Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1901)
- Date
- 1901-02-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449162--52729-2503286- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
348 GS gab eine Zeit, in der man bei uns glaubte, wir brauchten Abgeordnete zu dem Zweck, damit sie schreien. Da wir der Ueberzeugung lebten, unsere Sache, die eine gerechte ist, brauche nur laut und eindringlich verteidigt zu werden, um zum Siege zu gelangen, so gaben wir nns der Täuschung hin, daß wenn im Abgeordnetenhause Männer sitzen würden, die laut und eindringlich unsere Vertheidigung führen würden, werde der Antisemitismus von selbst verschwinden, unsere Feinde werden sich vor der Sonne der Wahrheit in die verborgensten Schlupfwinkel verkriechen und alles wird bald wieder gut werden. Die letzten Jahre haben uns indeffen von diesem Wahn geheilt. Kein Abgeordneter verwirklichte dieses Ideal besser, als der frühere Abgeordnete Dr. Bloch, keiner hat den Antisemiten so heimgeleuchtet, wie er. Und doch hat gerade während seiner Zeit der Antisemitismus eine nie dagewesene Stärke erreicht und im Anschwellen alle Dämme durchbrochen. Alle seine flammenden Reden haben nicht den geringsten Nutzen gestiftet, keine einzige Kränkung unserer Bürgerrechte verhindert, und nicht um einen Zollbreit den ökonomischen Niedergang unseres Volkes verhindert. Es gibt Viele, welche nach dem Grundsatz:,,post. hoc, ergo propter hoc.“ Bloch und seinen unablässigen Kampf gegen den Antisemitismus für das Anwachsen des letzteren geradezu verantwortlich machen. Das ist natürlich eine ebenso grundfalsche, wie undankbare Anschauung. Eines jedoch ist sicher, daß Bloch's Kampf, den er in Wort und Schrift wider die Antisemiten führte, den Sinn des jüdischen Publikums, besonders in Galizien, allzusehr nach Auswärts lenkte, und dadurch mittelbar zur Vernachlässigung der Organisationsthätigkeit nach Innen erzog. Nach einer jeden der meisterhaften Reden Bloch's sagte man sich: Nun hat er ihnen (den Antisemiten) wieder einmal gründlich eingeheizt! — und ging ruhig seinen Geschäften nach, ohne zu bemerken, daß der 'Antisemitismus bei all diesem Einheizen sich sehr wohl fühlte und immer besser gedieh, bis es endlich dahin kam, wo wir jetzt sind. Aber obwohl unsere Vertrauensseligkeit in die Heilskraft der „Sckreimethode" ziemlich nachgelassen bat, so spukt es doch in unseren Köpfen noch immer von der Wichtigkeit der „höheren Politik" für unser Wohl. Es ist deßhalb allerhand Strebern verschiedener Sorte ein Leichtes, sobald es gilt, an die Urne zu gehen, sich dem jüdischen Volke als Retter aufzudrängen, um, wenigstens eine Zeit lang, um jeden Preis eine Rolle zu spielen. Dabei wird der gesunde Sinn verdreht und verwirrt und die urtheilslose Masse auf Abwege geführt. Es ist klar, daß wenn schon eine Anzahl jüdischer Abgeordneter im Reichsrath irgendwie der jüdischen Bevölkerung von Nutzen sein sollte, so könnte das nur in der Weise geschehen, daß die betreffenden Abgeordneten innerhalb einer größeren parlamentarischen Gruppe eine wohlbegründete Bedeutung und ein Ansehen hätten, und so in der Lage wären, ihren Einfluß auf die Politik dieser Gruppe geltend zu machen, um sie nach Möglichkeit davon abzuhalten, eine antisemitische Richtung einzuschlagen, hie und da auch wohl etwas Positives vermittelst Pertractationen zu erreichen. Natürlich ist, wie vorher bereits ausgeführt wurde, alles, was sich auf dem Wege der „höheren Politik" erreichen läßt, überhaupt im Grunde wenig Werth. Aber wenn überhaupt, so ist nichts weiter zu erreichen. Eine lovale und das Volkswohl im Auge behaltende Politik würde also vorschreiben, dahin zu streben, daß zunächst die Anzahl der jüdischen Abgeordneten vergrößert werde, da von ihrer Anzahl ihre Stellung der Majorität gegenüber abhängt; ferner, daß jeder jüdische Abgeordnete in seinem Wahlbezirke so sicher als möglich dastehe, damit er sowohl der Regierung, als auch den im Lande maßgebenden Faktoren gegenüber desto unabhängiger auftreten kann. Wenn ein Abgeordneter weiß, daß seine jüdischen Wähler unbedingt für ihn stimmen, und sich weder durch Drohungen, noch durch Lockungen abbalten lassen, ihm zu folgen, wenn ein Abgeordneter überzeugt ist, daß hinter ihm eine zuverlässige und treue Wählerschaft steht, auf die er sich unbedingt stützen kann, dann kann er um so fester und entschiedener innerhalb seines parlamentarischen Klubs auftreten, und muß erfolgreicher die Interessen der jüdischen Bevölkerung verfechten, — in diesem engen Rahmen, in dem dies im Reichsrath überhaupt möglich ist. Dazu kommt noch, daß, wie ein Jeder leicht begreift, je länger ein jüdischer Abgeordneter im Reichsrath sitzt, je enger die persönlichen Beziehungen sind, die er zu seinen Klubkollegen anknüpft, mit einem Worte, je größer und älter seine persönliche Autorität ist, desto eher kann man, wenn überhaupt, irgend eine nützliche Wirksamkeit von ihm erwarten. Es ist nur merkwürdig, wie wenig unsere politifirenbe Intelligenz diese so einfachen Dinge begriff, und wie leicht sie den Schlagworten und Phrasen politischer Abenteurer und gewissenloser Streber auf den Leim ging und noch die Masse mitzog. Wie immer, wenn es gilt, Mandate und Stellungen zu erhaschen, tauchten auch jetzt eine Menge zweifelhafter Individuen auf, die sich als Volksretter aufspielten und nach den Würden, die zu vergeben waren, die lüsternen Hände ausstreckten. Wir hatten ca. anderthalb Dutzend Kandidaten auf die sechs jüdischen Abgeordnetenstellen. Ein Jeder versicherte, er sei der einzig Berufene, dem jüdischen Volke ans der Noth zu helfen. Und Keinem fiel es ein, zu fragen, warum denn diese Herren, die eine so glühende Begeisterung und Kampfeslust in der Brust verspürten, sich nicht heranwagten, um irgend einem der antisemitischen Abgeordneten das Mandat streitig zu machen, und es just auf die jüdischen Mandate abgesehen hätten, um die Alteingesessenen, die bereits eine Tradition und eine Vergangenheit hinter sich hatten, bereits Autorität