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Der Israelit · 1901-02-25 · Heft 16 (25.2.1901) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 16 (25.2.1901)
Date
1901-02-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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367 geben, daß die politische Agitation der ungeeignetste j Weg ist, die unleugbaren Schwierigkeiten zu lösen. Eine solche Agitation, insbesondere wenn sie auf dem Boden des Reichswahlrechts unternommen wird, muß mit Nothwendigleit auf eine praktisch ganz ziel- und sinnlose, aber die niedrigsten Leidenschaften aufsiachelnde und schließlich nur der Umsturzbewegung zu gute kommende Störung des inneren Friedens hinausführen. Die vornehmeren Naturen haben dem Antisemitismus allmählich alle den Rücken gekehrt, um so mehr aber ist er zu einer Demagogie herabgesunken, deren mit ungeheurem Lärm verkündete geringfügige Erfolge anfangs einen gewissen Eindruck machen mochten, längst aber alle propagandistische Kraft eingebüßt haben. Tppen, wie der sattsam bekannte Ahlwardt, oder wie der Reichstagsabgeordnete Böckel, der, obgleich von seinen Anhängern als „Vater des Antisemitismus" « verehrt, einem jüdischen Nachrichtenverkäufer gegen Entgelt die Berichte aus der Budgetkommission'des Reichstags liefert, oder wie der Graf Pückler, der in! Volksversammlungen zur Ausrottung der Juden j mittelst des Dreschflegels auffordert, sie gewähren die : beste Charakteristik dieser traurigen Blüthe deutscher i Kultur am Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Antisemitismus hat seine ganze Hoffnung auf die Ausbeutung der Konitzer Mordangelegenheit gesetzt. Die bisherigen gerichtlichen Klarstellungen über denselben haben ihm eine Enttäuschung nach der anderen bereitet. Dagegen herrscht unter allen ruhig Denkenden Ueber- . einstimmung darüber, daß lediglich durch die antisemi- , tische Agitation über Könitz schweres Unheil gebracht! worden iss, von dem sich die Stadt in ihren wirthschaftj ließen und sozialen Verhältnissen noch auf lange hinaus I nicht erholen wird. So konnte denn die Empfindung! von dem Zusammenbruch der antisemitischen Bewegung; durch die Erfahrungen der letzten Monate nur bestätigt j und befestigt werden. Da muß es ein Vertreter der j jüdischen Interessen sein, der im preußischen Abgeord- . netenhause mit einem unglaublich thörichten Vorstoß i gegen den Justizminister die Judenfrage auf's Tapet! bringt und damit dem Antisemitismus neues Wasser! aus die Mühle leitet! Der Abgeordnete Peltasohn be- : schwert sich unter Berufung aus die Verfassung über \ Zurücksetzung jüdischer Assessoren bei der Besetzung! von Staatsämtern. Das ist an sich sehr gewagt.; Allerdings bestimmt die preußische Verfassung: „Die j öffentlichen Aemter sind, unter Einhaltung der von den; Gesehen feftgestellten Bedingungen, für alle dazu Be- | sahigte gleich zugänglich;" und weiter: „Der Genuß; der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unab- ' hängig von dem religiösen Bekenntniß." Aber daraus i ergibt sich nur, daß kein preußischer Staatsbürger um seines Glaubensbekenntnisses willen von den öffent- , liehen Aemtern ausgeschlossen ist; aber kein preußischer; Staatsangehöriger hat einen Rechtsanspruch auf Anstellung in einem Staatsamt. auch wenn er seine Befähigung nachgewiesen hat. Eine gesetzlich begründete Beschwerde über Nichtanstellung von Juden in StaatSämtern kann es also überhaupt nicht geben. Nun aber erhebt Herr Peltasohn seine Beschwerde gerade gegen denjenigen Verwaltungszweig, in dem notorisch Juden in nicht geringer Zahl angestellt sind, und, um den Gipfel der Unbegreiflichkeit zu erreichen, beklagt er sich über die Seltenheit der Ernennung jüdischer Notare in Berlin, obgleich der Prozentsatz der jüdischen Notare von der Gesammtzahl der Notare in Berlin in gar keinem Verhältniß steht zu dem geringen Prozentsatz, den die Juden in Berlin von der Gesammtzahl der Bevölkerung ausmachen. Unter den verständigen Juden ist man von vorherein nicht im Zweifel darüber gewesen, welch' schlimmen Dienst ihrer Sache von Herrn Peltasohn geleistet worden ist. Aber die philosemitischen Heißsporne, deren es ebenso fanatische gibt, wie antisemitische, verschlimmern den Fehlgriff noch, indem sie ein gewaltiges Geschrei über Verfassungsverletzung erheben. Welch herrlichere Gelegenheit hätte sich den Antisemiten bieten können, um über „unverbesserliche semitische Unverschämtheit" zu klagen! Und auf dem so präparirten Boden glaubten sie denn auch die Fruktifizirung der Konitzer Affaire wieder aufnehmen zu können. Wohl noch nie ist die Tribüne des deutschen Reichstags in einer solchen Weise mißbraucht worden. Namentlich der Abgeordnete Liebermann v. Sonnenberg hat das Aeußerste an Brutalität und Raffinirtbeit zugleich geleistet. Das Märchen vom „Ritualmord" wird jetzt preisgegeben. Aber es soll ein „Aberglaube" unter den Juden bestehen, Christenblut haben zu müssen. Diesem Aberglauben, so wird im Reichstag verkündet, fei der Gvmnasiaft Winter zum Opfer gefallen, und nur der absichtliche Widerstand der preußischen Rechtspflege habe verschuldet, daß dies bis jetzt nickt auch juristisch erwiesen sei. Man kann nur hoffen, daß die gesunde öffentliche Meinung sich von diesem unerhörten Treiben mit Abscheu abwendet." Frankreich. Paris, 20 Febr. Wie vorauSzusehen war, ist in der Stichwahl im hiesigen elften Arrondissement der Republikaner Allemanne gewählt worden. Der Antisemitenfübrer Regis mußte unverrichteter Sache feine Koffer packen und nach Algier abdampfen, um, wie er in feinem letzten Flugblatte versichert hatte, „den Kampf gegen das Judentbum mit neuem Mutb und frischer Kraft wieder aufzunebmen." Diese schmähliche Niederlage ihres Günstling? hat den furchtbaren Zorn der edlen Herren Antisemiten erweckt. Ihre Schimpf- und Fluchwörterbücher werden daher jetzt von ihnen besonders reichlich benutzt. Augenblicklich ist hier ein Streik der Damenschneider und Schneiderinnen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen dieser Branche, die sich größtentbeils in den Händen von Juden sich befindet, haben allerdings Grund, mit ihrer jetzigen ökonomischen

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