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Der Israelit · 1901-03-07 · Heft 19 (7.3.1901) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 19 (7.3.1901)
Date
1901-03-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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429 Die Ghettomauern bargen Schätze, die aus den Geisteskammern Jeruschalaims geholt waren. Und mit welcher Liebe bingen die Söhne Jißroels an ihren schmutzigen Gäßchen. Als einst in Rom sich das Gerücht verbreitete, daß man beschloffen habe, die Ghettomauern Zu schleifen, da machten die Juden die größten Anstrengungen, diesen Beschluß zu Hintertreiben. Wie eng wohnte auch da Bruder an Bruder, und auch ihre Herzen waren sich nah. Das Leid des Einen wurde auch vom Andern mitempfunden, und auch die Freude des Einen weckte frohen Wiederhall im Herzen des Andern. Sie waren Brüder, und waren sich dessen bewußt. In der sternenlosen Nacht des Mittelalters war es hell in den Häusern der Juden. Egyptische Finsterniß umgab die Welt onntw» *iix 'H ’ji bzbi, nur die Juden hatten Licht, und sie freuten sich dessen. Aber dieses Licht war nur dem Mondlicht gleich! Wie das Mondlicht nur in der Dunkelheit der Nacht Zur Geltung gelangt, wie das Mondlicht sich nur von einer bulleren Grundlage abhebt, so war auch das Lickt des Ghettos auf die finsteren Gäßchen angewiesen. Das Licht erlosch, sobald die Finsterniß wich. Die Ghettomauern sielen, und mit ihnen ihre Bewohner. Die im Ghetto bewahrte Standhaftigkeit schmolz vor der Sonne. Die Nüchternheit des Elends machte einem gewaltigen Rausche Platz. Die Freiheit ward das Grab der jüdischen Freiheit. An die Stelle der inneren Freiheit trat die Willkür; Prinzipienlosigkeit ward zum Prinzip erhoben, und Jißroel vergaß seines Schövfecs, wurde der Fahne untreu, die es bis dahin hochgehalten. Es, das zum Lehrer der Menschheit berufen war, wurde Schüler. Es erlernte den Abfall, der bis dahin fremd in seinen Reihen war, und Jisroel war ein gelehriger Schüler, es hat bald seinen Meister übertrofsen, und aus dem Schüler wurde wieder ein Lehrer. Die Juden, die der Welt die Kultur gegeben, machten Anleihen bei ihren Schuldnern und zahlten mit Zinsen. Ja, das Ghettojudenthum an der Schwelle der Ghetti war auch nicht das Jdealjudenthum. In tmtP trmnv heißt es: innn -^crr ’jxch natr: “pnx \jrtyo xnx "> ivxn x'nny rraro “pnx v:dbb — *p nnoe^ X2M7I tcs? xmn*? nx-tVT “px* „Ziehe mich, wir eilen dir nach, der König brachte mich in seine Gemächer, ich frohlocke und freue mich mit dir." Nun sagen unsere Weisen, mache mich arm, dann eilen wir dir nach, wie xnx 'n zu sagen pflegte, wenn der Jude auf trocknes, gedörrtes Obst angewiesen ist, dann kehrt er zu Gott zurück. Wir sind gewohnt, von einer Leidensschule des jüdischen Volkes zu sprechen, aber gewöhnlich sind wir uns gar nicht klar darüber, wozu denn die Leiden das jüdische Volk erziehen sollen. Ist die Levensbestimmung des jüdischen Volkes erfüllt, wenn es sich vom Leide nicht überwältigen läßt, wenn es trotz aller Verfolgung treu zu der Fahne seines Gottes schwört? Dann wären die Leiden keine Schule, nicht Erziehungsmittel wäre dann das herbe Weh, sondern die Erfüllung der von Gott uns auferlegten Mission. Aber wir wissen ja jrasty -pno »b .tw n:wn px, daß bei den Traurigen die Gottheit nicht weile. Nicht diejenigen, die sich von der Erde und ihren Freuden lossagen, erreichen das Ziel alles jüdischen Strebens, die Nähe der Gottheit, sondern die fröhlichen Menschen, die Erdenkinder. Unsere Lehre gebietet keine Askese, keine Fleischtödtung, ja sie verbietet sie sogar. Gott will nicht, daß wir Engel werden, nur ganze Menschen will Ec haben. Hier auf Erden soll der Jude bestrebt sein, sich und seine Bedürfnisse zu heiligen, das Zeitliche soll emporgehoben werden in den Kreis des Ewigen, in den Bereich des Göttlichen. Das Irdische soll mit dem Geistigen, das Menschliche mit dem Göttlichen zu einem harmonischen Ganzen vereinigt werden. Für das gottgefällige Leben im Glücke sollen die Leiden den Juden erziehen. Wenn der Jude gedrückt wurde, wenn ihn von allen Seiten Mauern umgaben, dann wurde er sich dessn bewußt, daß nur von den lichten Höhen ihm Hülfe werden könne. Die Armuth ist ein starkes Band, das zu Gott hinführt. nxn: "pro* '»wo. „Ziehe mich," sagt der weise König, „dann eilen wir Dir nach," und nun erklären unsere Weisen, wodurch kann Gott den Menschen zu sich heranziehen, ■pro* '2220 nxva, durch die Gewalt der Armuth. Aber damit ist noch nichts erreicht. Zweck dieser Prüfung durch Armuth ist ~z nnoew n^a nnn -Hon atran, daß wenn wir dann in Königspalästen heimisch werden, wir uns auch mit Gott freuen sollen; in unserem Glücke sollen wir nicht vergessen, daß Gott der Urheber unseres Glückes ist. aira minn nx 2"p2n bz. Wenn ein Jude in seiner Armuth treu zu der Lehre seiner Väter steht, so ist dies noch nicht der Jdealzustand, noch ist das Ideal jüdischen Strebens nicht erreicht, sondern itm: no«pS neio das Ende sei, daß er auch im Glücke ihr nicht untreu werde. Dann erst haben die Leiden ihren Ztveck erreicht. Im Glücke sollen wir uns freuen, in der Freiheit wirklich frei sein. Mit Gott und Seinem Gesetze sollen wir freudig leben. Immer ist die Zeit zur Freude, wenn Gott in unserm Innern ist. Keines äußeren Anlasses bedarf unsere Freude, von innen heraus muß sie kommen, den Menschen fortreißen und begeistern. Wer viel nachklügelt, freut sich nicht ehrlich. Der Jude darf von dem Gifte der modernen trüben Lebensanschauung nicht angekränkelt werden. Der Grund und Boden, auf dem sich diese Lebensanschauung erhebt, ist morsch; angekränkelt von Gedankenblässe das ganze phrasenreiche Lebenswerk der modernen Propheten. (Schluß folgt.)

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