Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1901)
- Date
- 1901-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Wenige Winke genügen, um zu zeigen, waS wir mit diesem Gleichniß sagen wollen. Die Tanaim und Amoraim haben uns im Talmud wohlgeordnet einen Schah bewahrt, der alle irdischen Reichthümer weit übersteigt, das heilige Gottesgesetz. In zahlreichen kurzen Notizen, die sich allenthalben in Mischna, Boraita und Gemara zerstreut finden, haben sie uns die Geschichte der Tradition, der Erhaltung und Bewahrung dieses kostbarsten Gutes ausgezeichnet. Die Großen Israels bis auf unsere Zeit blickten nur slüchiig aus die reichen Quellen, die aus dem Talmud selbst für die Geschichte seiner Träger fließen, das gründliche Verständniß seines Inhaltes stellte so hohe Anforderungen an Geist, Kraft und Zeit dieser herrlichen Männer, daß nur Wenige einen Theil ihrer kostbaren Zeit der Geschichtsforschung weihten. So haben wir außer dem unschätzbaren Sendschreiben des Rabbi Scherira Gaon aus alter Zeit keine Darstellung des Lebens der Lehrer der Gemara, die unbedingt zuverlässig ist. Die wenigen jüdischen Chronisten des Mittelalters schöpften hauptsächlich daraus. Bor ungefähr zweihundert Jahren schrieb dann Rabbi Jechiel Heilvrin sein Seder Hadoroth, dessen zweiter und umfangreichster Theil den Tanaim und Amoraim gewidmet ist. Bei aller Gelehrsamkeit des hochbedeutenden Verfassers kann sein Werk auf Vollkommenheit schon darum keinen Anspruch machen, weil er meist nur Agadastellen für seine Geschichtsforschung heranzog und dann auch, weil ihm viele Hilfsmittel historischer Kritik unbekannt waren. Erst im 19. Jahrhundert begann man sich häufiger und angelegentlicher mit der Geschichte der Träger des Talmud zu befassen. Es waren aber zunächst die Feinde des wahren Judenthums und darum auch die Feinde des Talmud, die dessen Geschichte schreiben wollten. Zur Zeit, als in unseren Gegenden der Abfall vom Gottesgesetz begann, fing man an, moderne jüdische Geschichte zu schreiben. Das Vorurtheil und bittere Gehässigkeit führte vielen dieser Historiker die Feder, selbstständiges Studium des Talmud, auch nur zu Geschichtszwecken, lag ihnen fern. Das Werk des Rabbi Jechiel Heilprin wurde ihr Acker und Pflug. Das Nachschlagen der Zitate des Seder Hadorot ersetzte ihnen das Bekius, die nöthige Belesenheit auf talmudischem Gebiet. Je mehr ihre Wissenschaft eine erborgte war, desto mehr brüsteten sie sich mit ihren Kenntnissen, desto kühner und sinnloser entstellten sie ungestraft die Thatsachen. Das Leben und die Leistungen der verehrungswürdigsten Geister in Israel wurde bewußt und unbewußt einer falschen und unwissenschaftlichen Kritik unterworfen, und der Talmud und seine Meister dem Volke dann in solchen Bildern gezeigt, daß viele Leser dieser Geschichtswerke am Heiligsten irre wurden. Das war beabsichtigt. Die Autorität des Talmud sollte untergraben und damit auch die Verbindlichkeit der darin enthaltenen Gesetze in Zweilel gestellt werben. Auf die babylonische Gemara und die Amoraim aus Babylon war es dabei besonders abgesehen, weil der Talmud Babli für uns Richtschnur ist. Es wurde viel von Spitzfindigkeiten und Haarspaltereien im Babli gefabelt, die Wissenschaftlichkeit des Jeruschalmi dem Babli gegenüber in den Himmel gehoben, es wurde entgegen zahllosen historischen Thatsachen so hingestellt, als ob mit dem Amora Rab erst Thorakenntniß nach Babylon gedrungen sei, ein Gegensatz zwischen den Schulen in Palästina und Babylon construirt, aus jedem Tadelswort, das ein älterer Amora in der Erregung einem jüngeren gegenüber, der sein Schüler ist, gebraucht, wird eine schwere Anklage gegen diesen und oft gegen den ganzen Talmud geschmiedet. Die Entstellungen und Verleumdungen wiederholten sich so oft, daß schon früh auch scharfsinnige Gelehrte, die unserem heiligen Gesetze treu waren, sich von dem weit verbreiteten Vorurtheil gefangen nehmen ließen und Behauptungen aufstellten, die der Verehrung des Talmud Abbruch thun mußten und die sie sicher, wäre ihr Blick nicht künstlich getrübt gewesen, nie ausgesprochen hätten. Es kann nicht Wunder nehmen, daß hervorragende nichtjüdische Schriftsteller bei dieser Sachlage gerade durch die jüdischen Arbeiten zur Verkennung des Talmuds geführt wurden. Vor nicht langer Zeit that ein geschätzter Freund, als ich von jüdischen Geschichtsvorträgen sprach, mir gegenüber den sonderbaren Ausspruch: „Geschichte ist Apikorses." Es zeichnet dies das Verhalten vieler für unser heiliges Gesetz begeisterter Männer diesen Treibereien gegenüber. Wenn sie, selbst angewidert von den darin enthaltenen lügnerischen Darstellungen, solche Geschichtsbücher zuschlugen, glaubten sie genug gethan zu haben. Dann und wann fuhr ein Donnerkeil dazwischen, wie die berühmt gewordenen Artikel R. Samson Raphael Hirsch's, in den ersten Jahrgängen des „Jeschurun" gegen Grätz' Tanaimgeschichte. Im Allgemeinen aber ließ man die sog. jüdischen Historiker weiter fabeln, entstellen und verleumden, ohne genügend zu berücksichtigen, daß keine Wissenschaft leichter zum Volke dringt, und keine es leichter gefangen nimmt, als gerade die Historik. Da trat dann endlich in unserer armen Zeit ein hervorragender Gelehrter in die Schranken, der eine bewundernswertbe Belesenheit im Talmud mit der seltenen Fähigkeit verbindet, auf dem weiten Gebiete des Babli und Jeruschalmi auf jeden Satz, auf jedes Wort zu achten, das sich für die Geschichte verwerthen läßt. Gerade in unseren Tagen, wo die Irrlehren der Modernen jüdischen Geschichtsforschung durch die Litteraturvereine in die weitesten Kreise getragen werden, macht es uns glücklich, auf ein neu erschienenes Werk Hinweisen zu können, das mit eisernem Besen hinwegfeat all die falschen Ansichten und lügenhaften Darstellungen, die Vielen bis jetzt eine der wichtigsten Epochen unserer Geschichte in einem trüben und verzerrenden Lichte erscheinen ließen. Das Werk heißt Dorot Harischonim, sein Verfasser ist der gegenwärtig in Bad Homburg sich aufhaltende Herr Isaak Halevy.