Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 20 (11.3.1901)
- Date
- 1901-03-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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465 Feuilleton. SSeim Ültmfter. Von Wobert ibänCein. 12j „Nun habt Ihr aber keine Zeit mehr zu verlieren, es ist schon neun Uhr vorbei und Ihr müßt vor Zehn im Palais des Ministers sein. Hier habt Ihr meine Karte und nun wünsche ich Euch guten Erfolg! Gott möge Euch Seine Engel voransenden, daß Ihr Gnade in den Augen des Mannes findet, in deffen fester Hand die Geschicke unseres Landes liegen!" „Gott hat ihn bereits in Ew. Eminenz Person geschickt, so daß ick mit Vater Jakob spreche: „Auf Deine Hilfe hoffe ich. o Gott!" Kurz vor dreiviertel auf Zehn stand Bensew vor dem Palais des Ministers von Haffenpflug. Da war zunächst ein Doppelposten zu paffiren, eine Pastage, für welche Bensew schon seinen ganzen Muth zusammen nehmen mußte. Man ließ ihn zwar unbehelligt hindurchgehen, aber die beiden Soldaten betrachteten den Juden mit Blicken, die nichts weniger als ermuthigend für ihn waren. Bensew war noch nie in seinem Leben zwischen zwei Soldaten hindurch gegangen, und die beiden Wache stehenden Soldaten hatten auch noch nie einen Dorfjuden in das Palais Sr. Excellenz gehen sehen. Die Equipagen und Karossen, welche vor dem hohen Portale hielten, pflegten in der Regel andere Herren zur Audienz zu führen. Neugierig blickten sie dem über den weiten Hof nach dem Palais Schreitenden nach. Jetzt kan, die zweite Schwierigkeit. Dort stand ein reich gallonirter Lakai oder Portier mit einem großen Stabe in der Hand, der oben einen dicken silbernen Knopf trug. Schlichtern wagte sich Bensew heran. Aber kaum hatte er die unterste Stufe der hohen Freitreppe betreten, als ihn der betreßte Cerberus anherrschte.- „Zu wem will Er, Hebräer?" „Ich bin für zehn Uhr zur Audienz befohlen." „Ja, was will Er denn hier, um Himmelswillen?" „Einen Brief soll ich hier abgeben." Bei diesen Worten überreichte Bensew das Billet, welches den Stempel des Konsistorialpräsidenten Schellenberg trug. Der Portier nahm gravitätisch die Adresse in die Hand. Beim Lesen derselben verloren die Züge des Lesenden ihren rohen, übermüthigen Ausdruck und nahmen die üblichen, devoten Formen an. Vielleicht, dachte er, ist dieser Landjude irgend ein verkappter Rothschild; die Rothschilds haben ja mit dem hessischen Hof schon lange gute Beziehungen gehabt, er wurde sogar höflich, höfisch und geleitete ihn ganz unterwürfig zu der breiten Treppe, die zum Antichambre Sr. Excellenz führte; dort möge er seine Karte nur dem Hussier abgeben. Der Letztere stand bereits an der Flügelthüre, nahm Bensew das Empfehlungsschreiben ab und wies ihn an, Platz zu nehmen und zu warten, bis er gerufen werde. In den Vorzimmern befanden sich mehrere Herren in Frack und weißer Binde, verschiedene höhere Militärs in Galauniformen und einige elegant gekleidete Damen, welche zur Audienz geladen und für den Empfang vorgemerkt waren. Es war Bensew nicht zweifelhaft, daß die bereits Anwesenden zuerst vorgelassen würden und daß er noch lange werde warten müssen. Er sah sich seine Umgebung ein wenig an, sein Blick musterte den ganzen Raum, von den weichen, türkischen Teppichen an, in welcke er mit seinen schweren, genagelten Schuhen tief eingesunken war, bis zu den herrlichen Plafondmalereien, welche die Saaldecke zierten. Dabei blieb das Auge unwillkürlich an dem hohen, mit schweren Goldrahmen eingefaßten Spiegel hängen, in dem er plötzlich seinen; eigenen Bilde begegnete. Wie stach er gegen die elegante Hofetiquette und Toiletten ab, auf die er hier allenthalben stieß und die er nun so bequem durch den Spiegel mustern konnte, ohne die Herren in Uniform und Civil direkt auf's Korn zu nehmen. Sein unvermeidlicher stahlblauer Jomtofrock, um den ihm ganz Malsfeld neidisch nachblickte, hielt keinen Vergleich mit dem aus, was er hier alles sah; das stand fest, daß er mit seinem Rock dem Minister nicht imponiren werde. Er trug das schlichte ungestickte Hemd von grobem Linnen, wie es die Leute vom Lande damals trugen; um den Hals ein schwarzes, halbseidenes Halstuch, das ähnlich wie die Halsbinden der Soldaten geschlungen und durch eine Schleife vorn festgebunden war. Zu seinem Schrecken merkte er, daß der Knoten sich gelöst und die Schleife sich verschoben hatte. Flugs öffnete er das Halstuch und suchte es vor dem Spiegel in möglichst gekällige Formen zu bringen. Dabei ging ihm der Aussbruch der Weisen durch den Sinn, daß diese Welt nur ein Vor- und Wartezimmer für die folgende sei, daß man sich im Vorzimmer in die rechte Verfassung bringen müsse, um jeden Augenblick in den Empfangssaal selber eintreten zu können. Da störte ihn aus seinen Betrachtungen der Schlag der goldenen Stutzuhr, die jetzt die zehnte Stunde verkündete. Die Schläge waren noch nickt verhallt, als sich die Portiere zum Arbeitszimmer des Ministers wie von selbst auseinander that und der in der geöffneten Thür erschienene Hussier rief: „Heinemann Bensew, Synagogen-Aeltester aus Malsfeld."