Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 20 (11.3.1901)
- Date
- 1901-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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461 — und die Christen behaupteten noch immer, daß sie Juden sind. In ihrer Verzweiflung griffen sie nun zu den lächerlichsten Mitteln. Sie erniedrigten sich vor ihren Feinden, bettelten um einen liebreichen, gnädigen Blick, sie krümmten ihren Rücken vor Leuten, von denen sie verachtet wurden. Ihre Enkel haben diesen krummen Rücken geerbt, sie stehen noch in gebeugter Haltung. Zuweilen lächelt diesen Enkeln auch die Sonne eines unerhörten Glückes, wenn z. V. ein verschuldeter, blasirter Idiot von einem Adeligen sich herbeiläßt, um die vergoldete Hand einer Tochter dieser würdigen Enkel ihrer Ahnen anzuhalten, oder wenn ein buntes Bändchen von einem Duodezsürstlein an die Brust eines der Ihrigen fliegt. Dann herrscht Freude in Israel! Wie +icf ist dieses Volk gesunken! Sie werden getreten und sie lächeln, sie werden gehöhnt, und sie lächeln. Doch dieserhalb würden wir sie nur bemitleiden. Was jene sich anthun, ist ihre Sache, aber dafür, daß sie das Judenthum in sich erniedrigen, dafür müssen wir mit ihnen abrechnen. Wir müsien in die Welt Hinausrufen, daß sie keine Juden sind, wir muffen durch die That beweisen. daß sie nicht das Judenthum sind. Auch unserem Judenthum haben sich fremde Elemente beigemengt. Auch das fromme Judenthum hat moderne „Kulturprodukte" in sich ausgenommen. Entfernen wir diese fremden Götter aus unserer Mitte. Machen wir unser Judenthum rein, dann wird es kräftig sein. Lernen wir unsere Wissenschaft kennen, wandeln wir bei ihrem Lichte. Wir haben es leichter, als das moderne Judenthum. Dieses schuf erst etwas, dem es den Namen Wissenschaft beilegte. Wir brauchen nur an den Faden anzuknüpfen, den ein Maimonides, Jehuda Halewi, Joses Albo und die anderen großen jüdischen Wissenschaftler gesponnen. Uns steht dieselbe Quelle offen, aus der unsere Großen geschöpft, unsere Thora. Verbreiten wir die Wissenschaft unserer Thora, und prüfen wir an ihrer Hand die Wissenschaften der anderen Völker. Pflegen wir unsere Kultur, die an ethischem Gehalt die Kultur der modernsten Nationen weit, weit übertrifft. Wenn ich diese meine Forderungen in einen Saß zusammenfassen lvollte, so würde dieser Satz lauten. Werden wir Ghettojuden in der Freiheit; ein Ghettoleben ohne Mauern ist das Ideal, dem wir nachstreben müssen. Werden wir wieder so rein wie damals, wieder so glücklich. Wir müssen unser Leben vertiefen, wir dürfen nicht an der Oberfläche haften bleiben. Dann wird auch das Selbstbewusstsein zurückkehren, der gerechte Stolz auf unseren inneren Werth. Wir werden dann nicht aufjubeln, wenn irgend ein armseliger Scribent uns unsere Wissenschaft lobt, und auch nicht verzweifeln, wenn das Gegentheil eintrifft. Gehobenen Hauvtes werden wir dann Alles entgegennehmen; erniedrigen wir uns nicht freiwillig zum Ambos der Menschheit. Die Eiche steht, trotz aller Stürme, die sie umbrausen. Werden wir würdig unsrer Ahnen, die für das Judenthum gekämpft, gelitten und für es gestorben sind. Diese haben nrn enpo gewesen, aber nicht unsere modernen Jünglinge, die sich an veraltete Vorurtheile einer vergangenen Epoche klammern, und sich für das Judenthum duelliren. Das Judenthum, das sie vertreten, ist dieser Begeisterung gar nicht werth. Ihr Judenthum ist die jüdische Nation. Sie sagen sich los von der Thora und glauben, doch Juden zu sein. Unser Judenthum kennt diese Theilung nicht. 7Q'ip K'n nrat 'n’nw Gott, Jißroel und die Thora ist eine Einheit. Werden wir Juden und seien wir nichts als Juden. Zünden wir das Licht unseres Judenthums an, und es wird ein Lichtmeer sein, das die Gesammtmenschheit erleuchten wird. Wir werden dann weiter fortwandeln unter den Völkern, ihnen leuchten mit unserem Lichte, bis unser Licht auch ihr Licht wird. Dann haben wir unsere Aufgabe als Juden gelöst. Diese unsere Aufgabe finden wir in den wenigen Worten, die Gott unserem Vater Abraham zugerufen, in klarer Form ausgedrückt, c'cn 'vn -inm. Wandle vor mir und sei ganz! Eine tiefsinnige Erklärung dieser Worte hörte ich einst von meinem hochverehrten Lehrer. Bei n: heißt es: D'p^xr: nx nj Noah wandelte mit Gott, er ging dorthin, wo Gott bereits war. Aber Abraham rief Gott zu \:ei> ib.-mn wandle vor mir! Du gehe auch dorthin, wo man Mich noch nicht kennt. Du trage das Licht Meiner Wahrheit Mir voraus; zünde das Feuer der Gottesbegeisterung unter den Menschen an. Erleuchte die Dunkelheit, in der deine Mitmenschen leben, zerreiße den Schleier, der sie verhindert, mich zu erkennen. Befreie die Welt von den Fesseln der Jrrthümer und heile sie von ihrem Wahn. Dieses vor Gott einhergehen ist auch noch heute unsere Aufgabe. Gott in Seiner Allgüte hat uns auch sein -f? zugerufen. Er schickte uns unter die Völker, damit wir sie lehren, den Gottesgedanken in seiner Reinheit zu erfassen, »mp *rp wp'bx*? h^dö rcnj?2 np’ "1 -pn us is-tos* Eine gewaltige Stimme ruft in unsere Wüste hinein, machet Raum für Gott, für 'T der mit Liebe Seine Menschheit leitet, aber ebnet auch die Bahn für 2'pii»x, für den Gott der strafenden Gerechtigkeit, der bisher nur ^'pAx unser Gott ist. Die Menschheit lerne durch uns, daß wahre Liebe stets mit Strenge gepaart ist, daß einen Anspruch auf Liebe nur der hat, der selbst liebt. Eine immerwährende Nachsicht wäre Schwäche. Nicht der ist ein guter Vater, der sein Kind stets mit Liebkosungen überhäuft, sondern derjenige, der an rechter Stelle auch streng zu sein versteht. h und cp^x Liebe und Gerechtigkeit hat das jüdische Volk geleitet, Liebe auch da, wo es gestraft wurde, und Gerechtigkeit auch dort, wo es glücklich war. Hören wir auf diese gewaltige Stimme in der Wüste. Seien wir und werden wir Diener Gottes! Stehen wir treu und fest zu unserem liebenden und gerechten Vater, halten wir hoch