Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1901)
- Date
- 1901-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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eigenen Verräthern werden, wenn Jemand aus dem Dorfe in's Pfarrhaus kam. Als Bensew daselbst eintrat, wurde er von der ganzen Familie wie ein rettender Engel begrüßt; sie hatten endlich Jemanden, dem sie ihr gepreßtes Herz ausschütten konnten. In der That gelang es dem Freunde nach wenigen Minuten, durch seine herzliche Theilnahme und seine zuversichtliche Hoffnung auf eine Wendung zum Befferen, den Schmerz der Gedrückten zurückzudrängen. „Hat es seit meinem jüngsten Besuche in der Sache etwas Neues gegeben?" fragte Bensew. „Ja und nein," erwiederte der Pfarrer. „Die Sache selbst steht noch so, wie sie gestanden hat, aber sie hat sich insofern verschlimmert, als ich aus den Blicken einiger Bauern, welchen ich begegnet, schließen mußte, daß sie die ganze Geschichte bereits wissen." „Glaubt doch das nicht," erwiederte Bensew; „wenn das wahr wäre, müßte ich früher etwas davon gemerkt haben und ich habe aufmerksam danach gesucht. Wenn man mit so sorgenvollem Blick in die Welt hineinschaut, wie Sie es jetzt thun, dann erblickt man überall Feinde und Gespenster. Die unstäte Sorge und Unruhe sind schlechte Verather, die müssen Sie sich nun einmal vom Leibe halten, sonst verrathen Sie sich selber. Haben Sie Ihren Brief schon aufgesetzt, den Sie an's Konsistorium richten wollen?" „Der ist fertig; ich brauche nur noch die Daten und Zahlen aus den Büchern, die Ihr mitgenommen habt, nachzutragen." Bensew nahm die drei Dokumente aus der Brusttasche, legte sie auf den Tisch und nun vertieften sich die Freunde in die Durchsicht der Bertheidigungsschrift, die der Pfarrer mit großer Weitläufigkeit ausgearbeitet hatte. In diesem Augenblick reichte der Postbote einen Brief durch's offene Fenster herein. Der Pfarrer erbleichte, als er nur die Adresse las; es war ein zweites Schreiben des Konsistoriums. Bensew hatte alle Mühe, seine Freude zu unterdrücken und kleidete sie zur besseren Maskirung in den Ton des Vorwurfs. ..Verzeihen Sie, aber ich muß mich wirklich wundern, wie ein Mann, der das Gotteswort verkündet, seine Gemeinde so oft zum Vertrauen auf Gott ermahnt, wie ein solcher alles Vertrauen verloren zu haben scheint, gerade in dem Augenblick, wo er es am nöthigsten braucht. Jedes Unglück verliert viel von seinem Stachel, sobald man es in seinem ganzen Umfange kennt und erscheint größer, so lange man über seine Bedeutung noch im Zweifel ist. Oeffnet doch den Brief, der Untergang der Welt wird darin sicher nicht verkündet sein." „Ihr habt Recht, Bensew, wir wollen also zusehen, was die Herren in Cassel neuerdings wollen; unglücklicher, als ich bereits bin, können sie mich wahrlich nicht machen, auch wenn der Prozeß gegen mich eingeleitet wird; vor dem Richter will ich mich schon verantworten." Mit diesen Worten öffnete er zitternd das Schreiben; aber kaum hatte er zu lesen begonnen, so sprang er vom Stuhle auf, trat mit dem Brief an's Fenster, als brauche er mehr Licht, um sich zu überzeugen, daß das Alles auch wirklich so dasteht. Er liest und liest mit angehaltenem Athem, da brechen ihm plötzlich die Thronen aus den treuen Augen und er weint wie ein kleines Kind. Bensew war Menschenkenner genug, auch wenn er weniger eingeweiht gewesen wäre, um zu wissen, daß es Freudenthränen waren, die sein Freund weinte. „Benseiv, leit selber, aber lest es laut vor, damit ich selber daran glaube,-sie nehmen Alles zurück, sie hätten mir Unrecht gethan und ich hätte in Wirklichkeit Lob und Anerkennung und nicht Rüge und Tadel verdient, — sie bitten mich um Entschuldigung für das Norgefallene!-Bensew lest!" „Ich habe Ihnen ja schon früher gesagt, daß mir die Casseler Kanzleischrift zu gelehrt und schnörkelhaft ist, aber wenn Sie's sagen, wird's schon wahr sein, da bedarf's meiner Bestätigung nicht. Daß es bei dem Verweis nicht bleiben kann, habe ich ja vom ersten Augenblick an gesagt, aber daß die Herren sich so rasch eines Besseren besonnen haben, hätte ich selber nicht gedacht. Schreiben sie nichts davon, wie sie zur Einsicht ihres Jrrthums gekommen sind?" „Sie seien in Folge nachträglicher Erkundigung eines Besseren belehrt worden, das ist alles; wie kann das zugegangen sein?" „Herr Pfarrer, ich wünsche Ihnen und mir keine größere Sorge, als die Beantwortung dieser Frage. Das wird sich mit der Zeit gewiß aufklären, aber wollen Sie nicht der Frau Pfarrer und Ihren Töchtern die Freudenbotschaft mittheilen?" „Himniel, was bin ich für ein vergeßlicher Mensch, Käthe, Gusle, Grethe!" Nun tarnen sie alle herein, um die Kunde von dem erfreulichen raschen Wechsel ihres Schicksals selber zu erfahren. Bensew benützte den Ausbruch ihrer lauten Freude, um sich der Thüre zu nähern und unvermerkt durch dieselbe zu entschlüpfen. Das Bewußtsein, die Verzweiflung einer braven, befreundeten Familie in Hellen Jubel umgewandelt zu haben, strahlte in verklärter Freude aus den Augen des wackeren, selbstlosen Freundes. Er war damit so reichlich belohnt, daß er seiner eigenen Familie nichts von dem Vorgefallenen erzählte, sondern sofort in sein Magazin eilte, um Ziegen- und Kalbfelle zu sortiren und zu verpacken. Er war aber kaum eine halbe Stunde fort, als der Pfarrer ihm nachkam, um ihn durchaus zurückzu holen.