Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1901)
- Date
- 1901-03-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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492 festes — stammende Serajewoer Hagada an, die diese Hymne schon enthalte. In der folgenden Nummer wendet sich Herr Dr. Freund gegen diese Ausführungen. Er bezweifelt das angegebene Alter dieser Hagada, auch, meint er, könne das Lied, lange bevor es schriftlich fixirt wurde, als Volkslied cursirt, und bei freudigen Anlässen, beim frohen Festmahle als Ausfluß der freudigen Stimmung gedient haben, und sucht dann den Beweis zu erbringen, daß der hebräische Text die spätere Umarbeitung sei. Schließlich, äußert er sich, wäre das Unglück auch nicht groß, wenn wir dem christlichen Texte die Priorität zuerkennen würden. Wenn es sich nur um die Würde des Judenthums handelte, hätte gewiß Niemand gegen diesen letzteren Punkt etwas einzuwenden. Das Christenthum hat sehr viel, fast Alles vom Judenthume übernommen. Seine Festtage sind zumeist jüdischen Ursprunges, die Psalmen, die in den Kirchen gesungen werden, sind die Herzensergüsse jüdischer Sänger, und überhaupt ist die christliche Religion und Moral auf jüdischer Grundlage aufgebaut. Wenn nun einmal der entgegengesetzte Fall eingetreten wäre, und wir ausnahmsweise in einem Liede, dem in der jüdischen Lithurgie nur eine untergeordnete Stellung eingeräumt wird, die Umarbeitung eines christlichen Textes vor uns hätten, so erlitte die Würde und das Ansehen des Judenthums dadurch nicht die geringste Einbuße. Es handelt sich hier aber nicht darum, hochherzig Liberalität zu üben, sondern die Wahrheit sestzustellen. und da glaube ich denn doch, daß die inneren Gründe, auf die sich Herr Dr. Freund beruft, mehr zu Gunsten des hebräischen Originaltextes sprechen. Schon der Umstand, daß das jüd. Religionsgesetz es seinen Bekennern verbietet, religiöse Sitten und Gebräuche Andersgläubiger nachzuahmen, und daß dieses Gesetz bis auf die Zeiten der Reformbestrebungen auf das strengste befolgt wurde, läßt es sehr zweifelhaft erscheinen, daß der deutsche Text einen jüdischen Bearbeiter gefunden habe. Selbst wenn wir die Vermuthung gelten lassen, daß es ursprünglich nur Volkslied war, hätte dennoch ein Jude Bedenken getragen. bei dem christlich-religiösen Charakter des Liedes, es für die jüdische Lithurgie umzuformen. Oder sollte es in's Hebräische ursprünglich auch nur zum Zwecke der Erheiterung übertragen worden sein? Da wäre denn doch das Zusammentreffen, daß sowohl der deutsche als auch der hebräische Text später in die Lithurgie eingedrungen sind, gar zu merkwürdig. Thatsächlich aber beziehen sich die Auslegungen der Zahlen gerade in dem deutschen Terte lediglich auf religiöse Dinge oder heilige Personen, und sind in Folge ihres religiösen Charakters wenig geeignet, zur Erheiterung bei frohen Anlässen beizutragen. Vielmehr geht aus der ganzen Anordnung, die ein rein kirchliches Gepräge trägt, hervor, daß das Lied gleich ursprünglich für lithurgische Zwecke bestimmt war. aus welchem Grunde der Bearbeiter auch die ganz indifferenten Dinge des hebräischen Textes nicht verwerthen konnte und an ihre Stelle spezifisch christliche setzt, wie er sich überhaupt Mühe gibt, dem Ganzen ein mehr christliches Gepräge zu geben. Keineswegsaber kann man aus der Umformung der indifferenten Dinge die Priorität des christlichen Textes deduciren, wie Herr Dr. Freund es unternimmt. Wenn die Vermuthung richtig wäre, daß hier ein ursprüngliches Volkslied vorliegt, ist weit eher anzunehmen. daß das Hebräische das Original ist. In sieben, die Tage der Woche, und in neun, die Monate der Entwickelung werden hier die Zahlen auf profane Tinge angewendet. Wäre der hebräische Text von vornherein für die Lithurgie und speziell für die beiden ersten Peßachabende bestimmt, was hätte dem Verfasser näher gelegen, als die Zahl sieben auf die sieben Pesachtage zu beziehen. Ebenso schwach ist die Schlußfolgerung des Herrn Dr. Freund aus dem Fehlen der Zahl 13 in dem deutschen Texte. Die 13 Eigenschaften Gottes wollte der Bearbeiter nicht übernehmen, da es ihm nicht einleuchtete, daß 's " 7! als drei verschiedene Eigenschaften zu betrachten seien, und einen Ersatz dafür hat er vielleicht gesucht — aber nicht gefunden. 13 ist eine Unglückszahl, wird ihm wohl nicht in den Rahmen des Ganzen hineingepaßt haben. Dagegen weist die Zahl drei, die in beiden Versionen auf die drei Patriarchen bezogen wird, auf jüdischen Ursprung hin. Ein Christ hätte, als Verfasser des Originals, eher an die Trinität, oder an die drei h. Könige gedacht, während er die Vorgefundenen Patriarchen ohne Bedenken aeceptirte, um auch dem alten Testamente einen verhältnißmäßigen Antheil an der Zahlenauslegung zu gewähren. In der Auslegung der Zahl 11 aus die 11,000 Jungfrauen erscheint die deutsche Version etwas gezwungen. 11,000 ist gerade um 10,989 mehr als 11. Der Bearbeiter wollte vielleicht nicht mit 10 abschließen, um nicht allzuweit hinter dem hebräischen Originale zurückzubleiben und dennoch den christlichen Charakter dabei hervorheben, da blieb ihm nichts Anderes übrig. Schließlich sei noch auf den Unterschied in der Form aufmerksam gemacht. Der deutsche Text lautet: Lieber Freund, ich frage Dich, Lieber Freund, was fragst Du mich? Sag' mir. was ist Eins? Eins und Eins ist Gott allein! Der lebt und der da schwebt Im Himmel und auf Erden u. s.!v. Wie hieraus zu ersehen ist, erscheint die poetische Form in dem deutschen Texte weit entwickelter, als in dem einfachen hebräischen „Echod mi jodea," was gleichfalls eine svätere Umarbeitung vermuthen läßt, so daß mit weit größerer Wahrscheinlichkeit die Originalität in dem hebräischen Texte zu finden ist.