Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1901)
- Date
- 1901-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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477 Auch was uns in dem großen Haushalt der Natur als solcher erscheint, ist eitel Täuschung, es ist vielmehr eine in's Unendliche fortgesetzte Wiederholung, ein ewiger Kreislauf. So im Weltenraum die „Sonne!" V. 5: „Sie strahlt aus, sie geht unter, und bereits zu ihrem Orte strebend geht sie auf!" — So mit dem Winde: B. 6: ,/£r geht nach Süden und kreisend geht er bis gen Norden, so gebt in ewiger Drehung der Wind, und so ist es nur eine Rückkehr in seinen Kreisungen, wohin der Wind weht." — So der Kreislauf der Ge wässere V. 7: „Alle Bäcbe strömen zum Meere, und das Meer wird nicht voll. Warum? Denn zu dem Orte, wohin die Bäche fließen, dorthin sind sie nur auf der „Rückkehr" begriffen!" Es gibt vielleicht kein ergreifenderes Bild von der Ziellosigkeit alles Strebens und Fortschreitens, als dieses Bild von der Energie des Wassers: Da stäuben die Wasser die Berglehnen hinab, sammeln sich zu Bächen, die Bäche überwinden alle Schwierigkeiten und bahnen sich den Weg durch Gestein und Gebirge und stürzen und strömen und fließen und ruhen nicht, bis sie zum Meere kommen! Du kennst kein Bild größerer Frische und emsigeren Strebens. Und was ist das Ziel? Glaubst Du, sie machen diesen Wege zum ersten Male? Weit gefehlt, zum millionsten Male legen sie diesen Weg zurück! Sie sind auf der R ü ck k e h r. Dieser klare Einblick in den Kreislauf des Wassers, durch stete Verdunstung des Meeres, worauf sich die Wasser in Wolken sammeln und als Regen niederstürzen, um als Quellen wieder hervorzubrechen, ist der biblischen Anschauung durchaus geläufig, und hinfällig ist der Einwand, daß wir eine spätere Naturerkenntniß etwa zurückdatirten. Im Buche Job heißt es ausdrücklich: Aus dem Meere müßte alles Wasser verschwunden sein, damit ein Fluß, der einmal versiegt sei, nun auch dauernd ausgetrocknet bleibe. V. 8: „So sind alle Dinge in nimmer rastender Thätigkeit, kein Mann vermöchte es auszusprechen, das Auge wird nie satt zu sehen und das Ohr nicht zu hören." — Und dennoch: V. 9: „Was geworden ist, ist gerade dasjenige, ivas noch werden und was als vollbracht erscheint, ist gerade das, was noch vollbracht werden wird — so gibt es überhaupt nichts Neues unter der Sonne!" V. io. „Gewiß kommt es vor, daß man von einer Sache, einem Gedanken, einem Werke meint: „Das ist aber etwas Neues!" Doch in Wirklichkeit war es schon in längstvergangenen Zeiten, die vor uns waren, es ist nur vergessen worden. Wie viel ist schon wieder „entdeckt" worden! ■ „V. 11: „Denn kein Gedächtniß bleibt den früheren Geschlechtern bei den späteren! Auch diese späteren werden dem Gedächtnisse derer entschwunden sein, die noch später sein werden." V. 14: „Und wenn ich nun näher darauf einging und mit denkendem Blicke den Thaten (der Menschen) unter der Sonne auf den Grund zu gehen suchte, so ergab sich, daß Alles nichtig war und Streben nach Wind." Das heißt die Ziele, die in Wahrheit angestrebt wurden, und die Befriedigung, die in Wahrheit angestrebt wurde, waren eitel und nichtig. Und daran ist auch mit allem Drehen und Wenden nichts zu ändern. V. 15: „Krummes kann man nicht grade machen, und eine negative Größe nicht zu einer positiven gemacht werden," wörtlich: ein Mangel nicht zu etwas Hinzuzuzählendem, ein Minus nicht zu einem Plus gemacht werden. V. 16: „Da überlegte ich mit mir selbst und sagte mir: ich, ich habe doch größere und umfassendere Weisheit gewonnen, mehr als alle, die v o r mir über Jerusalem herrschten — in Bescheidenheit und Pietät sprich: er von „Allen", während doch in Wirklichkeit nur sein Vater David sein Vorgänger in Jerusalem war. Uebrigens ist ohnehin das „über Jerusalem" nicht so wörtlich zu nehmen, sondern „über Jerusalem" ist wohl gleichbedeutend mit Allen, die vor mir in Israel eine hervorragende Stellung eingenommen haben, also: als die Weisen und Großen dastehen —) und mein Sinn hat in Wirklichkeit viel Weisheit und Wissenschaft geschaut." B. 17: „Als ich nun aber meinen Sinn darauf richtete, nun einerseits die Weisheit und andrerseits den bloß äußeren Schein und die Thorheit (in ihren Folgen) zu erkennen, so erkannte ich, daß auch dies ein Streben nach — Wind sei!" V. 18: „Denn mit der Vermehrung der Weisheit wächst auch der Kummer und Aerger, und jemehr einer an Erkenntniß zunimmt, um so mehr vergrößert er nur den Schmerz!" Also auch die Wissenschaft, die Erkenntniß der Welt und der Dinge gewährt mit Nichten Befriedigung. — Aber vielleicht ist es anders mit der Freude, dem Genüsse. Hören wir die weiteren Bekenntnisse Koheleths: K. 2, V. 1: „Da sagte i ch, ich in meinem Herzen: Komm' doch, ich will dich mit Freuden erproben, und sieh dir einmal das Gute an; (d. h. versuche es einmal, ob du in der Freude die innere Befriedigung findest) — doch das Ergebniß war: „auch dies ist nichtig." V. 2: „Vom Lachen sprach ich bald: es ist hohler Schein! und von der Freude: was bewirkt nur diese!" V. 3: Da wollte ich es mit der praktischen Thätigk:eit, d. h. natürlich mit dem Thun und Schaffen der Großen versuchen. Natürlich ist bei einem Salomo nickt an Arbeit, körperliche Arbeit, dem „Erziehungsmittel" für die Naturvölker, sondern an eine durch Andere auszuführende Verwirklichung künstlerischer Ideen in Architektur und Gartenanlagen zu denken, wie das auch gleich ausgeführt wird. Vorausgeschickt dieser künstlerisch schaffenden und bauenden Thätigkeit