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Der Israelit · 1901-03-04 · Heft 18 (4.3.1901) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 18 (4.3.1901)
Date
1901-03-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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416 Gemeinde erfuhr von derselben aus den politischen Tageszeitungen. Die Geißelhiebe, die die französischen Glaubensgenosien durch die Dreifusaffaire erhalten, haben die hiesigen Juden noch nicht gespürt. Hoffentlich begnügen sie sich mit Mahnungen in den Zeitungen. Aersonakien. Czarnikau, 16. Febr. Heute hat Herr Rabbiner Dr. W e y \ — ein Schüler des Berliner Seminars — hier seine Antrittsrede gehalten, in der er in zu Herzen gehenden Worten sein Programm entwickelte, nach dem er in hiesiger Gemeinde zu wirken gedenkt. Anschließend an die Worte -ivbdi nvbb führte er aus, daß der Rabbiner in erster Reihe dazu berufen ist, sich immer mehr zu vertiefen in den Reichthum und die Pracht unserer erhabenen Gotteslehre und dann zu ihr hinzuführen Alt und Jung. Ganz besonders sind auch unsere Töchter, damit sie einst im Stande sind, als Frauen und Mütter der um sich greifenden Gleichgültigkeit entgegenzutreten, einzuführen in die heiligen Lehren unserer Religion. Will der Rabbiner aber rechten Erfolg seiner Lehrthätigkeit sehen, so muß er selbst in genauer Beobachtung aller Pflichten seiner Gemeinde voranleben, er muß wie ein c’pV?N -jk^c ohne Fehl und Makel sein. Nicht ein Tipfelchen von all den Satzungen, die unsere Väter auf uns vererbt haben, soll aufgegeben und allen Reformoelüsten in Synagoge und Haus mit aller Kraft entgegengetreten werden. Nicht durch Zurücksetzung, sondern durch Liebe sollen diejenigen, welche anderer Meinung sind, zur wahren Religion zurückgeführt werden. Möge ihm Gott die Kraft geben, das Programm auszuführen. Wesel, 27. Febr. Ein Ehrentag im wahren Sinne des Wortes war für Herrn S. Frankfurt e r das am 22. d. Mts. von ihm begangene Schriftstellerjubiläum. Von fern und nah liefen Glückwunschtelegramme und -Schreiben, nebst einer Menge sinniger Ehrengeschenke, sowie großartige Blumenspenden ein. So wurde u. A. der Jubilar vom Vorstande der Synagogen-Gemeinde beehrt, der ihn Namens der von ihm vertretenen resp. Korporation beglückwünschte und einen prachtvollen silbernen Prunkpokal mit daraus gravirter entsprechender Widmung überbrachte. Auch das Musikkorps des 57. Regiments erfreute den Gefeierten, welcher durch seine schwungvollen, verständnißreichen Musik-Referate das Kunstleben unserer Stadt stets auf das uneigennützigste zu fördern bemüht war, durch eine prachtvolle Morgenmusik. So thaten sich in vielfacher und herzlicher Weise die Liebe und Verehrung kund, deren Herr Frankfurter sich zu erfreuen hat. Möge es ihm vergönnt sein, dereinst in gleichem Wohlergehen, wie heute, den goldenen Jubiläumstag gleich froh zu begehen! Feuilleton. Meirn «Minister. Von , Wobert Kcinteirr. 10J VIII. In den eleganten Empfangsräumen Sr. Excellenz des kurfürstlich hessischen Ministers von Haffenpflug bewegte sich eine kleine auserlesene Gesellschaft. Es mochten etwa 8—10 Herren mit ihren Damen zugegen sein. Dieselben hatten eben gemeinschaftlich den Thee genommen und theilten sich nun in kleinere Gruppen. Die Damen musizirten in dem Musiksaale, die Herren hatten sich in das Rauchzimmer zurückgezogen und sich um verschiedene kleine Tischchen gruppirt, an welchen gespielt wurde. Der Wirth hat seine feierliche, zugeknöpfte Amtsmiene so vollständig abgelegt, daß man in dem liebenswürdigen, jovial dreinschauenden Skatspieler kaum wieder den gestrengen und gefürchteten Herrn Staatsminister erkennen konnte. Es waren fast ausschließlich Jugend- und Duzfreunde, die sich hier zusammengefunden hatten. Herr Prälat Schellenberg spielt niemals Karten; er pflegte an solchen Abenden mit dem Herrn Oberappellationsgerichtspräsidenten von Wudtke eine Partie Schach zu spielen. Der letztere saß schon an seinem Tischchen dazu bereit, aber sein Partner erklärte, daß er heute Abend überhaupt nicht spiele. Wer ihn aufmerksamer beobachtete, mußte finden, daß er irgend etwas auf dem Herzen habe. Aber aufmerksame Beobachter gab es heute Abend in diesem Kreise nicht. Was ihn drückte, war die Ueberlegung, wie es ihm möglich sein werde, sein Bensew gegebenes Versprechen einzulösen. Von amtlichen Angelegenheiten wollte der Minister an solchen Abenden nichts wissen. Hätte Schellenberg den Minister ein Viertelstündchen allein sprechen können, so hätte er seine Sache trotzdem zur Sprache gebracht, aber vor diesen „alten Herren" von einem Dorfjuden anzufangen und gar für ihn eine Audienz zu erwirken, das ging nicht wohl an. Man mußte also eine passende Gelegenheit abwarten und dieselbe sofort am Schopfe fassen. Dazu war es nöthig, sich in unmittelbarer Nähe des Ministers zu postiren. Dieser saß mit dem Kavallerieoberst von Görne und dem kurfürstlichen Domäneminister von Wattenbach an einem besonderen Tisch und mischte eben die Karten. „Ich setze mich heute zu Euch," begann der Herr Prälat näher tretend, „aber nur als stummer Gast, mein Kopf ist heute nicht frei genug für's Schach, vielleicht erbarmt sich ein anderer über den Wudtke."

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