Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1901)
- Date
- 1901-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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WMWMWM Die Zinsen der Berliner Helfft'schen Stiftung, ca. 120 Mt., werden dem Fonds für verschämte Arme überwiesen. Bon den Zinsen des Carl Eduard Hertel'schen Legats, 1600 Mk., erhält der Verein Amicitia 300 Mk, die Lehranstalt für die Wissenschaft des In denthums 450 Mk. und die Lehrerbildungsanstalt 750 Mk. E. R. Berlin. (Antisemitische Verhetzu n g e n.) Herr Fabrikant L. W o l s f , Planufer 32, schreibt dem „Verl. Tgbl.": „Als ich dieser Tage Abends die Friedrichstraße passirte, gewahrte ich, wie einige Damen und Herren sich um ein paar Kinder gruppirten. Ein Knabe, im Alter von etwa 12 Jahren, trug ein kleines, einige Monate altes Kindchen aus dem Arme und führte außerdem noch zwei Kinder von 2—4 Jahren bei sich. Die Kinder froren sehr und weinten bitterlich. Durch Fragen stellte ick fest, daß die Kleinen nach der Auguststraße wollten. Ich nahm eine Droschke, setzte die kleine Gesellschaft hinein und ließ durch den Kutscher die Kinder dem Bestimmungsorte zuführen. Nachdem ich mich schnell aus der Ansammlung, welche sich ja bekanntlich besonders in der Friedrichstraße bald bildet, entfernt hatte, hörte ich plötzlich, wie ein Herr einen andern hinter mir hergehenden fragte, was eigentlich los gewesen sei, woraus der Gefragte erwiederte: „Ein Jude hat Umschau nach Christenkindern gehalten." Ein Kommentar zu dieser schlichten Mittheilung ist wohl überflüssig. Hamburg, 14. Febr. Da die Beziehungen der verschiedenen Konfessionen zu einander in Hamburg sehr günstige sind, so haben die Antisemiten in der gegenwärtigen Wahlbewegung ihre Gegnerschaft gegen das Judenthum stark zurücktreten lassen und arbeiten ausschließlich in Mittelstandsretterei. Es ist ihnen sogar direkt unbequem, wenn sie aus ihre Feindschaft gegen die Juden hingewiesen werden und sie gehen solchen Erörterungen in den Wahlversammlungen gern aus dem Wege. Das geht aber nicht immer. So gelang es denn nach manchen vergeblichen Versuchen, einen der Hauptführer der Antisemiten, Schack, zur Beantwortung der Frage zu veranlassen, wie sich eigentlich die antisemitische Forderung des Ausschlusses der jüdischen Kinder aus den allgemeinen Schulen mit ihrer Zustimmung zu der Forderung der Einführung einer Einheitsschule reime. Herr Schack antwortete darauf, die Judenkinder bildeten in Folge ihrer Eigenart, besonders ihres Ehrgeizes wegen, eine Gefahr für die christlichen Kinder; ein anerkannter Schulmann, der Direktor des Reform- Gymnasiums in Frankfurt a. M., habe sich auch dahin ausgesprochen, daß die jüdischen Schüler seiner Anstalt einen ungünstigen Einfluß auf die übrigen ausübten. Einem Mitgliede der „Kommission zur Vertretung der Schulinteressen bei den Bürgerschaftswahlen" kam dies verdächtig vor und wandte es sich schriftlich an die Direktion des Frankfurter Reform-Gymnagl7 siums. Hierauf erhielt es folgende Antwort des Direktors Dr. Reinhardt: „Für Ihre gütige Mittheilung vom 6. d. M. bin ich Ihnen sehr dankbar. Es ist merkwürdig, daß Gerüchte entstehen können, die genau das Gegentheil der Wahrheit wiedergeben. Ich habe niemals, weder schriftlich noch mündlich, mich über die jüdischen Schüler unserer Anstalt in irgend einer Weise ungünstig ausgesprochen. Ich hätte auch aller Wahrheit in's Gesicht schlagen und die Pflichten meines Amtes aufi^ gröblichste verletzen müssen, wenn ich irgend etwas derartiges hätte sagen wollen. Die jüdischen Schüler unserer Anstalt, die etwa ein Drittel der Gesammtzahl bilden, gereichen durch ihre sittliche Haltung und ihr Benehmen ebensosehr wie alle andern ihren Lehrern zur Freude. Sie sind gewiß im Allgemeinen recht strebsam, indessen gibt es, wie bei allen übrigen, so auch unter diesen Schülern, sehr gut beanlagte, minder beanlagte und gering beanlagte. Ich hebe dies besondershervor, da Gegner unseres Reformversuches in wenig freundlicher Weise darauf hingewiesen haben, daß unsere Anstalt einen verhältnismäßigen bedeutenden Prozentsatz jüdischer Schüler hat. Weil diese besonders beanlagt seien, so könne unser Erfolg nichts beweisen. Herr Geheimrath Dr. Jäger in Köln hat vor einiger Zeit im „humanistischen Gymnasium" eine derartige Auslassung veröffentlicht, die auch durch die Zeitungen gegangen ist. Es ist wohl zu beachten, daß hier gute Eigenschaften der jüdischen Schüler dazu benutzt werden sollten, um unsere Bemühungen als minderwerthig hinzustellen. Aber diese Beweisführung ist hinfällig, da ein durchgreifender Unterschied der Begabung nur der Voreingenommenheit sichtbar wird, in Wirklichkeit aber nicht existirt. Ich möchte voraussetzen, daß derjenige Herr, der die Bemerkung in der Wählerversammlung gemacht hat, von jener Veröffentlichung des Herrn Dr. Jäger durch Hörensagen Kenntniß erhalten, aber nicht genau erfahren hat, worum es sich handelt. Jedenfalls ist es eine entschiedene Fahrlässigkeit, mir etwas völlig Unwahres, aus der Luft Gegriffenes anzudichten. Alle solche Erörterungen über Rassenunterschiede innerhalb der Volksgenossen, die nach Recht und Gesetz das deutsche Volk bilden, scheinen mir ebenso unfruchtbar, wie sie unerquicklich sind." Dieser Brief kam nunmehr in einer antisemitischen Wahlversammlung zur Verlesung. Die Verblüffung der Antisemiten und ihres Führers Schack kann man sich vorstellen. Ohne Zweifel wird dieser Vorgang, der die antisemitische Taktik in ihrem ganzen Glanze zeigt, seinen Einfluß auf die Wahlbewegung nicht verfehlen.*) Memel, 12. Febr. (D i e F e i e r des siebzigjährigen Geburtstages für Dr. I. . R ü l ß) An erster Stelle der Glückwünschenden steht die hiesige Synagogengemeinde, die an ihren *) Ist bereitgeschehen, ssehe Hamburg in der Beilaage-