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Der Israelit · 1901-03-11 · Heft 20 (11.3.1901) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 20 (11.3.1901)
Date
1901-03-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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468 Martyriums, er fühle feine Lust zum Märtyrer und habe seinen Kindern gegenüber die Pflicht, auch ihnen ein besseres Laus zu sichern. Zu einer wie hier sich äußernden Charakterschwäche und Gesinnunasfeilheit wäre — so äußert sich Redner — jeder Commentar überflüssig. Aus dem bereits erwähnten Aussage von Benediktus Levita, der weniger seines ja nicht mehr neuen Inhalts wegen, als vielmehr wegen der Stelle, an welcher er erschien und wegen der Art, wie die diesbezüglichen Ausführungen zum Ausdruck gelangten, so viel 'Aufsehen erregte, greift Redner nur einige stark gravirende Stellen heraus. Cs wird da u. A. gesagt: ilnbegreiflich bleibe es, wie man das Geplärre in den Synagogen der gediegenen Kunst der Kirchenandacht vorziehen könne, wie man, statt sich der fröhlichen Taufe zuzuwenden, an der düsteren Beschneidung festhalte, wie man bei Begräbnissen die sinnigen, herzerfrischenden Blumen zu Gunsten des grausigen Schwarz verschmähen möge, wie für den frohen Klang der Osterglocken eine Zeremonie mit bitteren Kräutern u. s. w. Ersatz bieten könne etc. Solche Aeußerungen bewiesen, daß derjenige, welcher sie thut, von dem Wesen und der Bedeutung der Dinge, die zu kritisiren er sich anmaßt, nicht die blässeste Ahnung hat und sich niemals Mühe genommen, nur einigermaßen Kenntniß hiervon sich zu verschaffen. Weiter wird in dem erwähnten Aufsatz ausgefllhrt: „Alles, was beim Uebertritt zum Ehristenthum zu erfüllen ist, könne man ruhig concediren, nur eines nicht: Tie Anerkennung der Dreieinigkeit. Alles Uebrige müsse man schon mit Rücksicht auf die Zukunft der Kinder zugestehen." Spricht nicht aus einer solchen Stellungnahme eine innere Zwiespältigkeit, eine Uebertäubung des Gewissens und ein Handeln gegen bessere Ueberzeugung? Im Zusammenhang hiermit sei nochmals auf den vorhin erwähnten Briefwechsel Abraham Geiger's zurückzukommen. Derselbe hatte dem Abtrünnigen entgegengehalten.- „An die Wahrheit der Religion, in der Sie geboren und erzogen, in der Ihre Väter und Vorahnen gelebt und gestorben, glauben Sie nicht. Sind Sie denn von der Wahrheit der Religion, der Sie sich jetzt zuwenden wollen, so überzeugt, daß Sie mit gutem Gewissen und ohne Ihrem Charakter Gewalt anzuthun, auf alle Gebote und Lehrsätze derselben schwören können?" Die Antwort lautete: „Das wird ja nickt nothwendig sein, ich werde schon Jemanden finden, der mir den Uebertritt in einer mir zusagenden Weise ermöglicht." Diese beiden Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, mit welcher Gesinnungslosigkeit, mit welchem Selbstbetrug sich der Abfall vom Judenthum wohl in den meisten Fällen vollzieht. Die Statistik der letzten Zeit lehrt, .daß nicht die Judentaufen — soweit Erwachsene in Betracht kommen — im Zunehmen sind, wohl aber die Kindertaufen, namentlich in Norddeutschland. Man muß von den Kindern die Kränkungen, I Zurücksetzungen, die man selbst zu erdulden hat, fernhalten, man muß alles thun, daß sie durch nichts in ihrer gesellschaftlichen Stellung und in ihrer Existenz beeinträchtigt werden, das sind im Allgemeinen die Motive, die zur Rechtfertigung der Fahnenflucht herhalten müssen. Cs werde meist der Fehler begangen, daß für die .Kinder zu viel nach außen, viel zu wenig oder gar nichts nach innen geschieht. Mangel an wahrer Bildung, an Gemüthstiefe und an einer klaren Weltanschauung sind zumeist die Ursachen dieser betrübeirden Verhältnisse. Wäre es sonst möglich, daß Jemand glauben könnte, für seine Kinder Wunder was geleistet zu haben, wenn er sie mit irdischen Werthen versorgt, alles ihnen zuzueignen trachtet, was für die Oberfläche wohlgefällig ist, kurz genommen, nur Alles thut. was geeignet ist, das flüchtige äußere Leben angenehm zu machen. Kann man mit all diesen Dingen die Stürme des Schicksals, die doch im Leben fast nie ausbleiben, von den Kindern sernhalten, und wie kann derjenige ihnen trotzen, der nicht kraft seiner Erziehung mit Widerstandsfähigkeit und Charakterfestigkeit ausgerüstet ist. So manche Eltern opfern für die Kinder alles Mögliche, schließlich begehen sie noch den moralischen Selbstmord, die Kinder nicht in dem eigenen, sondern in fremdem Glauben zu erziehen und dies alles soll aus Liebe zu den Kindern geschehen! Schließen dann die Eltern die Augen, dann gehen die Kinder hinter dem Sarge, genügen der unerläßlichen äußeren Form der Trauer, im Innern sind sie oft recht froh, daß die altmodischen jüdischen Eltern todt sind, die so gar nicht auf der Höhe der Neuzeit standen, so gar nicht salonfähig waren und einem daher so manche Verlegenheit bereiten, in der Erreichung so mancher Ziele und dem Gelingen so mancher Unternehmungen hinderlich sein konnten! Charakter und Gemüth der Kinder zu bilden, ihnen moralische Güter zu eigen zu machen, sie zu wahrer Erkenntniß des Judenthums und seiner wunderbaren Geschichte hinzuleiten, ihnen klarzumacken, daß sie das altehrwürdige Banner, für welches unsterbliche Helden, die auf der Höhe der Sittlichkeit und der Geistesgröße standen, ihr Herzblut versvritzten, jederzeit zu Ehren bringen und Hochhalten sollen, das müsse die Aufgabe des jüdischen Vaters, der in richtiger Bedeutung des Wortes Mann ist, sein. Wo in solchem Sinne Kinder erzogen werden, da werden sie einst hinter der sterblichen Hülle der Eltern einherschreiten mit aufrichtig empfundener Trauer im Herzen und mit dem festen Gelöbniß, das Andenken der Eltern bis zum letzten Athemzuge treu zu hegen, in ihrem Geiste weiter zu wirken und fortzubauen. Solche Kinder werden durch ihre Lebensführung stets beweisen, daß sie stolz sind auf die große, ruhmreiche Vergangenheit ihres Volksthums und daß sie würdig sind, einer glücklichen und sonnigen Zukunft entgegenzugehen.

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