Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 20 (11.3.1901)
- Date
- 1901-03-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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49. Jahrgang. Aeikage zu Jfs 20 des „Israelit". Leitender Artikel!?tt Woll IHÜil >S!!ll!,!i!l)t!!!l Hl! Älijtk MÜmitl | l'iiicnniir. j j DJt ü n cf) e n , 6. März. ] l’Ji'if obtc’C’.n Thema beschäftigte sich der hiej ’iqe „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" an j seinem dritten Diskussionsabend, welcher am 27.! Tebruar siatttaud. Referent war der noch aus den j Vor jabreu durch seine gediegenen Vorträge in angej nehmer Erinnerung stehende Herr Dr. Holländer.! Redner geht davon aus, daß von dem Zeitpunkte an, da das Cbristentbum seine großen Siege und seine ungeahnten Erfolge errang, sich im Judenthum Wantelinsithige und Zweifler fanden, die sich von dem Glanz des Erfolges blenden ließen und sich fragten, ob nicht aus jener Seite, die den größeren Erfolg für sich habe, auch die größere Wahrheit zu finden sei. Das Suchen, das Streben nach der vermeintlichen besseren Wahrheit war also in jenen Anfangsstadien für so manche unklare Geister innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft das treibende Element, welches sie veranlaßt, ihre Blicke nach außen schweifen zu lassen. Heute sind die Ursachen für solche Vorgänge, wie wir noch sehen werden, meist andere: Nämlich Gier nach materiellen Vortheilen, grobe Unkenntnis; der eigenen Volksgeschichte, der Religionsgebote und religiösen Einrichtungen, souoie großer Mangel an Charakterfestigkeit und Gesinnunastüchiigkeit. Als in den späteren Jahrhnnde»'- tcn die schmachvollen, in ihrer Unmenschlichkeik beispiellosen Religionsoerfolgungen das Judenthmn trafen, indem brutale Machthaber, wülhende, halb wahnsinnige Zeloten und ein verthierter Pöbel im edlen Wettstreits zusammenwirkten, um das jüdische Volk unter die Süße zu treten und seinem Glauben den Todesstoß zu versehen, da bewährte sich glänzend die sieghafte Macht und die unbeugsame Kraft, welche unserer göttlichen Religion innewohnen, Die Ereignisse jener Jahrhunderte ru schildern, könne hie»' nicht die Aufgabe fein; sie bilden in der Geschichte ein Kapitel, mit Vlut und Thränen geschrieben, das für alle Zeiten ohne Beispiel aasieben wird in den Aufzeichnungen der Völker. Generationen um Generationen sind seither dahingegang-m, große »mächtiae Völker, weltgebietende Nationen sind verschwunden vom Schauplatze der Geschichte, a<>' waltige Reiche haben in ihren Fugen gekracht, neue Reiche, neue Herrscher sind erstanden und auch neue Zeiten sind heranfgezogen, die mit der Flamme des Geistes und mit der hellstrahlenden Fackel der Kultur die Nebel und Dunste jener finsteren Zeiten verscheuchten. Auch für uns Juden sind bessere Zeiten angebrochen,' die Mauern der Ghetti sind gefallen und in den Ländern Westeuropas erfreuen wir uns der vollständigen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. Wenn nun auch seitens der staatlichen Vollzugsorgane so Manches geschieht, was das eben angewandte Prädikat „vollständig" eigentlich nur in wesentlich eingeschränktem Sinne zulässig erscheinen läßt, wenn aus dem Sumpf der Neider und Hasser die Unkenrufe noch immer laut ertönen und die Versuche, die Volksmeinung zu vergiften, oft nur zu gut gelingen, wenn überhaupt noch im Lause der letzten Jahre so manches geschehen ist, was uns mit tiefer Betrübnis; und mit schmerzlicher Beklemmung zu erfüllen geeignet ist, so kann all dies im Ganzen doch an der Thatsache nichts andern, daß die Zeiten, in voelchen wir leben, mit G. H. doch paradiesisch zu neunen sind gegen die der verflossenen Jahrhunderte. Man sollte daher meinen, wir Juden hätten alle Ursache, uns beglückt und gehoben zu fühlen und voll Dank gegen die Vorsehung, welche die Zeiten so zu unseren Gunsten gewandelt hat, treu und fest zu unserem Glauben zu stehen, wie dies unsere Ahnen unter Qualen und Jollern mit Hingabe ihres Lebens bestätigt haben. Leider fehen wir im Gegensätze hierzu Gleichgiltigkeit, Wankelmutb und Treulosigkeit zunehmen. In alten Zeiten ivaren die Abtrünnigen oft Solche, die im Forschen und Grübeln mehr gethan, als dem Menschen zukommt, die durch Ueberspannung ihrer geistigen Fähigkeit aus den richtigen Bahnen geschleudert wurden. Betrachte man jedoch die Ursachen des Abfalles vom Judenthum heute, so zeigen sich — wie schon gesagt — ganz andere Erscheinungen, namentlich in den Schlagwörtern, welche der modernen Litteratur behufs Begründung der Nothwendigteit, dem Judenthum den Rücken zu wenden, herhatten müssen. Aus den ungemein zahlreichen Beispielen für eben gedachte Verhältnisse will Redner nur zwei als besonders spmptomatisch hervorheben, nämlich den Briefwechsel des sei. Rabbiner Abraham Geiger mit einem Manne, der den Entschluß, zum Christenthum überzutreten. gefaßt hatte, sowie auf den im Ottoberheft dcr Preußischen Jahrbücher erschienenen Aufsatz von Bendittus Levita kPseudonvm eines jüdischen Rechtsanwalts in Halle, dessen Kinder bereits getauft waren). Im ersteren Falle wußte der Abtrünnige den eindringlichen, mit großer Wärnie und Entschiedenheit in mehreren Briefen zum Ausdruck gebrachten Abmahnungen Abraham Geiger's nichts anderes entgegenzuhalten, als immer wieder dasselbe: Das Judenthnm lönne ihm absolut nichts bieten, es sei eine Religion des