Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1901)
- Date
- 1901-03-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449166--52844-2503405- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
444 In dem Reichsrath, wo alle Abgeordnete in Klubs und Parteien organisirt sind, würden die paar jüdischen Abgeordneten wie lose Atome umherschweben, dem allgemeinen Haß, der jetzt dies Haus beherrscht, preisgegeben, zu ewigem Schweigen verurtheilt. Obendrein sind die radikalen Parteien, die jenes Schlagwort ausgegeben, durchweg antisemitisch, obwohl sie dies vor den Wahlen wohlweislich verschwiegen haben. Sofort nach den Wahlen haben sich diese Herren mit der Stojalowski-Partei zu einem Herzen und einem Bunde vereinigt und bilden so eine ausgesprochene antisemitische Allianz. Aber gleichwohl hat der aus Wien verschriebene Kandidat großmäulig die Zertrümmerung des Polenklub verheißen und seinen Anschluß an die radikalen Parteien verkündet. Die vierzehn Stimmen, die er erhielt, waren eine deutliche Antwort für den Mann. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß das Auftreten der diversen Kandidaten und der Heidenlärm, den sie verursachten, eine große Verwirrung in den Köpfen der großen Masse gestiftet hat, und das war die mittelbare Ursache, daß wir ein Mandat verloren. Anstatt der früheren sechs, haben wir nunmehr nur fünf jüdische Abgeordnete. Das Mandat von Poremvls-Grodel, welches früher in den Händen des Abgeordneten Kolischer ruhte, wurde diesem entriffen und es siegte, freilich nach hartem Kampfe und mit geringer Majorität, ein antisemtisch angehauchter Kandidat. Dr. Kolischer, einer der besten Kenner der ökonomischen Verhältnisse des Landes und eine im Polenklub unentbehrliche Kraft, wurde freilich wiedergewählt, aber — in der Handelskammer von Vrody, der frühere Abgeordnete, der ewig schweigsame Dr. Rosenstock, resignirte. An der Stelle des unrühmlich bekannten Dr. Trachienberg, der seinerzeit den Dr. Bloch so schmählich verdrängt hatte, tritt ein ganz neuer Mann, Dr. Nathan Leinfeld, ein höherer Bahnbeamter. Derselbe ist noch ein unbeschriebenes Blatt, aber in Fachkreisen gilt er als bedeutender Kenner des Verkehrswesens. Es ist jedenfalls bester, daß uns ein Mann vertritt, der sich unter Fachmännern eines Ansehens erfreut, als einer, der in keiner einzigen Angelegenheit den Mund aufzuthun wagte. Sonst ist alles beim Alten geblieben. Der wackere und tapfere Dr. Arnold von Rapoport, der stets muthig und energisch für uns innerhalb des Polenklubs eingetreten ist und der in Folge seiner persönlichen Stellung und Unabhängigkeit allein noch etwas Positives ausrichten kann, ist wiedergewählt, und zwar von der Handelskammer der Stadt Krakau, deren jüdische Gemeinde ihm mehrere Stiftungen zu wobltbätiaen Zwecken, die sich auf viele Hunderttausende belaufen, verdankt. Auch Dr. Emil Byk, dem man Erleichterungen in Bezug auf die Sonntagsruhe und mehrere andere Aktionen, so jene zur Abwehr der Blutlüge, verdankt, wie auch der recht zweifelhafte Abgeordnete Piepes-Powtynski, haben ihre Mandate beibehalten. Doch ist es, wie bereits hervorgehoben, einfacher Aberglaube, anzunehmen, daß das Heil unseres Volkes in Galizien vom Reichsrath kommen wird, oder daß Die „äußere," hohe Politik überhaupt unser Wohl und Wehe zu bestimmen vermag. Unser Wohl und Wehe ruht in unseren eigenen Händen. Die Politik und die Gesetze, die in Wien gemacht werden, sind von Strömungen abhängig, die zu beherrschen und zu leiten wir ohnmächtig sind, auf die wir nicht den geringsten Einfluß haben könnten, auch wenn unsere Abgeordneten doppelt und dreifach so zahlreich wären. Wenn die maßgebenden und entscheidenden Elemente es zu ihrem Intereste und zur Erhaltung ihrer Macht für „nöthig" befinden würden, ein Gesetz oder eine Bestimmung zu unserem Verderben zu erlasten, so würden sie es thun, auch wenn wir aus einem Dutzend Hälse schreien werden. Nur wenn wir uns in uns selber organisiren und in innerer Arbeit unsere Kräfte zusammen halten lernen werden, nur so werden wir etwas erreichen können, nur so werden wir uns unserer Bedränger von außen einigermaßen erwehren können, und nur so werden wir im Stande sein, die materielle und geistige Wohlfahrt unseres Volkes zu heben. Zumal von dem Parlament in seiner jetzigen Zusammensetzung können wir Juden äußerst wenig erhoffen. freilich brauchen wir auch nur wenig davon zu fürchten. Es muß nämlich ausgesprochen werden, daß das gegenwärtige Abgeordnetenhaus in Wien ein antisemitisches ist. Trotz der ungeheuren Zerklüftung dieses Hauses, welches in etwa dreißig Parteien zerfällt, besitzt es doch etwas Einigendes und Gemeinsames — das ist die antisemitische Gesinnung. Die Regierung in Oesterreich ist unglücklich, keine Majorität zu haben; wollte die Regierung sich zum Spaß als eine antisemitische etabliren, sie hätte sofort eine enorme Majorität. Wenn heute einer dieser seltsamen Käutze, die diesen Abgeordnetensaal füllen, einen Antrag stellte auf Aufhebung der Gleichberechtigung der Juden, auf die Wiederverbannnna derselben in das Ghetto und etwa noch auf Erneuerung der gelben Zeichen, und dürften unsere löblichen Volksvertreter lediglich dem Triebe ihres Herzens folgen — was glaubt Ihr, würde da herauskommen? Ein solcher Antrag hätte eine Zweidrittelmajorität ans den ersten Ruf gesichert. Noch vor zehn Jahren war dies etwas Undenkbares, aber heute ist es nicht nur möglich, sondern naheliegend. Und das Tragischeste an der ganzen Sache ist, daß gerade die linke Seite des Hauses, die damals das Bollwerk der Freiheit und des gleichen Rechtes für Alle war, an dem sich alle Anstürme der Reaktionäre brachen, daß gerade diese Partei beute diejenige ist, die den meisten Antisemitismus sozusagen aushaucht. Da ist zunächst Schönerer mit seinen 21 Mannen lfrüber waren es nur fünf), der „Vater des österreichischen Antisemitismus," der grimmige und unversöhnliche Feind unseres Stammes und unserer Religion.