Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-02-21 · Heft 15 (21.2.1901) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 15 (21.2.1901)
Date
1901-02-21
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449162--52730-2503287
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

befassen, aus ihren Stellungen zu verdrängen. Aber es war einfach eine Schmach, diese Kandidätlein sich anzusehen, die sich dreist vordängten, das Volk aufwühlten und uns im Grunde nur zum Gespötte unserer Feinde machten. Da trat ein junges Herrlein auf, dessen einziges Verdienst ist, von seinem Vater ein paar Hunderttausende geerbt zu haben, eine lächerliche Figur, ein unbekannter Mensch, der sich durch nichts und wieder nichts von der Menge seiner Altersgenossen unterscheidet. Was drängt diesen Herrn dazu, Abgeordneter zu werden? Hat er eine Idee, die er durchsetzen möchte, neue politische und ökonomische Prinzipien, denen er zum Siege verhelfen will? Nichts von alledem. Aber wenn er es sich einige Tausend Gulden kosten läßt, um üch wählen zu lassen, so hat er ein gutes Geschäft gemacht, denn er kann eine um so reichere Partie machen! Dazu muß das jüdische Volk seine Schulter hergeben, damit irgend ein obskures Kerlchen emporklettert. Ferner bewarb sich um ein jüdisches Mandat der Sohn eines in der ganzen Gegend gefürchteten Wucherers, der plötzlich in sich ein jüdisches Herz entdeckt hat, und mit dem von seinem Vater an dem Allerärmsten „verdienten" Gelde nun die Welt retten wollte. Ein anderer Kandidat versicherte, es handle sich bei ihm eigentlich nur um „Kandidiren," da ihm das jedenfalls von Nutzen sein kann, gewählt wird er doch nicht. Eine recht komische Episode in der Wahlbewegung bildete die Kandidatur eines recht anrüchigen Individuums, das sogar aus Wien herbeigeeilt war, um über uns seinen Schutz auszubreiten. Die „Verdienste" (im zweifachen Sinne) dieses Herrn lagen auf einem Gebiete, das sich der Oeffentlichkeit entzieht, daher kennt ihn die große Masse der Wähler gar nicht. Aber mit den berufsmäßigen Wahlhyänen vermittelte ihm der Mammon die nähere Bekanntschaft, aber das geschah in der umgekehrten Richtung, als sonst. Nämlich der Kandidat gab nicht den Wahlhyänen Geld, sondern umgekehrt, er nahm Geld von ihnen. Es war die Komödie von den betrogenen Betrügern. Einige Wiener Persönlichkeiten, die dem betreffenden jüdischen Abgeordneten feind waren, aus Gründen, die mit dem Gemeinwohl nichts zu schaffen haben, wollten ihm bei den Neuwahlen Verlegenheiten bereiten, womöglich gar ihn zu Falle bringen. Zu diesem Zwecke wurde jenes anrüchige Individuum herausgesucht, welches schon aus den verschiedensten Oefen Brod gegessen hatte, früher dem Badeni diente, nachher sich dem Stojalowski anschloß, später sich der Reihe nach den Sozialisten und den Zionisten aufdrängte und von allen abgeschüttelt wurde. Dieses Individuum nun sollte in dem betreffenden Wahlkreise kandidiren, und zu diesem Zwecke erhielt er ein paar Tausend Gulden auf die Hand aufgezählt. Die heimischen Walhyänen befürchteten wiederum, daß ihnen diesmal die sonst übliche Beute entgehen könnte, da sich gegen den bisherigen Abgeordneten kein Gegner meldete. Man brauchte nur einen Strohmann, einen Bajazzo, der für eine Weile die Rolle eines Kandidaten spielte, und mit dessen Hilfe man von dem bisherigen Abgeordneten ein paar tausend Gulden herauspressen könnte. Ein solcher Strohmann und Bajazzo fand sich nun in der Person desselben Individuum, welches jene Wiener Macher gemiethet hatten. Die heimischen Wahlhyänen mietheten ihn nun ihrerseits, gaben ihm ein paar hundert Gulden in die Hand, und nun fand dieses Subjekt das Geschäft nicht nur lukrativ, sondern auch spassig. Er nahm sich eine Weile ernst, bereiste den Wahlkreis, hielt in dem Hinterstübchen eines entlegenen Restaurants eine sog. Kandidatenrede vor fünf Wählern. Aber der frühere Abgeordnete nahm davon keine Notiz, und der von den Wahlhvänen erwartete Banknotensegen kam nicht. Bei der Wahl erhielt der Strohmann 14, sage und schreibe vierzehn, von den tausend abgegebenen Stimmen. Die Wiener Persönlichkeiten, wie die galizischen Wahlhyänen sahen sich bitter enttäuscht, aber der Strohmann lachte sich in's Fäustchen und strich das schöne Geld ein. So sahen die „neuen Männer" aus, die uns diesmal beglücken wollten, lind erst die Schlagworte, die sie in die Menge schleuderten! Es war ein Jammer. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Eorresponvenzen. Deutschland. Könitz, 18. Febr. Aus der Gerichtsverhandlung im Meineidsprozeß Levy sei noch folgende Schlußdebattc zwischen Vertheidiger und Staatsanwalt mitgetheilt: Staatsanwalt: Die Vertheidiger haben mich mißverstanden. Ich habe nicht gesagt, ich hätte wegen Mordes gegen den Angeklagten nicht den geringsten Beweis, sondern ich habe gesagt: Zur Zeit habe ich nicht ein genügendes Belastungsmaterial, um gegen den Angeklagten wegen Mordes die Anklage zu erheben. Die Verteidigung hat auf Verhetzungen gegen die jüdische Bevölkerung von der „Staatsbürgerzeitung" und dem „Konitzer Tageblatt" hingewiesen. Ich erwiedere, daß von Zeitungen, die im jüdischen Sinne redigiert werden, ebenso gegen die christliche Bevölkerung gehetzt wird. Ich erinnere nur an die Verhetzungen gegen die Familie Hoffmann, gegen einen hochachtbaren Beamten und gegen einen hiesigen Lehrer. Der Vertheidiger sagte: „Kann man vom Angeklagten mebr Gewissenhaftigkeit verlangen, als er bewiesen?" Gewiß, ich verlange mehr. Ich verlange, daß er die Wahrheit sagt, und wenn er dies thun wollte, dann müßte er sagen: „Ich habe Winter gekannt." Auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.