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Der Israelit · 1901-03-11 · Heft 20 (11.3.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 20 (11.3.1901)
Date
1901-03-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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460 zu erhalten, und sie werden lächerlich in den Augen der Welt, in unseren Augen, da wir sie psychologisch begreifen, beklagenswerth. Diese können sich nicht lange auf der Oberfläche des Weltenmeeres erhalten, denn durchlöcherte Fahrzeuge müssen untergehen. Mit diesen haben wir uns nicht auseinanderzusetzen, denn ihr Standpunkt ist ja — keinen Standpunkt zu haben; logisch bekämpfen läßt sich aber nur ein Standpunkt. Wir haben uns aber mit den Lehrern und Führern dieser Leute auseinanderzusetzen, die einen Standpunkt zu haben vorgeben. Diese haben ja ein modernes Judenthum geschaffen, das aber nach unserer Ansicht Alles ist, nur kein Judenthum. Wir müssen uns aber erst darüber klar werden, was sie mit ihren Reformen bezweckten. Als die Menschheit den großen Freiheitstraum träumte, da sprachen auch einige Enthusiasten von einer Verbrüderung der Gesammtmenschheit. Auch den Juden wurde die Bruderhand gereicht. Dafür glaubten nun die Juden auch ihrerseits einige Konzessionen machen zu müssen. Das alte Judenthum war ein Hinderniß, daher mußte es abgeschüttelt werden. Doch das wurde nicht so offen herausgesagt, man sprach nur von einer „zeitgemäßen Reform des Judenthums." Dürfen wir, so sprachen die Reformer, die uns entgegengestreckte Bruderhand zurückweisen? Darum weg mit allen Hindernissen, die den Menschen vom Menschen trennen. Unsere Religion wollen wir in unseren Synagogen pflegen, aber im öffentlichen Verkehr wollen wir Menschen sein. Wir wollen als Brüder mit den Andersgläubigen leben, theilnehmen an ihren Freuden, Mitarbeiten an dem Fortschritt der Menschheit. Wir wollen auch treue Jünger der Kunst und Wissenschaft liefern, darum weg mit der Scheidewand, die uns von den übrigen Menschen trennt, weg mit den geistigen Ghetlomauern, die uns das Helle Licht der Freiheitssonne vorenthalten. Das war die Parole der von der Freiheit trunkenen Judenheit. Sie hörten nicht auf die mahnende und warnende Stimme ihres Gewissens, sie hörten nicht auf die Stimme des gesunden Menschenverstandes, die ihnen zurief: Welches Recht habt Ihr, am Judenthum eine derartige Verstümmelung vorzunehmen? Glaubt Ihr an einen Gott im Himmel, der sich am Sinai offenbarte und Seinem Volke als kostbares Gut Sein Kleinod, die Thora, überantwortete, damit es von dieser hinausbegleitet werde in die Menschheit, damit es durch die Macht der in der Thora sich offenbarenden Wahrheit Diener werbe für Gott, darum, woher das Recht, diese Thora in die Rumpelkammer zu werfen? Habt Ihr etwa eine neue Offenbarung erhalten, die die alte Lügen straft und sie aufhebt? Glaubt Ihr wieder an diese Offenbarung nicht, dann werfet doch Alles von Euch, und erklärt offen und ehrlich, daß Ihr Euch lossagt von Gott und von der Gemeinde Jakobs. Doch diese Stimme wurde erstickt; im gewaltigen Freiheitsgeschrei kam der Verstand zu kurz, — und das Judenthum wurde reformirt. Tempelschänderische Hände rissen mit unerhörtem Vandalismus Stücke vom Judenthum ab, und das nannten sie Freiheit. „Wehe denen, die dem Ewigblinden des Lichtes Himmelssackel leihen! Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden und äschert Städt' und Länder ein." Wie Recht hatten unsere Großen, diese Freiheit zu fürchten! In welch' neuem Lichte erscheint uns jetzt das Vorgehen unserer c^rn, die im Jahre 1781, als der menschenfreundliche Kaiser Josef II. sein „Toleranzedikt" erließ, sich dagegen sträubten, sein Geschenk anzunehmen. Sie fürchteten, daß die Freiheit ihnen zum Nessusgewande werden könnte, in dem sie verzehrt würden. Sie fürchteten für die Reinheit des Judenthums, und wie begriindet war diese Furcht. Einige Jahrzehnte später und das, was sie gefürchtet, traf ein. Eifrige, rührige Hände arbeiteten an einer Neugestaltung des Judenthums. und das Judenthum verflüchtigte sich unter ihren Händen. Alles opferten sie dem Zeitgeiste, und die Zeit verschlang diese Opfer. Nichts blieb vom Judenthum, nur die Form, in die sie neuen Inhalt gossen. Diesen Inhalt nahmen sie von Wissenschaften, die auch nur Form waren, und sie begründeten so eine Wissenschaft des Judenthums, die weder das eine, noch das andere ist. Das Judenthum hat eine herrliche Wissenschaft, ja ist selbst Wissenschaft, aber sie hatten weder Judenthum noch Wissenschaft. Sie meinten den uralten Kamvf zwischen Glauben und Wissen beseitigt zu haben, indem sie ihren Glauben einem Phantom zum Opfer brachten. Zwischen Glauben und wahrem Wissen besteht kein Gegensatz, nur die Afterwissenschaft ist eine unversöhnliche Feindin des Glaubens. „Ein leichtes Nippen aus dem Kelche der Philosophie," sagt Baeo, „mag zum Atheismus führen, vollere Züge führen zur Religion zurück." So blieben sie ohne jeglichen Inhalt zurück, ein Judenthum ohne Thora ist wie ein Körper ohne Seele. Aber sie träumten fort den Traum der Gleichheit, hielten im Geiste ihre nichtjüdischen Brüder umschlungen, sie opferten ihnen noch, als jene schon längst von ihren Freiheitsträumen erwacht waren, als bei jenen der Gleichheitsrausch schon längst einer fürchterlichen Nüchternheit Platz gemacht hat. Der Judenhaß erhob stolz sein Haupt, und die früheren Brüder wollten die Juden nicht mehr kennen. Nachdem diese Juden ihnen schon Alles geopfert hatten, wurden ste von ihnen abgeschüttelt. Aber unsere Reformer wurden nicht irre. Sie glaubten, daß ihre nichtfüdiscben Brüder noch Opfer von ihnen verlangen, und sie brachten sie ihnen. Mit einer wahren Begeisterung rissen sie nieder, was sie noch vom Judenthum hatten, entweihten ihre Synagogen durch unjüdische Gebräuche, rissen aus ihren Gebetbüchern diejenigen Stellen, die sie daran erinnerten, daß sie Juden sind, zerstörten die heilige Reinheit ihrer Familien, opferten ihrem Mahne die unschuldigen Herzen ihrer Kleinen,

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