Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1901)
- Date
- 1901-02-11
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449159--52653-2503207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 die nach dem Tode Joachims gegen ihn zum Ausbruch kamen, thaten ihre Schuldigkeit. L. befand sich nämlich einmal in einem Wortwechsel mit seiner Frau und da soll letztere u. A. gesagt haben: „Wenn der Kurfürst wüsste was du für ein Schelm bist und was du schon mit deinem Zauberbuche alles angestellt, dann wärest du längst nicht mehr da.M Diese Denunziation war zu jener Zeit genügender Grund, um die strengste Untersuchung gegen den Juden L. einzuleiten und das „peinliche Vertahren“ wegen Zauberei gegen ihn zu eröffnen. Und L. sollte nicht nur als gewöhnlicher Hexenmeister verurteilt werden, sondern gar als Zauberer, dessen teuflische Kunst auch den plötzlichen Tod des Kurfürsten herbeigelührt haben sollte. Was konnte den L. bewogen haben, diese That zu vollführen? Wusste er doch, dass mit dem Tode seines Schutzherrn auch er — L. — ausgespielt haben würde. Welche Motive sollten ihn dabei geleitet haben und wie sollte er dies im Kreise der Höflinge, die an jenem Abend den Kuriürsten bis zum Schlafengehen umgeben hatten, ausgeführt haben? Allein an die Stimme der Vernunft und der Gerechtigkeit konnte man zu jener Zeit, zumal da wo es sich um einen Hexenprozess handelte, keine grossen Ansprüche stellen. Das Volk hatte das „Schuldig“ längst über L. ausgesprochen, die Richter mussten iedoch damit, da weder Zeugen noch sonst Beweise für seine Schuld aufzubringen waren, noch bis zu einem umfassenden Geständnis der Angeklagten warten. L. wollte aber nichts gestehen und beteuerte trotz allen Anklagen und Vorhaltungen seine völlige Unschuld Da wurde zu dem damals so beliebten und äusserst bewährten Mittel gegriffen, nämlich zur Folter. L. gab, nachdem er wiederholt die grausamsten Folterqualen erlitten und eine Erneuerung der Tortur befürchtete, nicht nur alles zu, sondern beschuldigte sich noch auf Befragen der widersinnigsten Dinge und so konnten seine Richter mit gutem Gewissen ihn zum Tode verurteilen. Aber noch einmal vereitelte der Angeklagte die Vollstreckung des Urteils. Als er am Mittwoch vor Fastnacht 1578 vor den Gerichtshof geführt wurde, um da öffentlich sein Geständnis zu wiederholen, verweigerte er das letztere und suchte wieder alles bisher Gestandene zu widerrufen. Eine erneute Folter auf dem Berliner Hathause, bei deren unmenschlichen Qualen die Willenskraft des Unglücklichen brechen musste, führte die Affäre endlich zum Ziele. L., an Leib und Seele gebrochen, gab nun das Leugnen auf und legte wieder ganz nach Wunsch seiner Richter ein umfassendes Geständnis ab. Kurz darauf wurde über L. endgiltig das für solche Fälle stets übliche Todesurteil gefällt. Dass aber diese Todesstrafe an L. durch langsame Vollstreckung und die grausamsten Martern unaussäglich verschärft wurde, konnte nur mit Rück icht auf sein ungewöhnlich schweres Verbrechen und sein eignes umfassendes Geständnis geschehen. Litterarisch.es. Freud entli al, Dr. Max. Aus der Heimat Mendelssohns. Mit 3 Lichtdrucken und 1 Familien-Tafel. Berlin 1900. Verlagvon F. E. Lederer (Franz Seeliger). 304 8. In die Heimat Moses Mendelssohns führt uns der Verfasser dieses Buches, das sich im Nebentitel eine Familiengeschichte nennt. Und doch bietet das Buch I weit mehr als eine Familiengeschichte in dem landläufigen Sinne dieses Wortes. Ein höchst anziehendes und interessantes Kulturbild entrollt sich hier vor unseren Blicken. Wir betrachten es mit gespannter und einer stetig sich steigernden Aufmerksamkeit. Die Familie, die im Mittelpunkt der Betrachtung steht, verdient es, dass wir ihr ein wärmeres Interesse entgegenbringen, sie hat sich um die Gesamtheit in mancher Hinsicht verdient gemacht. — Man weiss es, dass sich Moses Mendelssohn einen Nachkommen Moses Isserles', des grossen Glossators des Schulchan Aruch, (lebte 1520 -1572 in Krakau) genannt hat. Dieser Angabe ging der Verf. nach, er fand nur Spuren solcher Verwandtschaft auf, letzte und deutliche Beweise fand er nicht mehr. Denn sie sind nicht mehr zu finden. Im 1. Abschnitte handelt der Verf. von der Niederlassung der Nachkommen Moses Isserles’ in Deutschland, die durch die um die Mitte des 17. Jhds. in Polen entstandenen Chmielnicki'sehen Wirren veranlasst wurde, um sich dann im Abschnitt 2 und 3 der Darstellung der wechselvollen, bald glänzenden, bald aber auch tragischen Schicksale des Hoffaktors Moses Benjamin Wulff in Dessau zuzuwenden, während Abschnitt 4 und 5 der Geschichte der Nachkommen des Letzteren bis auf Daniel Itzig in Berlin, sowie der Wulff scheu Druckerei in Dessau, Berlin, Halle, Göthen und Jessnitz gewidmet ist. Ein Anhang giebt ein Verzeichnis aller in dieser Druckerei hergestellten Bücher sowie, der dort beschäftigten Korrektoren, Setzer und^Drncker, die angehängten Noten sind historisch-kritischen Inhalts und behandeln strittige literar-historische Fragen. — Über Einzelheiten sowie darüber, ob es nicht besser wäre, das nicht unmittelbar unser Thema Berührende nur zu streifen’ anstatt mit aller Ausführlichkeit ^darauf J einzugehen, wie interessant dies auch übrigens au sich - sein mag, wollen wir mit dem Verf. nicht rechten. Wenn der Verf. jedoch