Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1901)
- Date
- 1901-02-28
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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404 fdjom manches zu, und in wenige« Tagen konnte der Studio stolz sein auf seinen „Erfolg." Nach kurzer Zeit waren die Ferien zu Ende und Fritz nahm Abschied von seinen Verwandten. Vater und Sohn nahmen wieder ihre Beschäftigung in größerem Umfang auf, aber das Interesse Awrohoms nahm von Tag zu Tag ab. Dem alten Joffes konnte dieses, wenn auch unauffällig zur Schau getragene Benehmen seines Sohnes nicht gänzlich entgehen. Immer schärfer wurde der Gegensatz, in den Awrohom zu seinem Vater trat. Am Abend „lernte" er zwar, aber durch das Fenster blickte er auf den blumenreichen Garten, der vor dem Hause sich befand. Wohl ging er mit Reb Ioffef zum Bethaus, aber er ging nur, weil er es als eine Pflicht gegen seinen alten Vater ansah. Ioffef ahnte nur, was in seinem Liebling vorging, er konnte es nicht glauben, daß sein Sohn wirklich ein Abtrünniger sei, und lebte in diesem ihn beruhigenden Wahn noch längere Zeit. Vielleicht hätte Neb Jossef die Schmerzen eines tiefungliicklichen Vaters aber doch durchkosten muffen, wenn ihn nicht eine heimtückische Krankheit auf's Lager gestreckt hätte. Es entgingen ihm so die gegen das jüdische Gesetz verstoßenden Thaten seines Sohnes; er merkte nicht, wie die von Fritz gestreute Saat nur zu guten Boden in Awrohom gefunden hatte. Die Krankheit wurde immer gefährlicher, und die Aerzte bereiteten daher den unglücklichen Sohn auf das, was ihm drohte, vor. Tag und Nacht wachte er an dem Krankenbette des geliebten Vaters, Thränenbäche durchfeuchteten die Kiffen des sterbenden Alten. Namenlos war der Kummer des Jünglings, er war verzweifelt, rathlos. Die Religion war aus seinem Herzen gerissen, das Gebet, das sich auf seine Lippen stehlen wollte, sprach er nicht aus. Er war völlig muthlos und konnte nicht begreifen, daß seinen alten Vater etwas Menschliches treffen könnte. So saß er oft geistesabwesend viele Stunden lang am Bett des Kranken. Nach einer' durchwachten Nacht rüttelte ihn in früher Morgenstunde aus seinem Brüten das Stöhnen des greisen Vaters auf. Reb Ioffef stützte sich, indem er den Rest seiner erschöpften Kräfte zusammenraffte, auf seine Linke und mit zitternder, von Thränen erstickter Stimme, mit bebenden, von Angst erfüllten Worten richtete er zum letzten Male an Awrohom das Wort: „Du bist," so sprach der Sterbende, „mir in den letzten Jahren Trost und Stütze gewesen. Ich habe verloren mein herzgeliebtes Weib, ein Sohn in der Fülle seiner Kraft wurde mir entrissen, und nur Du allein bist mir geblieben, um in meinem Alter mich zu erfreuen. Wenn der Kummer mich zu übermannen drohte, wenn Gram und Leid mein Inneres beschlichen, j so sah ich nur in Deine mild verklärten Augen, und! ruhiger wurde ich und sanfter mein pochendes Herz. Und als in späteren Jahren des Lebens Stürme mich wild umkreisten, und wenn ich dann mein Heim aufsuchte und mit Dir dem Gottesworte nachhing, so ward froh mein Geist, dann lebte ich auf inmitten meiner Sorgen. Und Du wurdest größer und immer mehr freute ich mich Deiner zunehmenden Wißbegierde, immer freudiger ward ich erregt ob Deiner Auslegung des Thorawortes. Dein Lebenswandel war rein, die Pflichten gegen Deine Mitmenschen und Deinen Vater hast Du stets gewahrt. Wenn Deine Freunde und Spielgenoffen hinauszogen in's Freie und sich tummelten, dann kamst Du zu mir und erheitertest mir meinen Lebensabend." Der alte Ioffef fühlte seine Kehle wie zugeschnürt, er stärkte sich durch einen letzten Trunk und fuhr dann mit ersterbender Stimme fort: „Ich bin jetzt ein Greis, dem das Grab zuwinket, urtb mein Auge ist schwach. Doch eins, geliebter Sohn, will ick vor meinem Tode Dir noch sagen, eins will ich Dir, der schwache Vater dem lebensfrohen Sohne, einprägen. Ich habe wahrzunehmen geglaubt, daß Du, der Du früher durch das Gotteswort Deine Zweifel löstest, es nicht mehr so genau nahmst mit der Erfüllung unserer religiösen Pflichten. Zuwerlen schien es mir, als ob Du nur gezwungen dies oder jenes thätest, als ob Tein Inneres anders dächte. Mitunter vermuthete ich, dast Du cim Thoralernen nicht mehr Wohlgefallen fandest, daß Du Gottesfurcht nicht mehr als der Weisheit Anfang an sahst. Doch ich hoffe, daß ich mich getäuscht habe, daß mich mein Alter irreleitete. Und nun die letzten Worte, theueres Kind! Ich gehe jetzt dem Tode entgegen, noch wenige Secunden und ich bin nicht mehr. Du bist der einzige Erbe meiner Güter, Du der einzige Erbe meines Namens. Aber Du sollst nicht allein erben, was meine Hand Dir erwarb. Dir soll auch überkommen, was an höheren, ideelleren Gütern in meiner Brust schlummert. Zwar weiß ich, daß ich ein sündiger und fehlervoller Mensch bin, aber ich habe mich bemüht, Dir ein Beispiel zu geben. Ich wünsche Dir, daß Du Dich mehr wie ich zu vervollkommnen trachtest, dem Thorastudium Deine Kräfte weihst und in der peinlichen Erfüllung unserer Gebote das höchste Ideal siehst. Beherzige aber auch die Pflichten gegen Deinen Nächsten, laß' Dir auch in dieser Hinsicht nur die Lehren unserer Thora vorschweben. Und wenn Du all' das thust, dann wirst Du froh und glücklich sein; dann wird Dein Leben ein Ziel haben, dann wird es wirklich lebenswerth sein. Sei stets fromm und gottesfürchtig, edel und gut." Nach diesen Worten fiel der gebeugte Sohn seinem scheidenden Vater um den Hals, und endlose heiße Küsse brannte er auf das marmorbleiche Antlitz des guten Vaters, der seine reine Seele aushauchte. Awrohom wollte nicht in dem kleinen Städtchen sein Leben zubringen und fuhr nicht lange nach dem