dienen, oder soll überhaupt jeder Lehrer nach Gabe und Lust aus diesem Acker des Herrn die Bestellung vornehmen, so daß jede Einheitlichkeit und Basis schwindet? Müßten da nicht Notizen über den Mangel an Zusammenhang der Bibelstellen hinweghelfen, und was würde nach und nach anders.hieraus entstehen, als eine svstem. Religionslehre^ (Nach reinster Willkür?) Wie könnte auch die Wiederholung, die Mutter aller Studien ohne derartige Anhaltspunkte vor sich gehen und gedacht werden? Vernunft und Erfahrung sprechen überall mit lauter Stimme gegen diese Verdrängungsversuche system. Religionslehre, die Unmöglichkeit lugt aus jedem Winkel hervor, und ich wage dreist zu behaupten, wäre sie noch nicht vorhanden, so würde alles darnach verlangen und lechzen, und sie müßte noch kommen und erdacht werden. Könnten wir uns entschließen, sie aus den Schulen hinauszukomplimentiren, so wiirden alle Versuche, durch Surrogate Ersatz zu bieten, nicht die Hälfte des Zeitraumes dauern, welche die system. Religionslehre bereits hinter sich hat. Aus innerster Ueberzeugung und reiflicher Ueberlegung habe ich die Lanze für die system. Religionslehre gebrochen, die Entscheidung zu ihren Gunsten gesprochen, ohne daß der Unterricht hieraus zum todten Knocheninanne, zur Sammlung abstrakter und darum dem Kinde unverständlicher Vorstellungen, fernliegender Ideen und Begriffe werde, sondern zu einer Religionsbelehruna, die fortwährend in der Bibel und biblischen Geschichte „leibt und lebt." Alles soll ineinander greifen, eins durchs andere gedeihen und reifen. Arbeitet die system. Religionslehre als wesentlicher Theil des Gesammtreligionsunterrichts für, mit und durch andere Fächer desselben, so ist sie gleichsam die Hebestange, die Qrdnerin, die Hauptsache erfolgreicher Schularbeit, durch welche bei richtiger Verwendung auch die schwierigsten Leistungen mit Leichtigkeit vollbracht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.