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Der Israelit · 1901-02-21 · Heft 15 (21.2.1901) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 15 (21.2.1901)
Date
1901-02-21
Page
– (sequence 17)
Language
German
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4ft. Jahrgang. Zweite Anlage zu Jfs 15 des „Israelit". Leitender Artikel. Brief aus Galizien. Der Sturm hat ausgetobt, oder richtiger, er hat sich nur verzogen. Das Wahlungewitter im Lande hat sich gelegt und nun wird das Wetterleuchten im österreichischen Reichsrath losgehen. Begonnen hat es ja schon, wie männiglich bekannt. Es verlohnt sich, einen Rückblick aus den Verlauf und die Ergebniffe der diesjährigen Wahlen zu werfen, da daraus für uns Juden vielerlei interessante Lehren ersprießen können, die;u bewahren in Hinkunst nützlich sein könnte. In Galizien, wo von allen Provinzen der Monarchie der größte Prozentsatz jüdischer Wähler vorhanden ist, war es ein wahres Gaudium anzusehen, wie einige Zeit vor den Wahlen und während derselben der hier seit einigen Jahren so lärmend und rücksichtslos austretende Antisemitismus in eine Art Winterschlaf verfiel. Eitel Friede u. Nächstenliebe wurden von allen Redaktionspulten herab gepredigt. Zeitungen, die noch vor Kurzem nur giftgeschwollene Artikel brachten, säuselten verzückt Nächstenliebe und Gleichberechtigung. Aber unter den paar Hundert Kandidaten, die sich um die 78 Mandate bewarben, gab es nur sehr wenige, die offen und „ehrlich" sich zu einem antisemitischen Programm bekannt hätten. Nur drei oder vier thaten es. Kurz, wenn die Juden einmal Lust gehabt batten, über ihre Lage während der Zeit nachzudenken, so hätten sie zu dem Glauben gelangen müssen, daß sie in den seligen Zeiten leben. Im Grunde wußten die Juden aber ganz gut, wie viel Rischus und Jesuitismus sich hinter so mancher von Honigsäum übersließenden Rede verbarg. Was sie aber nicht wußten, das war, daß die sogenannten radikalen Parteien, die mit solcher Leidenschaft gegen die Konservativen ankänwften, und einen so schneidigen, extremen Liberalismus verkündeten, im Grund verkappte Antisemiten waren, denen man womöglich noch weniger trauen durste, als ihren Gegnern. Und daß wir Juden das nicht wußten, das ist eben das Traurige, weil es eine erschreckliche politische Unreife verräth. Eine jedoch noch größere politische Unreife verräth der allgemein verbreitete politische Aberglaube, daß von den Reichsrathswahlen das Wohl oder das Weh der jüdischen Bevölkerung abhänge. Man muß schon sagen, daß in dieser Beziehung die Allerärmsten und Beschränktesten unter uns, die lediglich den persönlichen und Familienangelegenheiten nachgehen und sich um die Politik wenig oder gar nicht bekümmern, ungleich aufgeklärter denken, als die sogenannte „bessere" Klasse, die sich mit Politik abgibt und sich mit großer, einer befferen Sache würdigen Leidenschaft für Wahlen und Kandidaten intereffiren. Eine dreißigjährige Erfahrung hat einen jeden, der lernen wollte, gelehrt, daß es für die ökonomische und politische Lage der jüdischen Bevölkerung ganz gleichgiltig ist, wer am Ruder ist. Daher müßte das Bemühen eines jeden wahren Volksfreundes darauf gerichtet sein, die Energie und die Begeisterung des jüdischen Volkes auf höhere Ziele zu richten, zunächst auf eine Bewegung, sich nach Innen zu oraanisiren, zu gemeinsamer Verfolgung moralischer und ökonomischer Ziele. Indessen wissen gewissenlose Streber den obgedachten politischen Aberglauben der Juden auszunützen und jedesmal, so oft Wahlen in's Land kommen, für ihre eigenen kleinlichen Ziele eines niedrigen, verwerflichen und obendrein lächerlichen Ehrgeizes, die Kraft der jüdischen Bevölkerung zu mißbrauchen und vergeuden. So wie die Sachen nämlich jetzt liegen, ist es absolut ausgeschlossen, daß die Juden aus Galizien in den Neichsrath mehr als höchstens sechs oder acht Abgeordnete entsenden. Der einzige Wahlkörper nämlich, in welchem wir unbestrittene Majorität haben, sind die drei Handelskammern, von denen aber die eine, nämlich die Brodver, ein recht zweifelhaftes Dasein führt und jeden Tag aufgehoben werden kann. In der Städteknrie haben wir absolute Majorität nur in zwei Wahlbezirken, nämlich dem von Kolomea und dem von Brody-Zloszar. Freilich gäbe es im Lande eine eingebürgerte, wohldisciplinirte und wirksame Organisation, so wäre man im Stande, noch in zwei oder höchstens drei Wahlbezirken jüdische Kandidaten durchzuführen. Natürlich würde das schwere Kämpfe kosten, auch hinge es viel von der persönlichen Qualität der Kandidaten ab, die irgendwie verdienstvoll und hervorragend sein müßten, um auch den nichtjüdischen Wählern annehmbar zu sein. In diesem besten Falle also würden wir acht Abgeordnete haben, die naturgemäß, selbst bei außergewöhnlichen GeisteSgaben und ungeheurer Opferwilligkeit, Hingebung und Standhaftigkeit, doch am Ende unter den siebzig nichtjüdischen Kollegen nur eine verschwindende Minorität bilden mühten und folglich nicht den geringsten Einfluß haben würden, wenn sie etwa eine besondere Gruppe bilden wollten, um ihre eigenen Wege zu gehen. Es ist also klar, daß wir, da wir nun einmal zur Minorität verurtheilt sind, gut thäten, etwas weniger Wärme und Kraft an die Wahlbewegung und an die ganze „auswärtige" Politik zu verschwenden.

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