Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1901)
- Date
- 1901-02-21
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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856 dem snstematischen ReligiorSunterrichte, nach dem SftinL'r der jüdischen Katechismen, fehlt die Berechti Lang überhaupt, >oeil er unpsychologisch, unpädagogisch, naturwidrig ist. Der Zweck dieses Unterrichtsz/veiges ist, den „Lehrinhalt" der jüdischen Religion, lvSgelöst von der Erzählung der heiligen Schrift und -och wiederum durch Belegstellen mit ihr verknüpft, in shstematifcher Weise der Jugend vorzutragen!" Der Inhalt dieser systematischen Religionslehre ist somit das aus den konkreten Erzählungen der heil. Schrift und ihren Geboten zu abstrahirende Begriffliche. Wird aber im Geschichts- und Pentateuch-Unterricht die Abstraktion versäumt, und soll dieselbe erst anf einer späteren Stufe mit Hilfe eines abstrakten systematischen Lehrgebäudes nachgeholt werden, so tzkistt dasdas pädagogische Unvermögen des Lehrers anerkennen, die Gesetze der Psychologie und der daraus folgenden Methodik verleugnen wollen. Jede Unterrichtsstunde soll den Schüler von der Anschauung zum Begriffe rühren. Die Methode des systematischen Religionsunterrichtes, die die Erarbeitung des konkreten Materials den Unterstufen, alle Abstraktion der Oberstufe züweist, ist unpsychologisch. Die ganze Erbärmlichkeit und Hilfslosigkeit dieses Unterrichtszweiges zeigt sich aber erst in der Form, in der die meisten der sogenannten systematischen Religionsbücher verabfaßt sind. Das sinnlose Frage- und Antwortspiel dieser l^.techismen macht den Lehrer zum Sklaven seines Buches, zwängt den Geist der Kinder in die Form dogmatischer Sätze. Ein solcher katechetischer Mechanismus, bei dem der Lehrer nach dem Muster des mittelalterlichen Schulhalters nur abzufragen braucht, was die Schüler verständnißlos memorirt haben, ist ein Folterwerkzeug für die jüdischen Schulen im 19. Jahrhundert. Die dogmatische Verirrung, die der systematische Religionsunterricht nach dem Muster der meisten Religionsbücher bedeutet, erhellt schon aus den ersten Sätzen, mit denen diese Katechismen beginnen: Was ist Gott? Welches sind Seine Eigenschaften? Probleme, die Moscheh Rabenu selbst nicht hat ergründen können, beantworten jetzt sechsjährige Kinder mit Leichtigkeit! Im Religionsbuche steht's ja! — „Gott ist ein einziges, geistiges, ewiges Wesen" etc. Was ist aber den armen Kleinen mit einer solchen Wiffenschaft gedient! Einheit, Ewigkeit, Geist, sind abstrakte Begriffe, für das Kind unverstandene Wortschwälle. Oder glaubt man wirklich, daß diese Sorte von Gotteserkenntniß die Gottesfurcht zur Folge haben könne?! Es ist erschreckend, welche Unkenntniß des Kindes Na-! tur in diesen nach „pädagogischen Grundsätzen"(!) ver-! faßten Büchern zu Tage tritt. Philosophische und unj philosophische Abstraktionen und nichtssagende Defi-! nitionen werden als Thauras-Moscheh ausgegeben. WaS die Kinder glauben, sollen sie in angelernten GGtzen und Sprüchen hersagen! Mit schön gegliederten Lehrsätzen eines Systems kann man dem Kinde keine Religion verbringen. ^Mt den Glaubensartikeln, die gewöhnlich an der Spitze stehen, also mit dogmatischen Formeln, erzieht man es nicht zum Glauben, sondern zum Unglauben: Auswendiglernen des Unverstandenen schafft keine Ueberzeugung, sondern macht dem Kinde seine Religion verhaßt oder „bewirkt im günstigsten Falle eine denkscheue Dogmatik." Jene Glaubensartikel wurden zum Schutze der Lehren aufgestellt, die zu einer gewissen Zeit durch die das Judenthum bedrohende Zeitströmungen gefährdet waren: für den Jugendunterricht war die Fassung dieser Sätze sicherlich nicht bestimmt. Unsere Religionsbücher zergliedern recht logisch ihre „Glaubens- und Pflichtenlehre", ein Unternehmen, das oft ein schönes Zeugniß für das Wissen und den Scharfsinn der Autoren ablegt, für die Jugend aber werthlos ist. „Denn in die Schule gehört kein System. Am allerwenigsten darf man damit anfangen. Es paßt nur für den, der es selbstständig aus den Thatsachen entwickeln kann, gehört also nur an's Ende wissenschaftlicher Untersuchungen und ergibt sich dann von selbst." (Dr. Ehrmann.) Die meisten Svsteme sind ohnedies noch, vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, geradezu inhaltlos, „aus Worten trefflich aufgebaut;" denn sehr wichtige Vorschriften, wie die Speisegesetze, l'ß'sn nß-v u. a. fehlen ganz, oder erscheinen auf der letzten Seite als . Zeremonialgesetze." Ein anderer Fehler der „Systematiker" ist der, daß sie zur vernunftgemäßen Begründung der aufgestellten Lehren philosophische Beweise heranziehen, was weder vom religiösen, noch vom philosophischen Standpunkte aus gut geheißen werden kann. Dem Kinde beweisen wollen, daß es einen Gott gibt, heißt: den Zweifel über das Dasein Gottes in dem Kinde wecken. Religiöse Vorstellungen und Begriffe dürfen dem Schüler nicht vorgesagt, religiöse Gefühle dürfen nicht diktirt und auswendig gelernt werden. Was gut und böse ist, muß aus der Sache heraus von den Kindern empfunden werden. „Die Virtuosität, den Lehrstoff dem Schüler so vorzulegen, daß er von selber die Gefühle, die erweckt werden sollen, entwickle und abstrahire, das ist das Wesen der echten Katechetik, zu der sich unsere knöchernen Katechismen mit ihren auswendig -u lernenden Gefühlen und Gesinnungen verhalten, wie eine Pfütze zu einem Springquell." Die erste Gelegenheit, das Gewissen der Kinder zu wecken und ihre religiöse Gesinnung zu bilden, bietet sich im Unterricht in der biblischen Geschichte. Ihre konkreten plastischen Gestalten — dieses religiöse Anschauungsmaterial — wirken bekanntlich auf das Kindergemüth viel nachhaltiger, als allgemeine religiöse Wahrheiten. Durch psychologisches Vertiefen in die biblischen Gestalten werden die innersten Tiefen des kindlichen Herzens getroffen. Die nachhaltig erwärmte