Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1901)
- Date
- 1901-02-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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3-9 Den*t Euch doch einmal die Dinge, wie sie wirklich liegen. Ick, der simple, linkische Landpfarrer, gehe morgen nach Kassel, melde mich zur Audienz bei Sr. Excellenz dem Minister Hassenpflug, dieselbe wird mir auch bewilligt und ich sage mein Sprüchlein so gut herunter, wie Ihr es nur wünschen könnt; und dann? -Dann wird doch die erste Frage sein, wie kommt ein christlicher Geistlicher dazu, sich um jüdische Religionsanliegen zu kümmern. Se. Excellenz wird auch fragen: Von wem mir diese Wissenschaft kommt, was ein Plärrer in einem abgelegenen hessischen Dorfe für ein Interesse daran bat, den Minister aufzuklären, wer inich geschickt hat, wer alle die Hintermänner sind, die mich vorgeschoben haben, mit wie viel Geld ich von den Juden gekauft bin und dergleichen Annehmlichkeiten mehr. Was würde der Minister von einem Juden denken müssen, der vor ihn mit Beschwerden über Unzulässigleiten innerhalb der Landeskirche treten wollte? Hat man schon einmal gehört, daß vor den Behörden ein Jude die Sache der Christen vertreten hat? Und >vie sollte ein Christ die Anliegen der Juden vertreten!?" „Sie haben Recht, verehrter Herr Pfarrer, in allen Punkten, bis vielleicht aus den letzten. Ich kenne nämlich allerdings einen Fall, wo in Kassel ein Jude mit sehr gutem Erfolg die Sache eines Christen vor einer hohen kirchlichen Behörde geführt hat und diese Erinnerung war es, die mich bethört hat, zu glauben, es könne einmal umgekehrt möglich sein." „Davon ist mir allerdings nichts bekannt, wann soll denn das gewesen sein, und welchen Fall betrifft das?" — „Ein Dorfjude hatte einmal gehört, daß der Pwrrer seines Ortes, der ein gar lieber, guter Herr gegen Christen und Juden war, vom Kasseler Konsistorium einer unehrenhaften Handlungsweise fälschlich beschuldigt worden war. Da lief der Jude noch in derselben Rächt nach Kassel, trat vor den Präsidenten des Konsistoriums hin, klärte den Jrrthum auf und mit Gottes HiEe ist es ihm gelungen, der Wahrheit zum Reckte zu verhelfen." Bei diesen Worten sprang der Pfarrer erregt von seinem Sitze auf, küßte und umarmte Bensew und rief: „Das habt Ihr gethan? Ihr seid also der, dem ich meinen wiedererlangten guten Namen verdanke. und Ihr sagtet mir nichts davon, Bensew, warum sagte Ihr mir das erst heute?" „Es war meine feste Absicht, es Ihnen niemals zu sagen. Daß ich es nun aber doch gethan habe, mag Ihnen zeigen, wie sehr mir die Sache am Herzen liegt, die uns jetzt beschäftigt. Vielleicht hat Gott es deßhalb damals so gefügt, daß ich das Werkzeug für Ihre Rettung war, damit Sie nun auch unser Retter werden, ehrwürdiger Herr Pfarrer." „Bensew, nach dem, was Ihr mir nun gesagt habet, bin ich zu allem bereit, was Ihr verlangt. Aber erst müßt Ihr mir ausführlich erzählen, wie es Euch damals in Kassel erging! Jetzt begreife auch das Interesse, das der Herr Konsistorialpräsident für die Malsfelder Juden hatte. Er ist doch ein Ehrenmann, daß er Euch niemals verrathen hat. Nein, wer hätte das gedacht; aber jetzt erzählt einmal Alles von Anfang an." Und Bensew erzählte seinem aufmerksamen Zuhörer Alles, wie es sich zugetragen hatte, auch sein Erlebniß auf dem Aüreau des Vorsteheramtes und sein heutiges Begegniß mit dem Rabbiner von Gudensberg. Von den Fragen und Bemerkungen, dem Erstaunen und der Rührung seines Zuhörers oft unterbrochen, währte die Erzählung bis tief in die Nacht hinein. Als Bensew zu Ende war, ergriff der Pfarrer seine beiden Hände: „Jetzt danke ich Euch nochmals für Alles, was Ihr da gethan habt. — Ich bin zu gering für alle Wohlthat und alle Treue, die Du Deinem Diener erwiesen hast - - spreche ich mit Vater Jakob. Ich brauche Euch nicht erst zu versichern, daß es mein höchstes Glück sein wird, mich Euch dankbar zu zeigen. Für Euch und Eure Sache gehe ich nach Kassel, nach Konstantinopel, bis an's Ende der Welt; dafür habt Ihr mein Wort. Aber ich sage wie Pharao zu Joseph, nachdem dieser die Träume richtig gedeutet hatte: Nachdem Gott Dir dies alles kund gethan hat, gibt es keinen weiseren und einsichtsvolleren Mann, als Du. — Wenn Ihr wollt, gehe ich Eir Euch nach Kassel, aber ich rathe Euch, es nicht zu wollen. Ihr sollt selber nach Kassel gehen, es gibt gar keinen geschickteren, besseren Unterhändler, als Ihr seid. Gott wird seinen Engel vor Euch hersenden, und das soll diesmal der Herr Prälat Schellenberg iein. Er ist ein Studien- und Gesinnungsgenosse Hassenpflug's. Ich schreibe heute Nacht noch einen Brief an denselben und stelle ihm in Kürze den Sachverhalt dar, mit der Bitte, er möge Euch bei Hafsenpilug einsühren und Cure Sache befürworten. Den Brief nehmt Ihr mit und geht zunächst zu Herrn Prälat Schellenberg, und das Andere wird sich mit Gottes Beistand schon finden. Was haltet Ihr davon?" „Ich glaube selbst, daß es so am Besten wäre; die Sache hat nur einen Haken, — wie kann ein Mann meines Schlages, ohne Bildung, ohne Wissen, ja ohne richtige Sprache, mit einem so hohen Herrn auch nur reden? Ich komme vor Schüchternheit und Verzagtheit zehnmal aus dem Konzept, bevor ich nur angefangen habe." „Das ist nicht so, Bensew. Eure Zurückhaltung und Schüchternheit werden Eure besten Fürsprecher bei Sr. Excellenz sein. Folgt mir und geht jetzt nach Hause, es ist bald Mirternacht, und morgen früh geht Ihr in Gottesnamen nach Kassel und nehmt den Brief mit, den ich jetzt schreiben werde." „Ich bin unter der Bedingung einverstanden, daß ich ans Ihre persönliche Mitwirkung noch rechnen darf, falls der Brief nicht den gewünschten Erfolg haßen sollte."