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Der Israelit · 1901-02-11 · Heft 12 (11.2.1901) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 12 (11.2.1901)
Date
1901-02-11
Page
– (sequence 21)
Language
German
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r und Kriegsnot leidenden Volkes ihren Boden hatte oder Folge der zu jener Zeit noch so tief stehenden Kenntnis der Naturwissenschaft war, oder gar — wie meistens behauptet wird — durch Irreleitung einer gntmeinenden Theologie, die in bester Absicht ihre Ermahnungen vor den Lastern und Untugenden, um ihnen grossem Nachdruck zu verleihen, auf die Macht und Gewalt des Teufels stützte, hervorgerufen war? — Es ist Sache der Kulturgeschichte, diese wie andere rätselhafte Erscheinungen des Mittelalters zu ergründen. Die Geschichte eines Juden aber Namens Lippold, der nach dem Tode Joachims II. 1571 als Opfer jenes gefährlichen Aberglaubens gefallen, ist nicht nur für die Geschichte der Juden im 16. Jahrhundert von Interesse, sondern wirft auf die Verhältnisse jener „alten guten“ Zeit überhaupt ein grelles Licht, ganz besonders aber auf die Art und Weise, wie die Kriminalverfahren in den sogenannten Hexenprozessen geleitet wurden. Joachim II., der 1505 im Alter von 30 Jahren als Nachfolger seines verstorbenen Vaters die Regierung in der Mark antrat, war bekanntlich sehr leutseliger und freigiebiger Natur. Unter den jüdischen Familien, denen er gegen ein Schutzgeld von 400 Gulden und einen jährlichen Betrag von 3000 Mk. den Aufenthalt in seinem Lande gestattete, befand sich auch die Familie Judel Hluchim, die von Prag nach Berlin übergesiedelt war, und ein Sohn dieser Familie Lippold, war es, der unter diesem Kurfürsten eine möglichst hohe Höhe erreichte, um desto tieter und wuchtiger nachher herabzustürzen. Lippold verstand es durch geschickte Herbeischaffung und Verwaltung von Geldern sich bald dem prunk- und prachtliebenden Joachim II. unentbehrlich zu machen und seine Gunst in höchstem Grade zu erwerben. Er war bald nicht nur Münzmeister, sondern auch Kammerdiener und Vertrauter des Kurfürsten und ausserdem lag ihm noch die Aufsicht über die im Lande wohnenden Juden ob. Dass es an Neid und Missgunst unter diesen Umständen nicht fehlen konnte, ist selbstverständlich. Lippold aber war nicht nur bei den Höflingen, die ihn um Amt und Würde beneideten, bis in die tiefste Seele verhasst, sondern auch bei der Bürgerschaft, ja sogar bei seinen Glaubensgenossen nur wenig beliebt. In seinem Eifer, den finanziellen Ansprüchen seines Herrn stets gewissenhaft zu gegenügen, musste er oft rücksichtslos gegen die Bürger verfahren und die Juden hatten sich über seines Härte und Unerbittlichkeit bei der Einziehung der Schutzgelder und Kopfsteuer zu beklagen. Es muss in der That zugegeben werden, dass diese Klagen nicht ganz unberechtigt waren. Im Gegensätze zu den idealen Lebensanschauungen der damals fast recht- und schutzlosen Juden konnte man doch bei L. einige recht charakteristische Eigenschaften eines Emporkömmlings wahrnehmen, obzwar nicht alles, was ihm in Bezug auf Betreiben von Wucher und andern unlauteren Geschäften nachgesagt wird, als bare Münze aufzunehmen ist. Es muss jedoch zu Gunsten der märkischen Verhältnisse im 16. Jahrhundert hervorgehoben werden, dass man zu jener Zeit in L. nicht den Juden, sondern lediglich den als stolz und rücksichtslos geltenden Beamten gehasst hat. Am 3. Janu«r 1571 wurde Berlin schon in aller Frühe von der sensationellen Kunde überrascht, der Kurfürst Joachim II. sei in der verflossenen Nacht in seinem Schlosse zu Köpnik plötzlich verstorben. Die Nachricht rief um so mehr die Verwunderung und Erregung des Volkes hervor, als man allgemein wusste, dass der Kurfürst, der ein Alter von 65 Jahren zählte, sich bis dahin in voller Gesundheit und Rüstigkeit befand, ja sogar noch Tags vorher wohlgemut auf der Wolfsjagd gesehen worden war; aber niemand glaubie oder dachte daran, dass hier etwa ein Verbrechen gegen das Leben des Fürsten vorliegen könne. Als Grund und Ursache’^des Todes wurde eine veraltete Fusswunde, die er trotz der Mahnung seines Leibarztes vernachlässigt , angenommen, welche Annahme durch die Schilderung der Todeserscheinungen seitens des Hofgesindes verstärkt wurde. Bald sollte aber beim Regierungsantritt seines Nachfolgers Johann Georg die Sache eine andere Wendung bekommen. Johann Georg suchte für die Misswirtschaft seines verschwenderischen und prachtliebenden Vaters die Räthe und Vertrauten derselben verantwortlich zu machen. Die meisten hatten mit dem Ableben Jochims auch ihre Rolle ausgespielt, aber am Härtesten traf das Schicksal den jüdischen Münzmeister und Kammerdiener Lippold. Er wurde zur strengen Untersuchung gezogen und zwar anfangs nur wegen der Anschuldigung der Unterschlagung von öffentlichen Geldern; allein alle Haussuchungen und Nachforschungen konnten nicht den Schatten eines Beweises für die ihm zur Last gelegte Anklage erbringen. Schon sollte L. auf freien Fuss gesetzt werden, aber der tätliche Hass und allgemeine Unwille,

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