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Der Israelit · 1901-02-28 · Heft 17 (28.2.1901) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 17 (28.2.1901)
Date
1901-02-28
Page
– (sequence 27)
Language
German
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405 Reb Iostes's in eine Großstadt, um dort seine Hütte anszuschlagen. Die Baarmittel, die ihm der verstorbene Vater Hintersassen hatte, waren bald aufgezehrt, und er suchte nun einen Erwerbszweig. Doch Niemand hatte Mangel an jungen Leuten, und Awrohom sah keinen Ausweg. Seine Wohnung mußte er aufgeben, und wenn er nicht zum nächsten Monatsansang eine Beschäftigung bekam, so mußte er am Hungertucke nagen. Der Dezember brach herein, aber die gewünschte Beschäftigung blieb aus. Awrohom wanderte ziel- und planlos durch die geräumigen Straßen, sein scheuer Blick hänote sich fragend an jeden Geschäftsmann, auf den er stieß. Ach, wenn er doch nur einige Pfennige verdienen könnte, um den unsäglichen Hunger zu stillen! Doch nirgends, nirgends Hilfe. . . . Awrohom batte die letzten Worte seines Vaters, die er sterbend dem Sohne an's Herz gelegt hatte, nicht erfiillt. Immer mehr wandte er sich ab von Gott und seiner Lehre, er trotzte dem Weltenschöpfer, er haderte unt dem Allgewaltigen. An den kalten Dezemberabenden mußte er nächtigen arfi den Höfen mitleidiger Leute. Am Tage sah man ihn vor Kälte zitternd an den Volksküchen stehen, die eintretenden Armen mit schmachtenden Leidensblicken musternd. Von dem wenigen, was ste hatten, gaben sie ihm auch zuweilen, und er war durch des Lebens Misere so abgestumpft, daß er nicht mehr empfand, wie jämmerlich sein Dasein war. Eines Abends, an dem das Wetter besonders rauh loor. hatte er sich auf einen Stein, der vor einem armseligen Hause stand, gesetzt. Der Schnee fiel in dicken Flock-m zur Erde nieder, der peitschende Sturmwind wirbelte ste in buntem Gewirr durcheinander und scheuchte ste von neuem auf. Die Fetzen, welche Awrohom's Fleisch, oder bester seine Haut und Knochen umflatterten, reichten nicht aus, um dem furchtbaren Wind zu trotzen, die diinnen Lumpen, welche die hageren Hände des Mannes bedeckten, vermochten nicht, dieselben auch nur schwach zu schützen. Er wäre wohl eingeschlafen und dem Frost und Sturm vielleicht zum Ovfer gefallen, wenn ihn nicht ein eigenartiger Umstand von seinem Platz getrieben hätte. In einiger Entfernung sah er nämlich eine Anzahl Menschen, es mochten dreißig Männer sein, in feiertäglicher Kleidung vor einem unscheinbaren, häßlichen, weistiibertünchten Hanse stehen. In ihm war das Ge 'ühl de^- Neugierde noch nicht, wie bei vielen seiner Leidensgenosten, erstorben, und so trieb ihn halb dieses Gefühl, halb die Lust, sich in diesem Me-nschenknäuel ein wenig zu wärmen. Als er stch der Stätte genähert hatte, starrte er diese Leute lange an, ihm wurde bei ihrem Anblicke eigenartig zu Muthe. War er denn von Sinnen? Merkie er denn nicht, daß die Männer Feiertagsgewänder angethan hatten, weil es Freitag Abend war?- Nach wenigen Sekunden gingen die Leute in das Haus hinein, in dem eine Synagoge sich befand. Instinktiv folgte er den Schritten der Festversammelten; es zog ihn förmlich in die Hallen des kleinen, schmucken Betbauses. Wie lange war er wohl in keiner „Schul" gewesen! Er rechnete nach, wie lange Reb Joffes todt war . . . Die sabbatlichen Melodieen brachten Leben in die Gemüther der Anwesenden und erweckten freudige Gefühle. Die alten, wohlbekannten Töne drangen auch an das Ohr Awrohoms, und an längst entschwundene Zeiten wurde er gemahnt. Die letzten Klänge entquollen der lieblichen, zierlichen Stimme des Vorbeters, und die Mitglieder der Gemeinde wollten froh und sorgenvergesten zukn Familienberde wallen. Die Väter legten ihre Hände auf die Häuvter ihrer Söhne und flehten Gottes Segen auf sie herab. — In dem von aller Welt verlassenen Awrohom regte sich ein Gefühl der Wehmuth; er gedachte der Stunden, in denen auch er in freudiger Erhebung zur Gottesstätte gewandeli, in denen auch ihm es vergönnt war, die segnenden Hände des theuren Vaters auf seinem Haupte zu spüren und einen Kuß auf die Wangen des geliebten Theurcn zu drücken. Eines der Mitglieder hatte den in einer verbauten Ecke stehenden Awrohom gesehen. Der Mann ging auf ihn zu und forderte ihn auf, an diesem Sabbat sein Gast zu sein. Awrohom wollte stch entschuldigen wegen seiner ärmlichen Kleidung und seines verwahrlosten Aussehens, aber der freundliche Mann, Jehuda mit Namen, sagte beruhigend, daß er andere Kleidung in seiner Behausung schon vorfinden würde. In der That sorgte auch Jehuda dafür, daß sich Awrohom, gleich nach seinem Eintritt in die behagliche Wohnung des Gastgebers, mit sebr guten Kleidern versehen konnte. In dem warmen Zimmer erholte er sich bald, und hier fühlte er stcb. seit Jahren wieder zum ersten Male, als Mensch. Die Mahlzeit wurde eingenommen, und ber Hungrige erquickte sich an den lange entbehrten Speisen nach Herzenslust. Als man gegessen hatte, die Sabbatklänge den Raum erfüllt hatten und das Tischgebet gesprochen war, führte die gütige Hausfrau den Gast in ein wohldurchwärmtes Zimmer, in welchem ein Beit für ihn stand. Er legte sich, nachdem er Allen für die groß" Freundlichkeit gedankt und gute Nacht gewünscht hatte, in das weiche Bett, um nach wenigen Secunden in einen tiefen Schlaf zu verfallen. Wie in vielen Fällen arme Menschen, die lange des Schlafe? entbehrt und nicht Ruh' noch Rast fanden, dann aber eines Tages ruhig und sicher schlummern, von phantastereichen Träumen umgaukelt werden, so erging es auch Awrohom. Er sah stch versetzt in sein

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