Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1901)
- Date
- 1901-03-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1 479 glücklicher als die Lebenden, insofern diese ja noch leben. Noch glücklicher als Beide, die Lebenden und die Dodten, preist er Denjenigen, der nie gelebt und nie die Schlechtigkeit zu schauen brauchte, die auf Erden unter der Sonne geübt wird. Es ließe sich die Anführung von Aussprüchen dieses Inhaltes in Koheleth noch sehr vermehren. Doch es sei genug. Die herausgehobenen Stellen dürften vollkommen hinreichen, um es begreiflich zu finden, daß die pessimistische Weltanschauung sich sehr wohl berechtigt glauben kann. Koheleth für sich in Anspruch zu nehmen. Und in der That enthält das, was hier ausgesprochen ist, die Quintessenz der ganzen pessimistischen Weltanschauung. Herrlicher sind ihre Grundgedanken nie ausgesprochen worden, ergreifenderen Ausdruck hat der Weltschmerz nie gefunden, neue Gedanken sind eigentlich nicht hinzugekommen. Es ist das rein menschliche Weh, das bei dem Anblick oder der Kunde von ungesühnten Schandthaten noch jetzt die fühlende Menschheit durchbebt, und nur zu leicht zu der Zweifelfrage bestimmt: Wird es j e besser werden? Mir mußten uns diese Aussprüche vor die Seele geführt haben, um alsdann voll würdigen zu können, was auf den ersten Anblick als ein Paradoxon erscheinen muß, unsere Behauptung nämlich: trotz aller dieser Aussprüche ist Koheleth mit nichten ein Pessimist. Vielmehr — und das zu beweisen soll nunmehr die nächste Aufgabe sein -- „d e r Mann, der alles dies geschaut, und mit offenem Auge und weichem, fühlenden Herzen allen Jammer Armer und Unterdrückter, und alle Leere und Freudlosigkeit der Reichen und Herrschenden erkannt hat, und den diese Erkenntniß schließlich nicht zur Verzweiflung, nicht zur „W e l t f l u ch t", auch nicht zu stummer Resignation bringt, dessen Worte nicht in einer schrillen Dissonanz ausllingen, sondern der zur muthigen, ernsten, frohen Erfassung des Lebens als einer zu lösenden Aufgabe führt, dieser Koheleth — die scheinbaren Widersprüche hoffen wir zu lösen — ist nicht ein. P e s s i m i st, sondern ist in Wahrheit und in einem Grade, wie keiner vor ihm und keiner nach ihm ihn erreichte: ein Optimist. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Berlin, 10. März. (Repräsentantenversammlung.) Herr Louis Sachs eröffnete die Sitzung mit Verlesung eines Schreibens des Herrn Justizrath M e v e r , in welchem derselbe mittheilt, oaß er aus Gesundheitsrücksichten sein Amt als Vorsteher der jüdischen Gemeinde niederlegt. Die Versammlung beschließt, dem hochverdienten Manne ein Dankschreiben für sein jahrelanges treues Wirken zu senden. — Der Etatsausschuß wurde um 3 Mitglieder. bestehend aus den Herren B l a s ch k e, Oppenheim und Louis Sachs verstärkt. — In die Deputation zur Verathung der Frage der Anstellung von Hilfsarbeitern beim Gemeinde-Vorstand werden die Herren Blaschke, Löwenberg und Weigert gewählt. Die Berichterstattung über die Thätigkeit der Jewish Eolonisation Association wird durch eine Erklärung des Herrn Dr. L a ch m a n n erledigt. Für die Gemiendebibliothek, welche am 1. April eröffnet werden soll, sind Räume in der Oranienburgerstraße 60. zum Preise von 2300 Mk. jährlich, auf 6 Jahre gemiethet worden. Der Bericht der gemischten Kommission zur Frage der Amtsdauer der Repräsentantenstellvertreter wird in die Kommission, in welche die Herren Blaschke, Löwenberg und Weigert gewählt worden sind, zurückverwiesen, ebenso cie Veröffentlichung eines Jahrbuchs der jüdischen Gemeinde. — Frau Anna Meyer geb. Gerson hat dem Reichenheim'schen Waisenhaus 1600 Mark zugewandt. Die Beiträge der Koscher-Fleischhändler zum Pensums- und Unterstützungsfonds werden in diesem Jahr erlassen, da genügend Geld vorhanden ist. Dem Verein für Arbeitsnachweis wird ein Betrag von 2O0n Mk. bewilligt: 1200 Mk. zur Errichtung des Bnubureaus im Hause Oranienburgerstraße 29. Zur Anlage eines Fensters im Jnspektionsbureau des Friedhofs in Weißensee 260 Mk., desgleichen zur Schließung der Askaden 29 000 Mk., zur Neubelegnng des Fußbodens 201 Mk. An den deutsch-israelitischen Gemeindebund ein einmaliger Beitrag zu Zwecken der jüdischen Fürsorge-Erziehungs-Anstalt in Revzin von 6000 Mk. und ein jährlicher Beitrag von 3600 Mk. Die Zinsen aus der Jeanette Lissauer- Stiftung werden der Waisenkommission für entlassene Zöglinge übergeben. E. R. Darmstadt, 11. März. Im Amtslokale des Ministerium des Innern, Abtheilung für Schulangelegenbeiten. fand heute die diesjährige Religionslehrervrüfung statt. Als Examinatoren waren die Herren Ministerialrath Dr. Eisenhut und Rabbiner Dr. Marx hier erschienen. Dieser prüfte in den jüdischen, jener in den deutschen Fächern. Die Disciplina erstreckten sich über Aufsatz, deutsche Sprachlehre, Orthographie, Pädagogik, deutsche Geschichte, Geographie, Hebräisch, Religionslehre, Bibl. jüdische Geschichte. Rur ein Kandidat batte sich dem Examen, das er bestand, unterzogen. Darmstadt. Wenn unser Justizminister von den gleichen Gedanken beseelt wäre, wie unser Schulministerium, dann wäre die Eingabe der hessischen Juden unnöthig gewesen. Während kürzlich der erste jüdische Gymnasiallehrer angestellt wurde, fand vor wenigen Wochen die Anstellung eines jüdischen Lehrers, Jakob Strauß, an der Bürgerschule zu Odern-