Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1901)
- Date
- 1901-02-21
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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350 Anna Hoffrnann bekundet: Winter habe einmal gesagt: „Da steht Moritz und hat nichts zu thun." Daraus geht zweifellos hervor, daß Winter den Angeklagten gekannt hat. Ist dies aber der Fall, dann muß Moritz Lrvy Winter gekannt haben. Dertheidiger Rechtsanwalt Appelbaum: Da der Staatsanwalt den Vorwurf erhoben hat, daß von jüdischer Seite auch gegen die christliche Bevölkerung gehetzt worden sei, beantrage ich, diesen Brief zu verlesen und dazu den Journalisten Zimmer zu vernehmen. Präsident: Der Staatsanwalt hat nur von jüdischen Zeitungen gesprochen. Dertheidiger: Das ist aber nicht Gegenstand der Verhandlung gewesen. Ich wundere mich, daß der Herr Präsident das zugelassen hat. Präsident: Ich muß diesen Vorwurf zurückweisen. ES ist Gegenstand der Hauvtverhandlung gewesen. Dertheidiger Rechtsanwalt Appelbaum: Mit Rücksicht aus den Korrespondenten verzichte ich auf die Verlesung des Briefes. Nachdem aber der Staatsanwalt den Vorwurf erhoben hat, daß gegen die christliche Bevölkerung gehetzt worden sei, muß ich bemerken, daß ich seit langer Zeit beweisen konnte, daß die Hetze gegen die genannten christlichen Familien nicht von Juden, sondern von ausgesprochenen Antisemiten ausgegangen ist. Ich habe aber trotzdem das Material nick>t verwertetet, sondern ruhig zugesehen, wie Zimmer in der „Staatsbürgerzeitung" und dem „Konitzer Tageblatt" gegen die Juden unter antisemitischem Deckmantel weiter hetzte. Es hat mir gestern in der Seele leid gethan, daß ich durch die beantragte Vernehmung Zimmers gewissermaßen dessen Existenz vernichtete. Es ist aber die Pflicht des Verteidigers, das Interesse des Angeklagten wahrzunehmen. Es ist mir bekannt, daß Zimmer in der Familie Hoffmann als Freund verkehrte und trotzdem den Verdacht gegen die Famile Hofsmann erhoben hat. Die Antisemiten sagen, der Meineid sei aus Furcht geleistet worden, und er spreche für ein Schuldbewußtsein, das auf eine Mitbetheiligung am Morde schließen lasse. Ob der Staatsanwalt etwas Ähnliches hat sagen wollen, ließ sich nicht aus seinen etwas zweifelhaft gewählten Worten erkennen. Thatsächlich ist aber doch in den voraufgegangenen Prozessen und bei den polizeilichen Nachforschungen festgestellt worden, und das ist auch im Masloffprozeß vom Oberstaatsanwalt und im Abgeordnetenhause vom Justizminister ausgesprochen worden, daß „gerade gegen die Familie Levb absolut nichts Belastendes vorliege", und speziell Moritz Levy hat sein volles Alibi Nachweisen können. Wenn also der Meineid wirklich geleistet sein sollte, so könnte man höchstens als Motiv die Furcht vor neuen Beschuldigungen und Verhetzungen herauslesen, wie ja bisweilen überängstliche Leute die unwesentlichsten Dinge ohne ersichtlichen Grund in Abrede stellen,- aber weitergehende Folgerungen sind mit den amtlichen Feststellungen nicht vereinbar. Mehr wie je sollten alle unbefangen Urtheilenden die Mahnung des Staatssekretärs im Reichsjustizamt beherzigen, daß es hier in erster Reihe darauf ankommt, kaltes Blut zu bewahren und nicht neue Erregung in die Bevölkerung zu tragen. Man soll die Dinge ansehen, wie sie sind. Erwartet und verlangt muß werden, daß die Behörden alle Spuren zur Entdeckung des Mörders rückhaltlos und entschieden verfolgen; aber die Versuche, die Untersuchung nach einer einseitigen Richtung zu drängen, lassen nicht das unbefangene Streben nach Wahrheit erkennen, sondern die Absicht, Verwirrung zu stiften und die Erregung um agitatorischer Zwecke willen zu schüren. Oe st er r. -Ungar. Monarchie. Lackenbach, 14. Febr. Ein Zadik ist plötzlich und unerwartet au§ dem Leben geschieden. Es ist dies unser Rabbiner David 11II nt a n n , welcher sich kurz vor seinem Tode noch ganz wohl fühlte und schon nach drei Tagen Unwohlsein, im 80. Lebensjahre, gestorben ist. Erst vor einem Jahre hatte er das 60jährige Amtsjubiläum gefeiert, aus welchem Anlaß eine große Feierlichkeit abgehalten wurde. Der Verstorbene war ein Enkel des berühmten Rabbi Schalum Eharif und Sohn des Rabbi Abraham Ullmann, welche hier bis zu ihrem Ableben als Rabbiner funktionirten. Die allgemeine Werthschätzung und Achtung, deren sich der Verstorbene zu erfreuen hatte, zeigte sich bei der Dienstag stattgefundenen Beerdigung. Noch nie sah man hier solch ein Leichenbegängniß. Aus Nah und zum Theil auch aus großer Entfernung, wie Wien, Preßburg und Graz, waren Leidtragende herbeigeeilt, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Als erster Redner ließ sich im Namen unserer Gemeinde Herr M. Beer vernehmen, welcher die Verdienste des theuren Verblichenen für das Wohl und Aufblühen unserer Gemeinde schilderte. Sodann sprach Herr Rabbiner F r i e d m a n n aus Zehlim, der die vielen guten und edlen Eigenschaften des Verstorbenen hervorhob und die Gemeinde dringend ermähnte, einen dem Verstorbenen Würdigen als Nachfolger zu geben. Trauerreden hielten außerdem noch die Rabbiner aus Oedenbnrg, Simony und Kopingen, welche Alle in gediegenen Worten dem schweren Verlust, den wir mit dem Tode dieses großen Mannes erlitten, gebührenden Ausdruck verliehen. Möge der Allgütige den Hinterbliebenen des theucen Verblichenen, namentlich der Frau Rabbiner, Seinen lindernden Trost verleihen. K r a u s z.