Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1901)
- Date
- 1901-03-07
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Dann die stärkste deutsche Partei, die sog. „Volks - parier," mit ihren 61 Mitgliedern, die sich von den Schönerianern nur in der Tonart unterscheiden, und zwar nur insofern dies den Monarchen anbetrifft; die Juden möchten sie lieber heute als morgen vertilgen. Dann die Christlich-Socialen und die Kathol. Volkspartei, erstere ganz, letztere etwas weniger unverschämt antisemitisch. Ja, die einstige Kerntruppe des Liberalismus, die sog. Deutsche Fortschrittspartei, heute freilich nur noch eine Ruine ihrer ehemaligen Größe, taum 33 Mitglieder zählend, ist im Fortschreiten nach rückwärts soweit angelangt, daß sie beinahe von einer Spaltung bedroht wurde wegen der Meinungsverschiedenheit über die Aufnahme von zwei jüdischen Abgeordneten in ihrer Mitte. Rur mit Mühe wurde der Riß verkleistert, aber drei der wackeren liberalen Männer, darunter zwei der Führer, traten aus und schwenkten zu den — Schönerianern ab. Das waren Männer, auf die die Juden Oesterreichs ihre Hoffnungen setzten, für welche sie Gut und Blut einsetzten, um sie bei den Wahlen durchzubringen und um derentwillen sie sich den Haß der Negierung Taaffe zuzogen! Programmata mutantur et uos in ipsis! Heutzutage sind wir Antisemiten! .... Cs braucht nicht gesagt zu werden, daß der Czechenklub in seiner überwiegenden Majorität und die feudalen Großgrundbesitzer durchweg antisemitisch gesinnt sind! Die Südslaven und die Mehrzahl der kleineren Parteien, mit Ausnahme etwa der Italiener und Sozialdemokraten, sind es erst recht. Beinahe komisch muß es empfunden werden, daß der einzige Klub, desien Majorität judenfreundlich, der Polenklub ist, derselbe, den die liberalen Wiener Zeitungen stets auf's heftigste bekämpft haben. Unsere Demokraten und Radikalen ans Galizien haben sich, wie gesagt, mit den Stojadowskianern, diesen grimmigen und gewaltthätigen Judenfeinden, vereinigt! Aber es gibt ein jüdisches Sprüchwort, welches sagt: Viele Feinde — Ein Gott! Und das sei unser Trost. An weitestgehenden judenfeindlichen Anträgen wird es im Reichsrath nicht fehlen, die Schönerianer, die deutsche Volkspartei, die Luegerianer haben sie angekündiat. Aber kann heute ein Staat sich in einen Krieg wider l1/- Million seiner Bürger einlassen? Darum wird man uns wohl Nadelstiche, aber keine tödtlichen Schläge versetzen. Wir aber sollten aus diesem Wandel der Gesinnungen unserer „Beschützer" lernen, daß wir uns nur auf Einen Beschützer verlaffen dürfen, auf Den, der ivrach: ans Tn- "ist6 Q'rhv: xb: am.vx? nb 'o. Zeitungsnachrichten nnd Eorrefpondenzen. Deutschland. Berlin, 2. Febr. (Abgeordnetenhaus.) Unseren früheren Berichten über die Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses haben wir noch das Folgende nachzutragen: Abgeordneter Barth (freif. Vereinigung) bringt das Verhalten eines westpreußischen Pfarrers zur Sprache, der sich die Aufklärung des Konitzer Mordes zur Lebensaufgabe gemacht und die Schulräume zu sog. wissenschaftlichen Vorträgen benutze, um die Bevölkerung darüber aufzuklären, daß es sich um einen Ritualmord handle, und daß die Behörden es bei der Suche nach dem Mörder an der nöthigen Unparteilichkeit haben fehlen lassen. Dieser christliche Pfarrer, Namen Krösel, habe vor einer absolut kritiklosen Zuhörerschaft u. A. gesagt, daß der Jude vor Gericht verpflichtet sei, einen Meineid zu schwören, um einen Juden zu entlasten. Dieser Mann habe gegen die ihm vermöge seines Amtes obliegenden Pflichten gröblich verstoßen, denn er habe wesentlich zur Verschärfung der Judenhetze beigetragen, die in der dortigen Gegend so viel Unglück angerichtet habe. Der Mann sei vom Konsistorium vernommen worden, habe aber bestritten, daß er aufreizend gesprochen habe, und das Konsistorium habe sich dem angeschlossen. In dem Bescheide heißt es zum Schlüsse nur, daß ihm hinsichtlich der Rücksichten, welche ihm sein Amt auferlegt, das Erforderliche eröffnet worden sei. Die Rede sei stenographisch ausgenommen worden und der Pfarrer habe das gewußt, und in der Versammlung bemerkt, daß er, da ein Stenograph anwesend sei, seine Worte danach einrichten werde. Wie mag der Mann da erst sprechen, wenn kein Stenograph dabei ist? Diesem Unfug sollte der Kultusminister ein Ende machen. Minister Studt erwiedert, daß die Disziplinirung von Geistlichen der älteren Provinzen nicht Sache des Ministers, sondern des Konsistoriums und des Obertirchenrathes sei, an den eine Beschwerde zu richten sei. Die Benutzung der Schulräume zu dem genannten Zwecke sei von der Regierung sofort nach Kenntniß der Sache untersagt worden, und dadurch habe sich das Eingreifen der Centralinstanz erübrigt. Abg. Bumüller (Centr.) beschwert sich, daß die Niederlassung zweier Barmherziger Schwestern in Hechingen, welche die Arbeiter einer jüdischen Firma mit Mittagessen versorgen wollten, nicht gestattet worden ist. Minister Studt erwiedert, daß es sich bei dieser Verpflegungsanstalt um eine Ordensniederlassung handle (Heiterkeit im Centrum), der gegenüber nach den gesetzlichen Bestimmungen zu verfahren sei. Jene Firma beschäftige 400 evangelische und 200 katholische Arbeiter und habe den Antrag gestellt. Es sei die Bedürfnißfrage geprüft und verneint worden, weil es