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Der Israelit · 1901-03-14 · Heft 21 (14.3.1901) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 21 (14.3.1901)
Date
1901-03-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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.«> 4S. Jahrgang. Erste Meikage zu M 21 des „Israelit". Leitender Artikel. hi Üiifiifi'piiü tico Aiiiiciill)i!iii5 in «tonftfifl). Mainz, 13. März. Schon lange hat uns nichts so schmerzlich tief von dt'!!! Niedergang des Judenthums in Frankreich überzeugt, als eine uns vorliegende Serie von Aufsätzen, ivelche „Die religiösen Gesetze und das moderne Leben" in Nr. 21, 22, 24 und 25 des „Univers Jsraelite" zum Gegenstände haben. Wie tief muß die Kenntniß der Thora, lote tief muß das Bewußtsein von Gott und Seinern uns offenbarten Willen in Frankreich gesunken sein, inenn man es wagen darf, mit einer solchen Arbeit vor die Öffentlichkeit zu treten! Das Resultat, zu welchem diese Abhandlung gelangt, brauchen wir nicht erst nritzutheilen. Wenn die religiösen Gesetze und das moderne Leben in Collision gerathen, so hat man sieb in Frankreich im allgemeinen und in Paris speziell längst dafür entschieden, daß der Wille Gottes dem Willen der inodernen jüdischen Weltkinder zu weichen habe. So betrübend dieser Jammer auch ist, seinen Höhevunlt erreicht er erst durch die Thatsache, daß hier für diesen Treubruch gesetzliche Formen gesucht und gesunden werden, daß nran die Feigenblätter, welche die Blößen der französischen Judenheit decken sollen, nicht als solche bezeichnet, sondern daß man den heiligen Urkunden unseres Gesetzes die Ungeheuerlichkeit zumuthet, sie sollten selber die Steine zu ihrer Steinigung liefern. Dieses ganze Gebühren unterscheidet sich von der Abfall- Propaaanda, >vie sie seiner Zeit von den deutschen Reform luden, von den Holdheim, Geiger u. a. m. betrieben wurde, in ganz unverkennbarer Weise. Diese wollten Ws Judenthums mit oder ohne Anstand sich entledigen, sie machten aus ihrem Haß gegen unser Allerheiligstes gar leinen Hehl, sie entblödeten sich nicht, die Treue gegen Gott und sein Gesetz „Hundegehorsam" zu nennen; man wußte daher, woran man war und wie man die Herren zu nelnnen hatte. In ihren zur Disereditirung des alten, einzigen Judenthums inscenirten Rabbinerversammlungen und Synoden, Predigten und Zeitschriften befriedigten sie dieses ihr Bedütfniß und täuschten daher nur diejenigen, die sich überhaupt gern täuschen laffen wollten. Anders liegen die Ding? im heutigen Frankreich. In einer jüdischen Zeitschrift, die das conservative Judenthum zu vertreten vorgibt, die noch immer den Titel: ' .kamnaidesjuineiZivs Conservateurs du .ludaisme” an der Stirne trägt und dabei das konservative Judenthun: bekämpft, das sie in früheren Jahren vertheidigt bat, in einem solchen Organ wird einer Revision des Gottesgesetzes mit der ernstesten Miene der Welt das Wort geredet, um es mit dem modernen Leben in Einllang zu bringen. Cs geschieht das in so sauersüßer Weise, daß der harmlose Leser leicht zu dem Glauben verleitet wird, der Autor selbst bedauere es, die Absetzung Ws alten, überlieferten Judenthums fordern zu müssen. Cr bricht sogar einige Lanzen für die Heiligbaltung des Sabbat und die Beobachtung der Speiseaesetze, aber nur um mit dem Hufschlag des dann nachhinkendcn Pferdefußes unser Allerheiligstes um so empfindlicher zu treffen. Cs verlohnt sich nicht, die Hausmittel und Quacksalbereien aufzuzählen, welche hier vorgeschlagen werden, um den jähen Bruch zu heilen. Cs genügt, zu konstatiren, daß die vorgesiblagenen Heilmittel schlimmer sind, als die Krankheiten selbst. Diesen Beilletäten tritt in Nummer 24 des „Univers" Herr Moise Schul, Grand-Rabbin von Epinal, entgegen. Zuerst nimmt er einen richtigen Anlauf, bleibt aber auf halbem Wege stehen und macht am Ende selber seinem Weltschmerz Luft, der sich darin äußert, daß es am Sabbat nicht erlaubt sei, Velo zu fahren, eine elektrische Trambahn zu benützen, und daß man nach dem Genuß von Fleisch nicht sofort Käse effen dürfe. Sonst hat der Herr Grand-Rabbin an dem Judenthum, wie es scheint, wenig auszusetzen. Dem tritt nun der Verfasser in Nr. 25 entgegen, und die Redaktion avisirt einen demnächst zu veröffentlichenden Brief eines jungen Rabbiners, der ebenfalls die Ausführungen des Herrn M. Schuhl bekämpft. Unsere geehrten Leser werden es uns erlaffen, die Heftvflästerchen alle aufzuzählen, mit welchen hier das leckgewordene Schiff des französischen Judenthums zusamengebalten werden soll. Wäre die Sache nicht allzu traurig, so wäre man leicht geneigt, dieses Sammelsurium von Leichtsinn und llnwissenheit, das sich hier breit macht, für einen mißglückten Purimscherz anzuseben. da er iust um diese Zeit an die Oeffentlichkeit getreten ist. Aber dazu ist die Sache doch zu ernst. Der Autor des hier verübten Attentats zeichnet mit R. T. und soll Lehrer am Pariser jüdischen Seminar sein. Wir erwähnen den Umstand nur, weil er den Geist kennzeichnet, der die „höheren, jüdischen, intellektuellen Kreise" charakterisirt. Es ist die Gesinnung, die den Alumnen des Seminars eingeprägt wird, und die sie dann hinaus in die Gemeinden tragen. Es ist die Gesinnung, die hier nicht so frank und frei sich auszuplaudern wagte, wenn sie nicht das Bewußtsein haben dürfte, daß sie damit bei den höheren, einflußreichen und maßgebenden Kreisen in keiner Weise anstößt.

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