Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1901)
- Date
- 1901-02-21
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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Temperatur des Gemüths, die der Religionsunterricht erzeugen muß, wenn er Früchte bringen will für das ganze spätere Leben des Zöglings, kann nicht durch logisch noch so scharfe Definitionen, nicht durch lehrhafte Gemeinplätze erzeugt werden, sondern durch tiefes Gindringen in Herz und Sinn der lebendigen Träger der religiösen Ideen, der Herren des Gottvertrauens und des Gehorsams, der Märtyrer des Glaubens und der Gottesfurcht. Wenn das Kind hineinschaut in das Herz Abrahams, wie er, dem Rufe Gottes folgend, Vaterland und Freundschaft verläßt, wie er, der Kinoerlose, der Verheißung Gottes: „Ich will Dich zu einem großen Volke machen," vertraut, wie er erschrickt über die schlimme Botschaft, daß Lot gefangen ist und ungesäumt ihm zu Hilfe eilt etc., wenn es also alle Tugenden des ersten Erzvaters im Bilde gesehen hat, dann weiß es, was Glaube und Frömmigkeit, was Gehorsam und Gottvertrauen, was Friedfertigkeit und Nächstenliebe bedeuten, — ohne Katechismus und ohne systematische Religionslehre. Rur muß der Unterricht das .Kind immer einführen in die psychologischen Zustände der handelnden Personen, indem er es veranlaßt, in eigener Mitarbeit die jeweiligen Stimmungen und Beweggründe dafür im Verlaufe der Erzählung aufzusuchen. Gerade die Wahrheit und Unmittelbarkeit rein menschlicher Empfindungen, die das Kind kennt und aufsindet, sind es. die vielen biblischen Geschichten den unnachahmlichen Reiz und die ergreifende Wirkung auf das Gemüth verleihen. Ich wage es ohne Selbstüberhebung zu behaupten: Meine achtjährigen Schüler weinen alle Thränen der Angst, des Mitleids, des Schmerzes und der Freude mit Josef, dem Vater und den Brüdern. Wenn ich mit meinen Neunjährigen alle rein menschlichen Regungen im Seelenleben des unglücklichen Saul, von seiner anfänglichen Bescheidenheit bis zu seinem Königsstolze, vom Entstehen seiner Eifersucht bis zur geistigen Umnachtung in seiner Todesangst verfolge, geht er nie vor dem geistigen Auge meiner Schüler in den Tod, ohne daß dieser großen Tragödie der reiche Zoll an Thränen fließen würde. Nur aick solche Weise können das sittliche Gefühl und das sittliche Urtheil im Kinde sich bilden. — Wenn jedoch die allgemeinen religiösen Wahrheiten zum Ausgangspunkt genommen werden (wie in der systematischen Religionslehre), wenn der Unterricht zu zergliedern und definiren sucht, so bleiben jene doch dem Zögling etwas Fremdes, ein Theil seiner Gesinnung werden sie nie. Man mag z. B. beim ersten Gebot die Begriffe der Ewigkeit Gottes, seiner Einheit etc. dem Schüler haarscharf definiren — die rechte religiöse Vorstellung erhält er doch nur dann aus diesem Gebot, wenn ihm das Walten Gottes, von der Verkündung der ägyptischen Knechtschaft bis zur wunderbaren Befreiung, klargelegt wird. Nachdem sich aber einmal an die geschichtlichen Stoffe der Bibel das Interesse der Kinder knüpft, sollte ihnen auch für ihren Religionsunterricht kein «ndereß Svsiem an die Hand gegeben werden, als die Bibel selbsi. „Der Pädagoge Diesterweg rühmt den Juden nach Er wußte nichts von der systematischen Religions- '.ebret, daß sie ein sehr tiefes Verständniß der kindlichen Rainr bewährien, indem sie ihren Kindern niemals ein formuliertes Glaubensbekenntniß vorlegen, sondern sich darauf beschränken, durch die historischen Schriften des Alten Testamentes, insbesondere durch den Pentateuch, sittlich-religiös auf die Jugend zu wirken." Wenn jene Zeit, in der man noch nichts von der systematischen Religionslehre wußte, religiöser war, als di« unserige, so ist das nicht in letzter Linie dem erziehenden Einfluß zuzuschreiben, den neben anderem der Pentateuch au.f die Kinder übte. (Vergl. Straßburger, 8»- ziehung bei den Juden, S. 177.) Gerade der Pentateuch ist der geistigen Entwickelung der Kinder streng vsychologisck angevaßt. Er beginnt mit einer naiven, das Kind ansprechenden Erzählung; er führt uns bu« den primitivsten Anfängen des Volkes Israel mit der Geschichte allmählich empor zur Höhe der reinsten Gotteserkenntniß. Von Stufe zu Stufe verfolgen «tr die sich entwickelnde Reife des Volkes für daS Berständniß der Gotteslehre. In Mischnah-Thauroh endlich stehen wir mit de« großen Lehrer auf psychologischer Warte, u« die schwierigen Probleme der Lehre zu erforschen. Die allmähliche Entfaltung der Lehre im Leben deS Volkes ist der allmählichen religiösen Entwickelung des Kinder sehr angemessen, und daß der große Lehrer Mose i« göttlichen Aufträge die religiösen Satzungen und Gebote nicht losgelöst von der Volksgeschichte JSraekS, sondern im Gegentheil, mit dem geschichtlichen Leben des Volkes auf's innigste verknüpft uns vorlegt, sollte für jeden Lehrer ein methodischer Fingerzeig sei«. Unsere Weisen von heute sind aber klüger, als die Tbauroh selber. Während diese von Lohn und Strafe, von Willensfreiheit, von Gotteserkenntniß und Gottesfurcht erst am Ende spricht, sind diese großen Probleme den Autoren unserer Religionsbücher das AB8, mit dem der Unterricht anzusangen Hai. „Während sonst," schreibt Dr. Ehrmann in Baden in seinen Pädagogischen Plaudereien, „die Gottesfurcht als der Anfang jeder Weisheit gelehrt wird, beginnt die Weisheit unserer Svnagogenlichter mit dem Gottesglauben. Bo« der Gottesfurcht dagegen heißt es im Kapitel der „Pflichtenlehre" des weitverbreitetsten ReligionSbucheS, (Herxheimer), daß sie das Ende aller Weisheit fei. Ja. selbst eine „Pflicht der Weisheit" wird dort gelehrt. während aus der Thauroh — wenn auch nur zum Schein — (aus 6. B. M., 28, 34) sich HSch^nS eine Pflicht der Thorheit folgern ließe." Aber selbst angenommen, die Religionsbücher enthielten alle wirklich nur H-:n '"qt s» wäre eS doch nicht statthaft, ste zum Ausgang-punkt füa den Religionsunterricht zu nennen, weil dat bei« Kinde