Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 20 (11.3.1901)
- Date
- 1901-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4L. Jahrgang. M »O Der Israelit. Ein Kentrak-Hrgan für das orthodoxe IudenLHum. Begründet von Dr. in M«inz Montag, den 11. Marz 5661 (1961). Leitender Artikel. Tis Mtchlli» einst u»i> jetzt. Rede, gehalten im Talmnd-Thora Verein Zürich. Bon stuck. pliil. Hermann Klein—Bern. (Schluß.) Wir sollen uns unseres Daseins freuen. Die Freude am Leben ist ein Zeichen der Gesundheit, ein Beweis vornehmen Denkens und Empfindens — eine ideale Lebensanschauung. Für eine solche Lebensanschauung sollen die Leiden das jüdische Volk erziehen, — für die wirkliche Freude, für die Freude '-! ’jb?. Die Leiden des Ghetto hatten diese Wirkung nicht. Die Bewohner des Ghetto selbst waren noch treu, sie hielten die Fahne noch hoch. Die Mauern erinnerten sie ja beständig daran, daß sie im nS: sind, sie erinnerten sie, daß sie unter Todfeinden leben, daß sie ihr Dasein nur der schützenden und schirmenden Hand Gottes verdanken. Das Abzeichen, das sie an ihren Kleidern tragen mußten, erinnerte sie stets daran, daß sie Juden sind. Und sie waren Juden in ihrem Denken, Fühlen und Handeln. Ihr Judenthum blieb rein, nichts Fremdes mengte sich da in das Judenthum. Die heilige Reinheit der Familien war Schutz und Schirm gegen alles Unreine und Unechte. Als aber die Freiheit auch an die Pforten des Ghetto's klopfte, als die Abzeichen von den Kleidern verschwanden, da vergaß auch mancher Jude, daß er Jude sei. Die Gottesfahne, die die Juden bis dahin hochhielten, entsank den Händen der schwächlichen Nachkommen. Sie hatten nicht genügende moralische Kraft mehr, um die alte Fahne noch zu tragen. Sie hatten einen verhängnißvollen Jrrthum; sie glaubten nämlich, daß sie Fahnenträger waren, wo doch das Umgekehrte der Fall war. Sie wurden von der Gottesfahne getragen, ihrer Thora verdankten sie ihr Bestehen. Sie war es ja, die ihre Väter hineinbegleitet hat in das Ghetto, im Ghetto war sie die Trösterin der Unglücklichen: sie stärkte die Hände der Schwachen; richtete die Gefallenen auf, half dem Armen über seine Armuth hinweg, begeisterte sie zu edlen Thaten, sie war Hütte den von Hitze Ermatteten, und wärmendes Feuer den von Kälte Erstarrenden. Ihrem alten Judenthum hängten nun die Söhne ein neues Mäntelchen um, sie mischten Fremdes in den reinen -Wein, und der Wein ward zu einer verfälschten Brühe durch diese thörichte Mischung. Sie wollten ein „modernes Judenthum." In diesen zwei Worten liegt der ganze Jammer und das ganze Verhängniß unserer Zeit. Unser Judenthum hat sich modernisirt. Soll ich vor Ihnen ein Bild dieses modernen Judenthums entwerfen? Es beißt zwar im eigenen Fleische wühlen, wenn man die Wunden aufreißt. Aber es gibt auch nothwendige Operationen, welche die bösen Säfte aus dem Körper entfernen und ihn geschmeidiger und widerstandsfähiger machen. Decken wir daher nur die Wunden auf, wenn wir nickt Gefahr laufen wollen, an einer inneren Verblutung zu Grunde zu gehen. Unser Judenthum ist kaum ein Schatten des wirklichen Judenthums. Oder sind etwa die jüdischen Kommerzienräthe, die als Geldprotzen eine ständige Figur in den Witzblättern spielen, noch Enkel unserer Almen? Mit diesen charakterlosen Schmarotzern hat sogar unser heutiges Judenthum nichts zu schaffen. Sie sind welke Blätter, die bei dem leisesten Windhauche abfallen. Was sie mit uns gemein haben, ist nur der Name, höchstens noch die krumme Nase. Aber eine krumme Nase ist kein genügendes Bindeglied zwischen Menschen. Diese Leute sind bejammernswerthe Geschöpfe einer indifferenten Zeit, Kulturprodukte einer dekadenten Zeitsirömung. Da sie keinen inneren Werth haben, klammern sie sich an die Aeußerlichkeiten, sie glauben durch ihre äußeren Güter einen inneren Werth