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Der Israelit · 1901-03-14 · Heft 21 (14.3.1901) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 21 (14.3.1901)
Date
1901-03-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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478 wird aber, daß Koheleth sich gleichzeitig, natürlich in allen Ehren, einem behaglichen Wohlleben ergeben habe, das nur an den gegenwärtigen Augenblick denkt, wobei durch den „Wein," in welchem das Ganze zusammengefaßt wird, jedes störende Grübeln, Speculiren, Spintisiren ferngehalten werden sollte. Doch beileibe nicht so. daß etwa der Weise in dem Sinnengenusse untergegangen wäre! Hören wir ihn selbst: „Ich erspähte in meinein Herzen, meinen Körper mit Wein zu pflegen, während doch mein Sinn dabei in Wahrheit die Leitung vollständig behielt, und es gleichzeitig auch mit der Thorheit zu halten, bis daß ich sähe, was doch für die Menschenkinder gut sei, daß sie es unter dem Himmel die geringere Zahl der Tage ihres Lebens hindurch thun." V. 4: „Ich unternahm also große Werke: ich baute mir Häuser, pflanzte mir Weinberge, V. 5: legte mir Gärten und Parke an und pflanzte darin Fruchtbäume jeglicher Art. V. 6: „Ich legte mir Wasserteiche und Leitungen an, um aus ihnen gar einen ganzen Wald von kräftig sprossendem Baumwuchs zu bewässern." V. 7: „Ich hatte auch (zahlreichen Troß) von Knechten und Mägden und großen Hausstand o: 2 mr). auch überaus großen Heerdenbesitz an Rindern und Schafen, mehr als je in Jerusalem vor mir gewesen waren." V. 8: „Ich sammelte mir auch Silber und Gold, und was nur Könige oder ganze Länder sich anschafsen können. Sänger und Sängerinnen und alle Wonnen der Menschenkinder, und Wagen und Carossen" (die Bedeutung der beiden letzten Worte ist übrigens sehr strittig). V. 9: „Und ward groß und immer größer, mehr als Alle, die vor mir in Jerusalem waren; auch hielt meine Weisheit in alledem Stand." V. 10: ..Und was meine Augen nur begehrten, nichts versagte ich ihnen, und ich versagte meinem Herzen keinerlei Freude, denn mein Herz hatte Freude an allem meinem Mühen. — Allein das — war auch meine Freude von allen meinen Mühen!" Also auch die Freude an der Einrichtung des prächtigsten Hofstaates, der Herstellung der Prachtbauten, das Hervorzaubern von Anlagen, Gärten und Parken gewährte nur Freude und Befriedigung, bis — alles fertig war: Am Schaffen, am Bauen hatte er Freude, mit der Vollendung war die Befriedigung zu Ende. V. 11: „Als ich Alles überschaute, was meine Hände geschaffen und womit mein Geist sich bemühet —: siehe, da war alles nichtig und erwies sich als ein Haschen nach — Wind!" — „Und wenn ich auch", heißt es in V. 13 weiter, „sehr wohl einsehe, daß Weisheit den Vorrang hat vor der Thorheit, so wie das Licht den Vorrang hat vor der Finsterniß," D. 14: „denn der Weise hat seine Augen im Kopfe. während der Thor in Finsterniß wandelt, so weiß ich es doch auch, daß e i n Geschick sie alle trifft!" V. 16: „Und da mußte ich mir denn sagen: wenn mich dasselbe Schicksal trifft wie den Thoren: wozu bin ich dann weiser gewesen als er?" V. 18: „Und (endlich) haßte ich meine ganze Thätigkeit. mit der ich mich abgemüht unter der Sonne, daß ich mein (Errungenes) dem Menschen hinterlassen soll, der mir nachfolgt!" A. 19: „Und wer weiß denn, wird es ein Weiser sein oder ein Narr, der schalten wird über alles, woran ich meine Kraft und mein Wissen gesetzt habe — also auch das ist nichtig!" Und wenn Koheleth seinen Blick abwendet von den Errungenschaften der Menschen und nach der individuellen Zukunft des Menschen nach dem Tode fragt, so begegnen wir einer scheinbaren Zweifelfrage und, aus dem Zusammenhänge gerissen — wir kommen noch einmal darauf zurück — kann Einen der Satz allerdings eigenthümlich anmuthen. dessen Inhalt ungefähr so lautet (K. 3, V. 19): „Das Schicksal des Menschen gleicht dem Schicksal der Thiere, wie dieses stirbt, so stirbt jener, und der Vorzug des Menschen vor dem Thiere schwindet dahin, denn alles ist nichtig!" V. 20: „Alles geht zu seinem Orte, alles ward aus dem Staube und zum Staube kehrt alles wieder! Wer weiß, ob es des Menschen Geist ist, der aufwärts steigt, und des Thieres Geist, der abwärts steigt, zur Erde?" So hüllt sich bei der Betrachtung des Einzellebens, auch des reichsten, mit allen Gütern der Erde ausgestatteten, bei dem Ausblick in die Zukunft und bei dem Rückblick auf die Vergangenheit, Alles in tiefsten Nebel. — Grau in Grau zeichnet sich das Menschenleben. Und trotz dieser, wie es scheint, Zweifelhaftigkeit des Zustandes nach dem Tode, kommt Koheleth doch dazu, den Tod zu preisen! Denn wenn nun von diesen vermeintlichen sonnigen Höhen der Blick des Philosophen Koheleth sich niedersenkt und die Verhältnisse in der Gesellschaft und im Staate, die soziale Lage der großen Masse betrachtet und die Grundsätze, die in der Politik herrschen, da wird sein Herz nicht froher, da sind es noch trübere Zustände, die sich seinem Blicke darbieten. Da sieht er kK. 3, V. 16) in den Stätten des Gerichts an Stelle der Handhabung der Gerechtigkeit vielmehr die Leidenschaft und den Frevel walten, ja die Stelle des Rechtes nimmt das codificierte Unrecht ein! Und er sieht (Kap. 4, V. 1) alle die Rechtsberaubunoen, die Unterdrückungen, die unter der Sonne geübt werden, und sieht die stille Thräne der Unterdrückten und Beraubten, und sieht, wie da Niemand ist, der tröstete — sieht, wie gerade von der Hand ihrer Unterdrücker und Vergewaltiger die Macht stammt, für sie es aber keine Annehmer gibt: Da preist er denn die Todten glücklich, weil sie bereits gestorben sind, sie sind

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