Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1901)
- Date
- 1901-03-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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4L. Jahrgang._ Zweite Aeikage zu J& 19 des „Israelit^. Leitender Artikel. Brief aus Galizien. (Schluß aus Nr. 16.) j Es war ein Jammer und hatte etwas unendlich! Beschämendes, die Schlagworte anzuhören, mit denen * die neuen Kandidätlein auf die Wahlarena traten und j die jüdischen Massen anführten oder anzuführen trachj teten. Alan hätte meinen können, die junge Generation | würde ein neues politisches und soziales Programm entwickeln, würde, wenn auch von Sanguinismus * und übermäßigem Optimismus beherrscht, dem Volke neue Bahnen aus dem. gegenwärtigen Elend zeigen, und vor allen Dingen bemüht sein, die vornehmste Aufgabe des Volksvertreters in Angriff zu nehmen, die doch darin besteht, die Maffe zum selbstständigen politischen und sozialen Denken zu erziehen. Doch nichts von alledem. Der reiche Fabrikantensohn, der aus seiner Dunkelheit hervortrat, um sich an der Sonne der Volksgunst zu wärmen, gab überhaupt keine Wahlparole aus. Sein Schlagwort war: Ich gebe Euch soundsoviel und Ihr wählt mich; was weiter zu geschehen hat, das geht weder mich, noch Euch etwas an. Wenn er nur die ersehnte Millionärstochter ergattert hätte, alles wäre hübsch gewesen. Dagegen wetteiferten alle die anderen homines novi mit einander im Auskramen von Reden und Ausgaben von heilskräftigen Programmen. Alle die j Herren gaben vor, mit der sich im Lande stark geltend machenden radikalen Strömung zu sympathisiren, und waren bemüht, die Massen der jüdischen Wähler in dieses Lager hinüberzuziehen. Da war z. V. der Wucherersohn, der plötzlich verspürte, wie sehr ihm das Leid des Volkes zu Herzen ging. Er fand, daß es kein anderes Heil für dasselbe gebe, als den Anschluß an die Volkspartei, die in diesen Blättern bereits genügend charakterisirt worden ist. And in diesem Sinne hielt er eine Rede vor einer jüdischen Wähleroersammlung, die wohl das Unverschämteste war, was jemals einer jüdischen Versammlung geboten werden durfte. Das Herrchen erging sich in Drohungen. Falls die Juden nicht für die Kandidaten der Volkspartei stimmen würden, für die Volkspartei, der er, der Herr Kandidat nahe stehe, so würden die schrecklichsten Verfolgungen wieder losgehen, die wir : in Boryslaw und in Westgalizien gesehen haben! Das sprach ein „Jude" vor einer jüdischen Wählerversammlung, und diese schwieg und ließ sich das bieten. Es ist sattsam bekannt, daß die galizischen Lezirkssatrapen auf die jüdischen Wähler einen schweren Druck zu Gunsten der Regierungskandidaten ausüben, im Lande empfinden alle ehrlichen Elemente dieses Vorgehen als unmoralisch und man protestirt dagegen bei jeder Gelegenheit. Ein jeder Jude, der sein Voll liebt, wird natürlicher Weise danach streben, es von diesem Druck von oben zu befreien, und im Volke die Ueberzeugung wachzurufen und zu befestigen, daß die Wahl ein Akt freier Entschließung sein muß, wobei nur die Rücksicht auf das allgemeine Wohl zu entscheiden hat. Und nun kommt ein Kandidat und stellt den Drohungen und Lockungen von oben, die brutale und gewaltthätige Drohung von unten entgegen! Wenn Ihr nicht für „unsere Kandidaten" stimmt, so schlagen wir Euch todt, zünden Eure Häuser an, plündern Eure Habe und machen Euch zu Parias! Das war eine Kandidatenrede mit einem klaren Programm! Womöglich noch perfider war die Haltung des Wiener Kandidaten, der freilich nur zum Schein kandidirte, aber, da er auf einen schmählichen Durchfall gefaßt war, sich dafür bereits im vornhinein, durch die niedlichen Sümmchen von zwei Seiten zugesteckt, schadlos gehalten hatte, und nun mit verwerflichem Leichtsinn einen großen Lärm zu machen suchte, indem er ein ebenso wahnsinniges, wie perfides „Programm" aufstellte und vertheidigte, welches natürlich die Antisemiten dann der jüdischen Bevölkerung auf's Kerbholz schrieben. Vor den Wahlen hatten nämlich die Radikalen das Losungswort ausgegeben, man solle nur solche Abgeordnete wählen, die fernerhin nicht dem Polenklub im Wiener Reichsrath angehören wollten. Der Polenklub sollte dadurch zertrümmert werden. Es war im vornhinein für jeden Einsichtigen klar, daß dieses Schlagwort der Radikalen im Lande ungehört verhallen werde. Das haben auch die Resultate der Wahlen bewiesen, in denen die Radikalen auf's Haupt geschlagen wurden und der Polenklub fünf neue Mandate erobert hat, so daß er heute mit seinen sechzig Mitgliedern die stärkste Partei im Reichsrath bildet. Aber das radikale Schlagwort hatte wohl für manche Bruchtheile der christlichen Bevölkerung einige Bedeutung, zunächst für die Bauern. Für die Juden dagegen wäre es einfach verderblich gewesen, diesem Schlagwort zu folgen. Nicht nur, weil sie dann den — im Uebrigen nicht ungerechten — Zorn der Machthaber auf sich geladen und daher unsäglichen Jammer über sich heraufbeschworen hätten, sondern einfach aus dem Grunde, weil, wenn die jüdischen Abgeordneten außerhalb des Polenklubs geblieben wären, sie dann isolirt und gänzlich jedes Einflusses beraubt dastünden. Sie würden dann im Reichsrath eine komische Rolle spielen und würden womöglich noch weniger wirken, als bisher.