Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1901)
- Date
- 1901-03-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ben. Dieselben wurden jedoch gelöst, und vor allem wurde es deßbalb der Erhaltung und der Aufnahme in den Kanon für würdig erklärt, weil der Schluß ein durchaus zweifelloser und unzweideutig gottesfürchtiger sei, und ebenso auch eine Stelle des Eingangs in demselben Sinne aufgefaßt werden könne. Wir werden später gerade auf diese Stelle eingehend zurückkommen, denn wir glauben in ihr den Schlüssel zur Hebung aller mißverständlichen Auffassungen vor uns zu haben. Wir bemerken noch, daß man nach Midrasch Koheleth zu 11,9 Anstoß daran nahm, daß scheinbar zum Sinnengenuß und zum Wandel in Wegen des Herzens aufgefordert wird, im, wie gesagt, scheinbaren Gegensatz zu den Worten der Thora: 4. B. M., 13,39 vrnn asr-*? nnx, indem man nach der angeführten Stelle fürchtete, daß sie zum Abfall führen könne, pce nre. Aber wie gesagt: Koheleth bildet einen Theil unserer heiligen Schrift, und fügen wir hinzu, einen ganz herrlichen. Wie die Weisen alle Befürchtungen abgewiesen haben und auch in jener großen Synode d i e Ueberzeugung die Majorität für sich hatte, daß Koheleth zu Recht in den Kanon ausgenommen sei, so können wir, die wir auf 2000 Jahre zurückblicken, und namentlich in unserer Zeit angesichts der Anschauungen, die nicht mehr auf die philosophischen Hörsäle beschränkt sind, sondern, wenn auch zum Theil nur in Schlagwörtern in weiteste Kreise der Gebildeten und Halbgebildeten hinausdringen und Verwirrungen in den Köpfen anrichten und sich als bequeme Stützen darbieten zur Beschwichtigung des Gewissens und zur Rechtfertigung eines Lebens ungezügelten Sinnengenusses — ick, sage im Hinblick auf manche Richtungen in der modernen philosophischen Litteratur der modernen und doch uralten philosophischen Spekulation, wir können denjenigen Weisen nicht genug danken, die mit weitschauendem Blick Koheleth der allgemeinen Kenntnis; nicht entzogen haben. Wir werden Gelegenheit haben, Gedanken, Aussprüche, Urtheile und Prophezeiungen des großen Weisen, der der Verfasser des Buches Koheleth ist, mitzutheilen, die uns anmuthen, als wären sie nicht vor Jahrtausenden ausgesprochen, sondern als wären sie das Ergebniß einer aus der Betrachtung der geistigen Bewegung der letzten Dezennien gewonnenen Reflexion. Wir können deßhalb auch lehr wohl begreifen, weßhalb es als nicht ganz unbedenklich erscheinen mochte, derartige Gedankengänge vielleicht in Kreise dringen zu lassen, wo derartige Betrachtungen nie Eingang gefunden hatten und deßhalb eine Beunruhigung nicht „g e h o - b c n ," sondern vielmehr erst „erzeug t" werden könnte. Treten wir unserem Thema näher, so spitzt sich dasselbe eigentlich zu der Frage zu: Was heißt pessimistische Weltanschauung? Jene Anschauung, die durch die Wahrnehmung des so vielen Trüben, Unbefriedigenden, Unbegreiflichen in Ratur und vor Allem in der Geschichte, also im Einzelleben und in den Zuständen in der Menschengefellschaft zu der Anschauung gelangt, daß das Leben nur einen sehr geringen Werth habe, daß aller Fortschritt nur in der E i n b i l d u n g bestehe, daß die Menschen in ihrer Natur und ihrem Wesen stets auf derselben niedrigen Stufe geblieben seien, auf der sie den Trieben und Leidenschaften thiergleich gehorchen, daß jeder Glaube an ein I d e a l ein Aberglaube, Idealität des Strebens eitel Selbsttäuschung oder Thorheit, der Gedanke an eine sittliche Weltordnung, an einen weisen und gütigen Schöpfer aber eine durch Erfahrung in das Reich der Kindermärchen zu verweisende wissenschaftlich gänzlich unhaltbare Vorstellung sei. Das Beste am Leben ist der Tod, noch besser wäre es, gar nicht geboren zu sein. Nun, die praktische Konsequenz wäre ja eigentlich, diesem Jammer baldigst ein Ende zu machen; ernste Bedenken kann es folgerichtig auf diesem Standpunkte ja nicht geben — weder auf dem des atheistischen, noch auf dem des pantheistischen Pessimismus. Auf dem letzteren erst recht nicht, denn es ist ja nur eine Formänderung eines Theiles der Gottsubstanz. — Doch diese praktische Konseauenz der Selbstbeförderung in das gliickliche Reich des Nirwana wird Gottlob nicht gezogen. So tief sitzt der Pessimismus doch nicht. Dazu ist schließlich doch der Selbsterhaltungstrieb auch in dem angeblich überzeugtesten Pessimisten zu mächtig. Wenn wir den Pessimismus in diesen Worten richtig charakterisirt haben, so kann es bei einer oberflächlichen Betrachtung des Buches Koheleth nicht Wunder nehmen, daß die pessimistische Weltanschauung dasselbe für sich in Anspruch nimmt, ja daß Koheleth als der älteste Pessimist bezeichnet wird. Sind ja in Wirklichkeit in diesem Buche die Grundgedanken dieser Anschauung in geradezu meisterhafter und noch nie übertrosfener Weise ausgesprochen! Lautet ja schon gleich der erste Satz in seiner klassischen Cumulirung der „Riebtigkeiten," wie er gewöhnlich gefaßt wird: O Nichtigkeit der Nichtigkeiten, — Alles ist nichtig! Kann es einen stärkeren Ausdruck des Weltschmerzes und des Pessimismus geben? Und hören wir nun weiter dasjenige, was als vermeintliche Ausführung dieses Grundgedankens in einer ganzen stattlichen Reihe von Kapiteln weiter dargelegt wird, oder vielmehr einiges zunächst aus den ersten Kapiteln davon, so werden auch wir den Eindruck gewinnen, daß wir nicht blos einen Pessimisten, sondern, und zwar gerade nach unserer Ueberzeugung, die in Koheleth den Sohn David's erblickt, den ältesten Vertreter, ja den Vater der jüdischen Weltanschauung vor uns haben. Hören wir also zunächst einiges aus diesen merkwürdigen Betrachtungen des großen Weltweisen: V. 4: „Stets ist ein Geschlecht im Schwinden und ein anderes im Kommen und die Erde bleibt doch ewig dieselbe." Also: es gibt „keinen Fortschritt."