Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1901)
- Date
- 1901-03-07
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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446 keiner katholischen Niederlassung zu einem Zwecke bedürfe, der von jeder Köchin ebenso gut erfüllt werden könnte. Aba. Barth (fr. Ver.) wundert sich über die kühle Haltung des Kultusministers in der von ihm besprochenen Angelegenheit. Wenn es sich um sozialdemokratische Verfehlungen handle, wenn die Gefahr vorliege, daß die Eisenbahnarbeiter durch die Zugehörigkeit zu einem unter sozaldemokratischer Leitung stehenden Konsum- Verein Sozialdemokraten werden könnten, dann greife der Minister mit aller Macht ein, und andererseits die Lauheit gegenüber der die staatliche Ordnung gefährdenden antisemitischen Hetzbewegung. Die Gerichte meinen zwar, daß die praktische Aufforderung des Dreschflegelgrafen Pückler nur symbolisch zu verstehen sei, aber diese Symbolik sollten nur einmal die Sozialdemokraten anwenden. Posen, Ende Febr. Am 26. d. M. fand eine stark besuchte Versammlung jüdischer Bürger aller! Stände und aller Richtungen statt, die von dem „Verj ein jüdischer Staatsbürger" zum Zwecke einer Protest- Resolution gegen die zum System gewordene Zurücksetzung jüdischer Staatsbürger einberufen war. Nachdem Assessor Dr. I a f f e die Versammlung mit einigen einleitenden Worten eröffnet hatte, führten die an- ( deren Redner, Rechtsanwalt Kirschner und Stadtverordnetenvorsteher Dr. med. Landsberger, in kräftiger, überzeugender Darstellung aus, welche schweres Unrecht der Staat an uns begebe und daß wir Alles aufbieten müssen, zur Verwirklichung unserer Rechtsansprüche zu gelangen. Die Erschienenen folgten mit Aufmerksamkeit diesen Reden, die oft von minutenlangem Beifall unterbrochen wurden, und endlich wurde die vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommen. Koblenz, 8. März. In geradezu staunenswerther geistiger und körperlicher Frische begeht heute das älteste und zugleich würdigste Mitglied unserer Gemeinde seinen achtzigsten Geburtstag: Fräulein Amalia G ö tz , eine der bekanntesten und beliebtesten Erscheinungen in unserer Stadt. Wenn je eine Frau in Israel den Ehrennamen: Esches Chajil verdiente, so ist es Frl. Göü, die die hohen Tugenden einer echten, wahrhaft frommen Jüdin mit dem Geiste und der Bildung einer Nabel in sich vereinigt. Der Typus des echtesten Patrizierthums, in gleichem Maße angesehen und beliebt bei allen Consessionen, hat es niemals ein hehreres Beispiel selbstloser Aufopferung und edelster Menschenliebe gegeben, als wie es die Jubilarin tagtäglich gibt. Dabei ist sie von jenem echt jüdisch-frommem Geiste beseelt, der die Dokumentierung wahrer Frömmigkeit nickt nur in öffentlichen Demonstrationen erblickt. Bei Sturm und Regen ist die Hochbetagte stets und ständig bei jeden: Gottesdienste anwesend und folgt den Gebeten nicht weniger, wie auch der Thora-Verlesung mit großem Interesse. Aus tausenden Herzen steigen heute Glück- und Segenswünsche für den weiteren Lebensabend der hochverehrten Greisin zu des Höchsten Thron empor. Und wenn die Jubilarin auch in rührender Bescheidenheit ihre Verdienste zurückzuweisen sucht, so wissen wir doch, daß auf sie gerade das Dichterwort so recht paßt: „Wer den Besten seiner Zeit genug gethan — Der hat gelebt für alle Zeiten!" H. N. Schweiz. Davos-Dorf, 27. Febr. Als vor einigen Jahren einer der sehnsuchtsvollsten Wünsche des Antisemitisinus, der auch in der freien Schweiz, wenn auch nicht offenkundig, so doch hie und da unter fremdem Namen und in tiefster Vermummung sein Unwesen treibt, unbegreiflicherweise sich die Gunst des Schweizer Volkes errang und das Schweizerische Gesetzbuch auch mit dem berüchtigten Schächtverbot bereichert wurde, da mußte jeder Unbefangene glauben, dieses Gesetz bedeute den letzten Gnadenstoß für das Schweizer Judenthum. Doch die Thatsachen dürfen uns lehren, daß dies ein sehr voreiliges Urtheil war. Gewiß ist das Schächtverbot ein sehr tief zu beklagendes Uebel. Hunderte von jüdischen Familien, die ihr religiöses Gewissen materieller Vortheile wegen nicht preisgeben wollen, haben dadurch manchmal mit unsäglichen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten zu kämpfen, ja manchmal sind sie sogar gezwungen, auf den Fleischgenuß vollständig zu verzichten. Nichtsdestoweniger ist es aber eine nicht wegzuleugnende Thatsache, daß ein großer Theil des Schweizer Judenthums diese harte Probe zu überwinden vermag. Wer behaupten möchte, daß dieses Gesetz im Stande war, Lücken im Schweizer Judenthum zu reißen, spricht eim rach den täglichen Erfahrungen Hohn. Schreiber dieser Zeilen hat Gelegenheit gehabt, mit jungen Studenten in Verkehr zu treten, die noch vor emem Jahre wegen Mangels an einer zuverlässigen Koscher Restauration in Bern, ihr Leben bei Wasser und Brod fristen mußten. Jetzt haben wir in der Schweizer Bundesstadt unter Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Ehrmann-Baden eine Pension, die in Bezug auf Kaschrus den strengsten Orthodoren nichts zu wünschen übrig läßt. Und erst vor Kurzem wußte der „Israelit" eine freudige Kunde aus den Schweizer hohen Bergen zu bringen: In den Räumen derselben Pension wurde nämlich eine 8N3L3 mg? in echt imposanter Weise und in Anwesenheit verschiedener ,-iTn ^3 gefeiert. Auch in anderen Städten der Schweiz macht sich durch Gründung verschiedener Litteraturvereine das Erwachen des jüdischen Bewußtseins fühlbar. Freilich darf man mir nicht die Naivität unterschieben, als möchte ich damit bekunden, daß von einem aus Grätz entnommenen Vortrag das Heil des Judenthums abhängig wäre. Ebensowenig kann ich mich mit der Meinung befreunden, daß mit einem solchen Vortrag —