Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1901)
- Date
- 1901-02-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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373 Als Gemeindealtester der Synagogengemeinde seines Ortes stand er in lebhaftem Verkehr mit dem Vorsteheramte der Israeliten, als seiner Vorgesetzten Behörde. Er hatte schon seit einigen Wochen die Absicht, bei dem Vorsteheramte Schritte wegen Besserstellung des Lehrers, Cantors und Schächters zu thun, der seit ca. sechs Monaten zur vollen Zufriedenheit der ganzen Gemeinde seines Amtes waltete. Auch den seit Jahresfrist amtirenden Landrabbiner hätte er gerne kennen gelernt und gewünscht, daß derselbe einmal zur Inspektion der Schule und Abhaltung eines Vortrages nach Malsfeld komme. Zu diesem Zwecke wollte er sich aber erst gerne vergewissern, welcher religiösen Richtung derselbe angehöre. Denn wenn er dem Abfall von der Religion der Väter huldigen sollte, der damals als „Reform des Judenthums" vielfach verkündet wurde, verzichtete er gerne auf den Besuch eines solchen Apostels dieser Modereligion. Mit diesen und ähnlichen Gedanken ging er in der Richtung nach dem Bureau des Vorsteheramtes der Israeliten. Auf dem Corridor bedeutete ihm der Pedell, daß der Herr Landrabbiner gerade beim Sekretär des Vorsteheramtes sei. Er führte ihn in das Vorzimmer und sagte ihm, er möge da warten, bis der Herr Landrabbiner fortgehe und dann solle er nur zum Sekretär, Herrn Dr. Pinchas, in dessen Bureau hineingehen. Die Bureauthüre war wegen der großen Hitze halb geöffnet. Bensew mußte im Vorzimmer also jedes Wort hören, das drinnen gesprochen wurde, und durfte annehmen, daß es jedenfalls keine Geheimnisse seien, die da bei offenen Thüren verhandelt wurden. Die Herren saßen hinter der Thüre, so daß Bensew weder sie sehen konnte, noch von ihnen gesehen wurde. Die schlaflose Nacht, der ermüdende Marsch, die Aufregung des Morgens, machten ihr Recht geltend und Bensew hatte sich kaum niedergesetzt, als ihm die Augenlrrder zufallen wollten. Da wurde die Unterhaltung der beiden Herren etwas erregter und lauter, so daß sie unwillkürlich Bensew's Aufmerksamkeit fesselten. Die Stimme des Herrn Dr. Pinchas war Bensew wohlbekannt, und da er wußte, daß die andere Stimme die des Herrn Landrabbiners war, so konnte er sich leicht in die Situation finden. Eben sagte die fremde Stimme: „Ich wiederhole Ihnen, daß ich ganz auf Ihrem Standpunkte stehe, ja, daß ich vielleicht eine noch viel radikalere Reform wünsche, als Sie selbst. Aber eben deßhalb halte ich eine Synagogenordnung, wie sie Ihnen vorschwebt, für einen chronischen Fehler. Ja, für die Residenz schon; da erfreut sich das Gros der Gemeinde bereits der nöthigen Bildung und Aufklärung, aber in den Landgemeinden!? Wissen Sie, daß wir mit einer solchen Synagogenordnung bei den Landjuden eine richtige Revolution zu gewärtigen haben? Lassen Sie noch einige wenige Jahre in's Land gehen, bis ich mich selbst bei den Landleuten eingeführt habe und so die Möglichkeit vorhanden ist, sie für den Fortschritt zu gewinnen! Das ist meine unmaßgebliche Meinung." „Als Vorsitzender des Landrabbinats," erwiederte die Stimme des Herrn Dr. Pinchas, „haben Sie eine sehr maßgebliche Meinung. Das schließt aber nicht aus, daß sie auch einmal irrig sein kann, und das ist sie in dem vorliegenden Falle ganz gewiß, was bei der kurzen Zeit Ihrer Amtsthätigkeit nur zu begreiflich ist. Sie kennen hier Land und Leute noch nicht genug und dürfen sich darüber wohl von einem Manne, der wie ich, darin alt und grau geworden ist, eines Besseren belehren lassen. Die Sache liegt gerade umgekehrt. Für unsere Casselaner brauchten wir keine neue Synagogenordnuna, da liegt die Bildung und Aufklärung in der Lust und die Elite der Gemeinde hat mit dem alten Plunder schon längst gründlich aufgeräumt, ohne auf die landrabbinerliche Sanktion erst zu warten. Orgel, gemischter Chor, Streichung der alten Gebete und Einführung von Gebetstücken in deutscher Sprache, das ist hier nur eine Frage der Zeit. Es bedarf nur eines Vorstandsbeschlusses und keines Hindernisses seitens des Landrabbinates; dann wollen wir hier schon unser Sckäfcken in's Trockene bringen. Ganz anders liegt aber die Sache bei den beschränkten, fanatischen Landjuden." Der Herr Landrabbiner wollte hier seinen Partner unterbrechen, dieser ließ sich jedoch nicht irre machen. „Lassen Sie mich nur zu Ende reden, Sie werden ja dann sofort das Wort haben und wir haben Zeit genug, die Tage sind ja jetzt sehr lang. — Was unsere Landjuden betrifft, so beurtheilen Sie diese ganz falsch. D i e und Revolution? Da können Sie ruhig sein, verehrter Herr Landrabbiner, die sind nicht aus dem Holz geschnitzt, aus dem man Revolutionäre und Barikadenstürmer macht. Wenn heute unsere neue Synagogen-Ordnung erst die landrabbinerliche und landesherrliche Genehmigung hat, dann kräht kein Hahn danach. Sie ducken sich Alle, nicht einmal in der Tasche werden sie eine Faust machen. Und wenn gegen alles Erwarten sich ein verschrobener Zelot dagegen erheben sollte, so werde ich dafür haften, daß er wegen Störung des Gottesdienstes mit strengem Gefängniß bestraft wird, das wird Alle abschrecken. Aber die Initiative müssen wir ergreifen, den ersten Schritt müssen w i r thun. Wollen wir aber die Sache auf die lange Bank schieben, dann wird die egyptische Finsterniß in Permanenz erklärt, unter der unsere gesammte Landjudenschaft mehr und mehr verdummt. Wie lange wollen Sie warten, auf was wollen Sie warten? Es wird in zehn Jahren alles genau so sein, wie es heute ist und wie es vor zehn Jahren war. Jeder Tag ist ein unersetzlicher Verlust und deßhalb meine ich, wir sollten sofort an die Arbeit gehen."