Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1901)
- Date
- 1901-02-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449163--52746-2503304- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
864 Die Mahnung, das, was uns Amalek gethan hat, nicht zu vergeffen, verpflichtet uns im Grunde genommen weniger an Amalek. als an uns selber zu denken. Das, was uns Amalek gethan hat, haben uns andere im Lause der Jahrtausende auch gethan und thun es noch täglich. Wenn wir siegreich alle Gehästigkeit überwinden möchten, wie es in den Zeiten Amaleks war, so bietet die Geschichte dieses Zusammentreffens Israels mit seinem alten Erbfeind eine Fülle goldener Winke für unsere Abwehrbestrebungen judenfeindlicher Angriffe. — Dieses Zusammentreffen Israels mit Amalek wird uns in den letzten Versen des 17. Cap. im zweiten Buche der Thora geschildert. Es versetzt uns diese Schilderung in die Zeit, in welcher Israel eben aus Mizraim gezogen, durch die Fluthen des Meeres geschritten, in der ö-den Wüste von Gottes Wunderbrod gespeist, sich in Residim niederzulassen im Begriffe war. Aber trotz aller selbst erlebten Erfahrungen von dem Wunderwalten Gottes, genügte der Mangel an Wasser, um es gegen seinen Führer zur offenen Erhebung anzustacheln, ja, an Gott selber und seiner Wundernähe zu zweifeln und diesen Zweifel in die Worte zu kleiden: p« cnr i:np; *n trn. „Ist Gott in unserer Mitte, oder nicht?" LWL12 bnne" zv Lnb"! pbcv xr: „Da kam Amalek und kämpfte mit Israel in Refidim." Alle Völker verfolgten mit ehrerbietiger Scheu das ungewöhnliche Geschick des Volkes, das ohne Schwertstreich aus dem Lande der Knechtschaft in die Freiheit gezogen war, vor dem die Wogen des Meeres sich theilten, um ihm den Durchgang zu gestatten und seine nachstürzenden Feinde zu begraben. „Völker hörten es und zitterten, Schrecken erfaßte die Bewohner von Philistim, damals waren die Fürsten vom Staunen überwältigt, die Mächtigen Moabs ergriss ein Beben, in Furcht ausgelöst waren alle Bewohner von Kanaan." (2. V. Nt., Cap. 16, V. Io, 16.) Sie sahen Gottes übermächtiges Walten, wie es sich in den Geschicken des Gottesvolkes manifestirte und wagten nicht, seinen friedlichen Zug zu stören. Aber die Ächtung vor dem Volke Gottes und vor Gottes Allmacht, die sich in seiner Leitung offenbarte. ist an die Achtung geknüpft, die das Gottesvolk selber seinem Gott und seiner Leitung entgegenbringt. Wenn Israel selber die Scheu vor seinem Gott vermissen läßt, wie sollte sie dann die nichtisraelitischen Völker erfüllen, wenn das Gottesvolk selber seinen Führern gram, die Hand gegen dieselben erhebt, woher sollte denn außerhalb Israels die Hochachtung vor der Leitung seiner Geschicke kommen, wenn Israel selber an dem Dasein und dem Eingreifen Gottes in seine Geschicke zweifelt, dann darf es nicht Wunder nehmen, wenn seine Umgebung diese Zweifel theilt und durch seinen Angriff auf das von seinem Beschützer verlassen gewähnte Bolk die nächste Konsequenz aus diesem Zweifel zieht. Deßhalb folgt aus die Gott verleugnende Frage: px es H trn sofort p“?ay s:'i, In diesem Kampf zeigt sich nun die Größe des Mannes, den sein Volk kurz vorher steinigen wollte und der jetzt ihnen den Sieg erringt über den von außen drohenden Feind. Er weist mit der Hand auf Gott in der Hohe, den der Kleinmuth seines Volkes angezweifelt, gibt damit ihrem Denken und Sinnen wieder die verlorene zu Gott führende Richtung und der Sieg ist errungen. So schwächte Josua den Feind, aber er schwächte ihn nur, er vernichtete ihn nicht, weil er das Schwert führt, welches das verirrte Gottesvolk wieder zu Gott zurückführt, wenn es die Leitung seines Gesetzes und dessen Lehrer verschmäht, nx yirrr z-r, ’c? vsj? rtr pSt»*. „So schwächte Jehoschua Amalek und sein Volt mit Rücksicht — auf das Schwert!" Dieses Schwert hatte der Großvater Amaleks, hatte Esaw von seinem Vater als seinen Segen mit den Worten erhalten: -cyn -pnx ns: rvnn -p*in pxn „Auf deinem Schwert ruht dein Leben, und deinem Bruder wirst du damit dienen." (1. B. M., Cap. 27, V. 4,<.) Esaw, Amalek, Agag und Haman leben durch die blutigen Gewalthaten ihres Schwertes und in der Geschichte der Völler, welcher das Schwert sein Gepräge verliehen, bilden geschlagene Schlachten die Marksteine aller Geschehniste. Oft hat auch Israel dieses Schwert empfunden, es wurde von ihm geschlagen, aber nie erschlagen, sein Zücken und Schweben über den Häuptern des Gottesvolkes bat ihm, wie seine Weisen sagen, mehr gedient, als die achtundvierzig Propheten und sieben Prophetinnen, die Gott ihm erstehen ließ. Wo eine neue Phase in der Geschichte des Gottesvolkes eintrat, wurde ihre Bahn durch die brutale Gewalt des Esawschwertes eröffnet. Als Vater Jakob auf der Rückkehr in die Heimath dort sein eigenes Haus gründen wollte, ging dieser Gründung der nächtliche Ringkampf mit dem Genius Esaw's voraus. Als seine Enkel aus der egyptischen Knechtschaft in die Freiheit des Gottesgesetzes zu ziehen im Begriffe waren, kam Amalest der Enkel Esaw's, um ihnen den Weg zu verlegen. Als sie viele Jahrhunderte später, in den Zeiten, deren Gedächtniß unser Purim alljährlich neu belebt, außerhalb ihres Landes in ihrer Umgebung aufzugehen drohten, war es Haman, der späte Urenkel Amaleks, welcher sie daran hinderte. Und wenn in unserer Zeit sich dieselbe Thatsache vollzieht, so dürfte die Mahnung, dessen zu gedenken, was Amalek uns gethan, wohl niemals so am Platze gewesen sein, als gerade in unseren Tagen. Wenn Amalek kam und kommt, sobald Israel spricht: „Ist Gott u.ürklich in unserer Mitte oder ist alles nichts?", so sind es nicht Abwehr-, sondern Einkehr- und Umtehrbestrebungen, die uns heute mehr als je noth thun. Leben wir doch in einer Zeit, in der viele, viele Einzelne und ganze Gemeinden diese Frage gar nicht mehr