Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1901)
- Date
- 1901-03-07
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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458 f kann, bat von seiner Bestimmung nur ganz dunkle, elementare Begriffe und muß stch im Leben ausschließlich mit der bloßen Nachahmung behelfen. Es ist ungereimt, die Jugend durchgehends zu Gelehrten bilden zu wollen: aber es ist durchaus nothwendig, sie bis auf den Grad zu unterweisen, daß, wenn ste die Schule verläßt, einen kurzen, aber hinreichenden Begriff der religiösen und moralischen Pflichten mitbringe, welche der Bestimmung des Menschen im allgemeinen und Israeliten im besonderen vollkommen entsprechen. Die Lebensweise ist voller Gefährlichkeiten: 'im Glück wie im llnglück bedarf die junge Person eines guten Wegweisers. Das erste kann ste leicht berauschen, vom rechten Wege abkühren und der Leitung verführerischer Irrlichter überlasten, das letzte aber nimmt dem mit sein"m Schicksal Ringenden Muth und Stärke und nicht selten erliegt der, den die Wogen des stürmischen Meeres zu verschlingen drohen. Der schwache Sterbliche muß in beiden Fällen von der Religion und Moral, von dielen zwei Engeln, wie ste der Talmud bezeichnet, geleitet und aufrecht erhalten werden. Diese sämmtlichen Beweggründe haben zur Zusammenstellung der systematischen Religionslehre „Jmre Schefer" den Anlaß geboten, und soll damit eine neue Richtunaslinie vorgezeichnet und eröffnet werden." Ein anderer Schüler Moses Mendelssohn, Jehuda ben Seb, ist der Verfasser von „Jesode Hadaß," ebenfalls eine spssematische Religionslehre, die mit den Worten einleitet: „Warum fängt man jetzt erst an, derartige Religion^bücher einzuführen, und warum geschah es nicht schon früher seitens der sel. Voreltern, die dock, ungleich größere, tüchtigere, bedeutendere Leute und Lamdonim waren? Ganz einfach: für ste bestand kein Mangel daran, war kein Vedürfniß darnach und deßhalb blieben ihnen auch die Vorzüge derselben fremd. Art und Zeit verändern aber Ursachen und Wirkungen! Während früher jeder Knabe dem Cheder und später der Jeschibo zugekührt wurde, den Geist dortselbst zu schärten und die Grundsätze der heiligen Thora aus dem Urauelle zu schöpfen, blieb aber auch eine große Zahl geistig todt, war nicht im Stande, der Lehrweise des Chidud und Pilpul zu folgen, so starke Kost zu kauen noch zu verdauen, und es gehörten viele Jahre anstrengenden Studiums dazu, so umfassende Kenntnisse zu erlangen, daß. hierdurch die Gesetzesübung, die Anwendung für's Leben in Fleisch und Blut überging, ein Leib und eine Seele daraus wurde, weil eben die Vorschriften und Lehren nicht systematisch geordnet in den Quellenschriften vorhanden, sondern wechselvoll zerstreut stnd und nur vom gewandten Auge, dem scharssinniaen Verstände erfaßt und verwerthet werden können. Neben zeitgeschichtlichen Aufzählungen finden stch Gebote, Zeugnisse. Rechtslehren, neben den Vorschriften über mein und dein, die Gesetze von verboten und erlaubt, die Paragraphen von rein und unrein, koscher und posul u. s .w. Die Emanzipation erzwang endlich auch eine andere Geistesbildung, ein veränderte!? Unterrichtswesen, nachdem Kaiser Joseph II. von Oesterreich der erste gewesen, welcher die beengenden Schranken niederlegte, der die Einstellung jüdischer Jünglinge in's Heer bewirkte, der Schulen errichten ließ, welche von den jüdischen Gemeinden in Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Dessau nachgeahmt wurden. Der alte Bau des Unterrichtsgebäudes gerieth in's Wanken und Schwanken, nur die Auserlesenen des Volkes waren mehr dazu befähigt, und ein Ersatz nicht hierfür vorhanden, aber doch unerläßlich nothwendig, wenn die Grundsäulen nicht zu Sturz kommen sollten, und in diese Bresche trat nach und nach die systematische Religionslehre, suchte und verschaffte stch Einlaß in jüdischen Schulen." Auch in Bayern regte es stch allüberall, und in seinem 182G erschienenen Lehrbuche der mosaischen Religion, welches unter Aussicht und Leitung des Oberrabbiners Abraham Ving in Würzburg erschien und vom Rcchbinate in Fürth und angesehenen Rabbinen geprüft und anerkannt und mit dem Privilegium für Bauern von Sr. Majest. König Ludwig I. ausgestattet wurde, schreibt darüber wie folgt: Das Bedürfniß eines Lehrbuches der mosaischen Religion wurde schon seit dem letzten Dezennium des vorigen Jahrhunderts empfunden, besonders jedoch in den neuesten Zeiten in den südlichen Theilen Deutschlands, wo stch die Regierungen die sittliche und moralische Bildung der Israeliten nach den Fortschritten der Zeit mehr angelegen sein ließen. Was können jene wohlgemeinten Verordnungen, „daß der Jsraelite seine Kinder entweder in die christliche Elementarschule schicken oder sie bei einem isr. geprüften Lehrer unterrichten lassen soll," wohl fruchten, wenn dieser Elementarunterricht nicht die Religion zur Grundlage hat? Was läßt sich von einer Jugend wohl erwarten, wenn ihr auch immer durch jene humanen und liberalen Gesetze alle Bildungsanstalten, Gymnasien, Hochschulen, Seminarien und Akademieen offen stehen, wenn diese einer religiösen Erziehung ermangelnd, ihre ganze Moral und Sittlichkeit auf den schwachen Boden des eigenen Verstandes bauen muß? Die Kgl. Regierung, dies wohl erkennend, ertheilte daher zur Herstellung eines geeigneten Lehrbuches an den Oberrabbiner Bing den Auftrag. ein derartiges Werk in Vorlage zu bringen, welcher auch sogleich eine strenge Revision aller vorhandenen Arbeiten dieser Art vornahm, solche aber seinen Forderungen nicht entsprechend fand und daher seinen Schüler, Dr. Vehr-München, damit betraute, ein derartiges Lehrbuch herzustellen, in welchem einerseits alle wesentlichen Religionsvflichten der Israeliten enthalten stnd, geschöpft aus biblisch-talmudischem Lebensborne. andererseits alles Fremdartige, aus den übrigen Religionen in die unserige hineingetragene, entfernt gehalten werden muß. Es waren also die sämmtlichen, von einem Israeliten zu befolgenden Religionsgesetze