Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1901)
- Date
- 1901-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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380 sondern auch vollständig hoffähig waren. Sie nahmen an den Hofsesten theil, welche der König veranstaltete und lein Justizminister wachte eifersüchtig darüber, daß in seinem Ressort das jüdische Element nicht zu sehr überhand nehme. Im Gegentheil. Wenn es sich um Leben und Tod der Königin handelt, will der König die Entscheidung ausschließlich in die Hand jüdischer Richter legen und diese lehnen die Ehre ab, obwohl oder vielleicht weil sie Weise waren, welche ihre Zeit verstanden. Sie wußten, daß, wie sie auch ihres Richteramtes walten, die Kritik über sie herfallen werde und sie sich ernsten Verwickelungen aussetzen. Man mag über die Beweggründe, welche sie bestimmten, auf die Richterwürde zu verzichten, denken, wie man auch wolle, man mag die Motive und Erwägungen der jüdischen Weisen für ihre Ablehnung kleinlich finden, sie verstanden jedenfalls ihre Zeit und handelten diesem Berständniß gemäß. Bei unserem Respekt vor der Zeit würden wir es vielleicht noch unbegreiflich-r finden, wie sie die Zeit selber gestalteten, wie sie mit Rücksicht aus ihre Feste, auf die noch nicht eingetreienen Anzeichen des Frühlings, Tage und Monate einschalteten und den menschlichen Bedürfnissen gemäß, im Gegensatz zum Stand und Lauf der Himmelskörper, die Monate um Tage und die Jahre um Monate verkürzten oder verlängerten. — pne enx ,fWio it"LX enx ,pjaw anx xaaxR x:am pp-iy xmv'xi pa*ai xHmn pa1? xjrjx py-rna xn& by rucDW "izn a.xai >s:xz xn^a xibspi xea xb — prbii por> jh So hoch ihnen der offenbarte Wille ihres Gottes stand, so wenig sie sich auf einen Ausgleich zwischen dem Gottesgesetz und den Anforderungen des Lebens verstanden, so selbstverständlich fanden sie es, die Zeit und was sie brachte, den thatsächlichen Bedürfnissen des Lebens anzupassen und in unserem Falle auf die Würde der Rechtsprechung, mit Rücksicht auf die davon unzertrennliche Bürde der Verantwortung, zu vernichten. Sie ivaren nicht Kinder, sondern Gestalter ihrer Zeit, sie ließen sich nicht von ihr beherrschen, sondern gaben ihr das Gepräge, sie waren c'nn ’jnv, sie verstanden ihre Zeit. Wenn sie dem König auch nicht sagen durften, daß seine vom Wein geleitete Wankelmüthigkeit es keinem Richter rathsam erscheinen ließ, das augenblickliche Opfer der königlichen Laune zu verurtheilen, wenn die Unterstellung antimonarchischer Tendenzen sie zurückhalten mußte, ein freisprechendes Urtheil zu fällen, daß es der Mangel an Mannesmuth vor Königsthronen nicht war, der ihre Handlungsweise bestimmte, dafür zeugt die Antwort, die sie Seiner weinbeschwerten Majestät gaben. König Ahasveros will eben sein durch Blut und Eisen zusammengeschweißtes Reich nunmehr durch ostentativ zur Schau getragene Freundlichkeit und Gastlichkeit zusammenkitten und veranstaltet zu diesem Zweck Bankette und Feste, zu welcher die Vertreter aller 127 Provinzen geladen sind, bei welchen auch die Angehörigen des 128. „Volkes ohne Land" zu Tausenden vertreten waren, um sie alle den Verlust ihrer staatlichen Selbstständigkeit leichter verschmerzen zu lassen und sie mit den neuen Zuständen auszusöhnen. Und die jüdischen Weisen, welchen unsere Urkunde das Zeugnis; ausstellt, daß sie die Zeit verstehen, verstehen sich so schlecht auf die Politik, daß sie die Ehre des höchsten Richteramtes ausschlagen und zwar mit einer Begründung, die dem König in bescheidener, verbindlicher Form sagt, daß alle seine Liebesmüh' umsonst war. Der König will durch seinen Aufwand, durch eine herablassende Herzlichkeit sondergleichen die Exulanten ihr Exil vergessen und sich in den neuen Zuständen heimisch fühlen lassen, und ihre Weisen schlagen die höchsten Ehren aus, mit der Begründung, sie seien von ihrem Lande verbannt und hätten deßhalb nicht die klare, ungetrübte Einsicht, die für ein solches Amt unerläßlich seil Der König solle sich Richter bei den Weisen von Ammon und Moab suchen, diese hätten nie ihr Heimathland verloren und besäßen deßhalb sicherer die Qualifikation für ein solch verantwortungsvolles Amt. Kann man höflicher und entschiedener den königlichen Machenschaften entgegentreten, die alle in dem Bestreben gipfelten, die jüdischen Verbannten glauben zu machen, m 'xm xnspR, 'p-ira xb daß diese königliche Gnade ihre Erlösung sei und daß sie eine andere nicht mehr zu erwarten haben? Wenn die jüdischen Weisen ihre mangelnde Einsicht mit der Verbannung aus ihrer Heimath und mit dem Aufenthalt in einem fremden Lande begründen, so waren sie weit davon entfernt, auf die Intentionen oes Königs einzugehen, in Persien ihre zweite Heimath und in ihrer Gleichstellung einen Ersatz ssir ihre Erlösung oder gar diese selbst zu erblicken. Wo nehmen aber die jüdischen Weisen die bescheidene Anspruchslosigkeit und Selbstlosigkeit zu dem Jntellektovfer her, mit dem sie leichten Herzens auf diese königlichen Ehren verzichteten, um sie freiwillig den heidnischen Weisen einzuräumen? Opfer zu bringen hatten sie längst gelernt, dort, wo das Heiligthum stand, welchem die Sehnsucht ihres Herzens galt. Dort hatten sie gelernt, Gut und Blut symbolisch auf die Opfersiätte ihres Gottes niederzulegen und sie vollzogen jetzt nur in Wirklichkeit die Hingebung ihrer ganzen Persönlichkeit, das tra:n nvaa, zu welchem sie sinnbildlich das Gottesheiligthum auf Zijon längst erzogen hatte, -ibxj rwnp av«? by m p*BB bz. In Wirklichkeit fallen wie überall, so auch hier, die Gesetze der Sittlichkeit mit den Anforderungen der Weisheit vollständig zusammen. Wenn wir, geleitet von den Weisen des Talmud, den lichten Spuren nachgehen, welche die n wi 'p-w a-aan jener Zeit folgten, so treten uns die ernsten, schweren Gefahren in ihrer ganzen Bedeutsamkeit entgegen, welche gerade die